Sensation im Louvre : Signor Mona Lisa

Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Man mag darüber streiten, wer die schönste Frau der Welt ist. Nofretete, die mandeläugige Ägypterin, gehört sicherlich nicht nur aus aktuellen Gründen zur engeren Wahl. Andere nennen Maria Callas oder Julia Roberts, und nur Verblendete oder Erblindete würden Heidi Klum und Claudia Schiffer in die Kandidatenliste einfließen lassen. Aber man, erst recht Mann, wird zu keinem endgültigen Resultat kommen. Unstrittig aber ist, wem das schönste Lächeln der Welt und aller Zeiten gehört: Lisa di Noldo Gherardini, Tochter eines Florentiner Manufakturbesitzers, die früh mit Giuliano de Medici verlobt war, dann, als Giuliano vertrieben wurde, allein und geschwängert zurückblieb und später den Kaufmann Francesco del Giocondo ehelichte.

Allora: La Gioconda. Oder auch Mona Lisa. Abfotografiert, oder wie man damals in der Renaissance sagte, abgemalt von Leonardo da Vinci so um 1503 und seit dem Ende der Französischen Revolution mit kurzen Unterbrechungen im Louvre zu Hause. Was wurde in all den Jahren für ein Gewese um ihr Lächeln gemacht: dass es versonnen sei. Oder doch eher schelmisch? Selig. Nicht auch wehmütig? Oder doch mehr umflort mit einem Hauch von Fröhlichkeit, wofür auf jeden Fall der Familienname Giocondo spricht. Aber das Gewese hat nun ein Ende.

Frauen dieser Welt, die ihr dieses Lächeln und Lisas Schönheit für euch zu Buche schlagen lassen wollt, die ihr mit großem Recht und ohne Frau Merkel um die Quote zur Gleichbehandlung und -bezahlung kämpft, ihr müsst jetzt sehr tapfer sein: Das schönste Frauenlächeln der Welt, es gehört Gian Giacomo Caprotti, und das war ein Mann. Kunsthistoriker haben das mittels Digitalanalysen herausgefunden und in den schönen Augen der vermeintlichen Lisa die Buchstaben L und S entdeckt. L, das meint den Meister selber, S kürzt Salai ab, was der Künstlername des Gian Giacomo Caprotti war. Es mag ein Trost sein, dass das Bild, wenn es denn so zustande kam, immerhin eine Liebeserklärung ist, eine von Leonardo an seinen Schüler und Geliebten Salai. Und um eine ausgleichende Gerechtigkeit zu schaffen, sei an eine andere kunsthistorische Theorie erinnert. William Shakespeare, den wir Männer voller Stolz auf unserer Habenseite verbuchen, war ziemlich wahrscheinlich eine Frau.Helmut Schümann

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