Zeitung Heute : Senkellose Mode kaufen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

NAME

Paul ist jetzt 15, seit zwei Tagen erst, und wenn man so will, ist schon ein Jahr seines Pubertistendaseins vergangen. Der Vater denkt allerdings weniger rückläufig, sondern mit Schrecken daran, wie viele Pubertistenjahre noch kommen werden. Und was noch alles kommen wird: Eitelkeit zum Beispiel.

Die pflegt Paul zwar schon, aber dass diese Pflege noch steigerungsfähig ist, das wurde schon am Geburtstag erkennbar, an dem zwei Tuben Gel im Haar einen stark triefenden Geruch hinterließen, wohingegen beim Gang zum familiären Geburtstagsessen Pauls Baggy-Hose einen etwas unterernährten Eindruck erzeugte. Baggy-Hosen, das hat der Vater aus dem vergangenen Jahr schon fürs Leben gelernt, sind jene Beinkleider, bei denen die Hüfte bis knapp über die Kniekehle verlagert wird. Dafür kann man mit Baggy-Hosen sehr schön das Trottoir fegen. Auch passen drei, vier solcher Pubertisten in eine einzige Baggy-Hose - aber das ist unpraktisch. Zu Baggy-Hosen gehören Basketballschuhe oder auch Skater-Schuhe, auf jeden Fall ohne Schnürsenkel. Das ist auch unpraktisch - „Na und?“, hatte Paul gesagt und sich der Vater gedacht, dass Logik offensichtlich nicht ins Denkschema eines Pubertisten gehört.

Gott, was soll man sagen als Vater zu Schlabberhosen und Schlürfschuhen? „Heb’ die Füße“, ja, das geht noch, ist aber nach fünf Schritten wieder vergessen. Aber soll man behaupten, dass Wrangler-Jacken, Röhrenjeans und Clocks irgendwie schicker waren, damals, als der Vater Pubertist war? Es gibt ja Fotos aus der Zeit und Paul hatte die Clocks als Klompen interpretiert, als Holzschuhe aus Holland - „Und? Käse hattet ihr auch auf dem Rücken?“ Der Vater hatte dann geschwiegen.

Ein anderes Mal war der Vater Paul soziologisch gekommen, nachdem er über die Herkunft dieser gürtelfreien und senkellosen Mode gelesen hatte. Paul fand das aber extracool, dass die Pioniere der Kniekehlenhüfte amerikanische Knackis waren, denen man zum Schutz vor Lebensüberdruss die Bänder abgenommen hatte.

Am Ende hatte Paul den Vater mit ins Baggy-Hosengeschäft genommen, wahrscheinlich, weil der Vater zwar kein Modebewusstsein hat, aber ein Portemonnaie. „Paul, in die Hose passen der große und der kleine Konrad auch noch rein“, hatte der Vater bei Pauls erster Wahl gesagt, die Konrads sind Mitpubertisten von Paul. Paul fand die Hose aber doch irgendwie zu eng und nahm am Ende eine, in die der dicke Jonas auch noch gut mit einsteigen könnte.

Der Preis für so eine Tandem-Hose war dem Vater allerdings sehr logisch vorgekommen, weil Hosen für vier Pubertisten natürlich mehr kosten als eine Hose für einen. Nur, dass Paul die Gruppenhose für sich alleine beansprucht. Dafür ist das Trottoir zwischen Baggy-Hosengeschäft und familiärer Wohnung jetzt sehr schön gefegt. Und der Vater schwört, dass es das allerletzte Mal war, dass er mit Paul Kleider einkaufen geht. helmut schümann

Es ist Sommerschlussverkauf, Schnäppchen sind jetzt in der ganzen Stadt zu haben, auch in Übergrößen für Pubertisten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben