Zeitung Heute : Serbien: Belgrader Katharsis

Stephan Israel

Es ist, als suchten längst verscheuchte Geister der Vergangenheit das Land heim. Es sind die Toten, tief unten verscharrt und scheinbar vergessen, die sich zurückmelden. Diese mysteriöse und gleichzeitig makabre Geschichte handelt von Leichen, von denen niemand gewusst haben will. Es sind die Leichen im Keller von Slobodan Milosevic. Alles hat mit der Enthüllung eines Vorfalls begonnen, der schon zwei Jahre zurückliegt. Anfang April 1999, kurz nach Beginn der Nato-Luftangriffe auf Jugoslawien, machten Bewohner aus dem kleinen Ort Tekija an der Donau eine furchtbare Entdeckung: Der Fluss hatte über Nacht das Heck eines Lastfahrzeugs mit Nummernschildern der kosovarischen Stadt Pec freigegeben. Die Männer, die das Fahrzeug bergen wollten, fanden einen Kühlwagen voller Leichen, einige nackt, andere in traditioneller kosovarischer Kleidung: "Es waren viele Körper von Frauen, Kindern und Alten", erinnert sich heute ein Augenzeuge gegenüber der Zeitschrift "Timocka Krimi Revija", die den Fall nun einige Monate nach dem Ende der Milosevic-Ära publik gemacht hat.

Nach dem schrecklichen Fund wandten sich die Männer an die nächste Polizeistation. Die Beamten erkundigten sich in Belgrad, wie mit dem brisanten Fall umzugehen sei. "Am nächsten Tag wurde uns beschieden, so zu tun, als sei nichts gewesen, und den ganzen Vorfall zu vergessen", erinnert sich der Augenzeuge. Der Kühlwagen, der für immer in den Fluten der Donau hätte verschwinden sollen, wurde auf Anordnung von höchster Stelle zum "Staatsgeheimnis" erklärt. Was dann unter dem Schleier der Verschwiegenheit geschah, kommt heute nach und nach ans Tageslicht. Die Leichen wurden auf einen anderen Lastwagen umgeladen, nach Belgrad gebracht und außerhalb der Stadt vergraben. Serbiens neuer Innenminister Dusan Mihajlovic spricht inzwischen von ernsthaften Indizien dafür, dass der damalige Präsident Slobodan Milosevic höchstpersönlich die "Säuberung des Schlachtfeldes" beschlossen habe. Die Leichen hätten verschwinden müssen, damit sie nicht das Interesse des Haager Kriegsverbrechertribunals wecken. In den Archivschränken der Polizei ist der Vorfall offensichtlich bestens dokumentiert. Es soll Fotos geben, und Innenminister Mihajlovic berichtet äußerst detailliert: 86 Leichen hätten sich im Kühlwagen befunden; die Albaner aus dem Kosovo seien nicht bei Kämpfen ums Leben gekommen, denn nur eine Leiche weise Schusswunden auf.

Viele, die geschwiegen haben, beginnen nun zu reden, auch ein weiterer Augenzeuge, der sich heute erinnert, wie vor zwei Jahren unbekannte Männer den Kühlwagen in den Strom der Donau rollen ließen. Inzwischen ist auch bekannt geworden, dass die gescheiterte Versenkung des Lasters unter dem Codenamen "Dubina zwei" lief, übersetzt: "Tiefe zwei". Das lässt darauf schließen, dass es zumindest noch einen weiteren, erfolgreicheren Versuch gegeben haben muss, Leichen zu versenken. Ein zweiter Kühlwagen liege auf dem Grund eines Sees 250 Kilometer südwestlich der Hauptstadt, behauptet eine Belgrader Menschenrechtsorganisation in einem Brief an die Behörden.

"Es gab nicht nur einen Kühlwagen", bestätigt Innenminister Mihajlovic. Tote Kosovaren seien systematisch eingesammelt und abtransportiert worden; allein rund um Belgrad sollen in fünf oder sechs Massengräbern mehr als 800 Tote verscharrt worden sein. Unter dem Asphalt einer Autobahn liegen angeblich weitere Opfer begraben. Und weiter im Westen, auf dem Friedhof von Sremska Mitrovica, hat der Direktor der Kommunalverwaltung 107 unidentifizierte Leichen entdeckt, die während der Kriege in Kroatien und Bosnien von der Donau und der Save angespült worden sind.

Was in der alternativen Belgrader Szene

nie ein Geheimnis war, wird jetzt in der serbischen Öffentlichkeit diskutiert. "Die Leute wollen wissen, was passiert ist", sagt Jasna Jankovic vom Radio- und Fernsehsender B92. Die Journalistin ist zuständig für die Radio-Sendung "Katharsis", die einmal wöchentlich in die dunkle Vergangenheit der Milosevic-Ära hineinleuchtet. Einmal geht es um die brutale Vertreibung der Muslime aus dem ostbosnischen Foca, dann um die Verschleppung von 17 muslimischen Passagieren aus einem Bus im Oktober 1992. Die Quoten von "Katharsis" steigen; die Reaktionen des Publikums schwanken zwischen Entsetzen und Aggression. Im Fernsehprogramm von B92: eine Serie über die Belagerung von Sarajevo und ein Film über das Massaker von Srebrenica. Information ist nötig, denn die Mehrheit der Bevölkerung ist noch immer der Auffassung, dass die Belagerung der bosnischen Hauptstadt eine Inszenierung der Medien und das Massaker an Tausenden Muslimen von Srebrenica eine Propagandalüge war.

Die Belgrader Menschenrechtsaktivisten sind allerdings nicht glücklich über die Art, wie Jugoslawiens und Serbiens neue Führung die Vergangenheit bewältigt. Jugoslawiens Präsident Vojislav Kostunica, hat mit der Einberufung einer Wahrheitskommission Kritik und Spott geerntet. Dem Gremium ohne klare Kompetenzen und ohne Budget gehören vor allem einschlägig bekannte Nationalisten aus Serbien an. Die Wahrheitskommission habe offenbar den Auftrag, die offizielle serbische Version der Geschichte zu schreiben, kritisiert der Menschenrechtsexperte Vojin Dimitrijevic, der die Einladung des Präsidenten ausgeschlagen hat, der Kommission beizutreten.

Die Führung in Belgrad tut sich schwer, das versprochene Gesetz über die Kooperation mit dem Haager Kriegsverbrechertribunal rechtzeitig vor der internationalen Geldgeberkonferenz Ende Juni auf den Weg zu bringen. Unter Druck hat die Regierung inzwischen signalisiert, dass Serbiens prominentester Häftling Slobodan Milosevic möglicherweise auch ohne Sondergesetz an das UN-Tribunal ausgeliefert werden könnte. Darauf muss die Öffentlichkeit offenbar vorbereitet werden - das ist für die Menschenrechtler in Belgrad der Grund, warum nun so viel über die Leichenfunde geredet wird. "Ich finde es makaber, dass die Leichen instrumentalisiert werden", sagt Drinka Goikovic, die ein Dokumentationszentrum über die Milosevic-Kriege leitet. Das alte Regime hat die Toten versteckt. Die neue Führung nutzt die Enthüllungen zur Meinungsbildung. Was genau den Toten aus der Donau widerfahren ist, weiß man allerdings noch immer nicht. Das könnte etwas damit zu tun haben, dass an der Spitze von Armee und Polizei noch immer dieselben Leute stehen, die bei der Operation "Säuberung des Schlachtfeldes" mit von der Partie waren.

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