Zeitung Heute : Serbien, ein Gangsterfilm

Vor einem Jahr wurde Zoran Djindjic ermordet – nun hat der Prozess begonnen, und die Medien übertreffen sich mit wilden Verschwörungsstorys

Caroline Fetscher

Es war Frühling, als die Schüsse auf Zoran Djindjic fielen, vor fast genau einem Jahr. Serbiens Premier, die Hoffnung der Demokraten, lag einen Monat unter der Erde, als ein serbischer Politiker an einem kleinen Ort in Süddeutschland mit Diplomaten und politischen Beobachtern zusammenkam, um ihnen vertraulich von der Lage im Staat nach dem Mord an Djindjic zu berichten. Er bot seinen Zuhörern ein Szenario, das selbst Hartgesottenen den Atem nahm. Er sprach angespannt, sichtlich noch trauernd, und in Angst. Es war still im Raum.

„Alles, was Sie je in Gangsterfilmen gesehen haben, ist bei uns in Serbien passiert“, sagte der Politiker. „Patienten wurden absichtlich durch Ärzte getötet, die Leibwächter von Djindjic erhielten Zusatzlohn von der Mafia. Das Geld finden Sie auf ihren Konten. Jeden Tag wächst vor unsern Augen das Ausmaß eines kriminellen Netzwerks.“ In einer Kiesgrube auf den Hügeln vor Novi Sad entdeckten Fahnder dann noch die Leiche eines weiteren ermordeten Spitzenpolitikers. Der im August 2000 entführte Ivan Stambolic, Ex-Präsident Serbiens, war von seinen Entführern erschossen worden. Am Montag begann der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter, der eng verknüpft ist mit dem Verfahren im Mordfall Djindjic. Mit Ingrimm erklärte Stambolics Sohn, Zeljko, vor dem Belgrader Gerichtsgebäude, er erwarte, dass die Täter angemessen bestraft würden. „Der Mann, der den Mord befohlen hat, Milosevic, ist nicht hier, und der die Tat organisiert hat, fehlt auch.“ Der eine Angeklagte sitzt in Den Haag, wo er sich wegen Massenmords verantwortet. Der andere ist ebenso berüchtigt wie flüchtig. Milorad Lukovic, genannt „Legija“, angeklagt auch im Fall Djindjic, hatte als Kopf der inzwischen aufgelösten Spezialeinheit „Rote Barette“ Männer und Munition genug zur Verfügung. Seinen Leuten habe er das Märchen erzählt, Djindjic wolle sie alle, ausnahmslos nach Den Haag überstellen. In Wahrheit drohte nicht nur „Legija“, sondern hunderten anderer der Entzug ihrer Privilegien und Pfründen, wenn Zoran Djindjics Reformprozess vorangekommen wäre.

So sollte das Attentat an Djindjic, das scheint inzwischen klar, mit Hilfe der Mafia einen Putsch der Nationalisten einläuten. Zu „Legijas“ Mitverschwörern sollen drei der Herren zählen, die tatsächlich vor den Richtern stehen: der ehemalige Geheimdienstchef Radomir Markovic, dessen Stellvertreter Bracanovic sowie das frühere Oberhaupt der serbischen Armee, Nebosja Pavkovic.

Serbiens Sumpf aus Korruption reichte bis weit in den Staatsapparat hinein. Trockengelegt ist er noch keineswegs. Statt politischer Morde bedienen sich Nationalisten und Mafia mittlerweile der Medien, in denen der seriöse Sender B92, das Wochenblatt „Vreme“ oder die Zeitung „Danas“ zur absoluten Ausnahme gehören. Wilde Geschichten jeder Art blühen zurzeit am Zeitungskiosk und auf populären privaten Fernsehkanälen wie „TV Pink“. Geschichten über die Bräute der Bosse, rachsüchtige und betrogene Ehefrauen, geheime Konten im Ausland, erschlichene Staatsaufträge, Geldwäsche und Schmuggelbusiness machen Schlagzeilen.

Vertagen und verschleppen

In der Diktatur des Slobodan Milosevic waren Serbiens Medien das Opium fürs Volk, und seine Anhänger haben von ihm gelernt. So ist es kein Wunder, dass der Stambolic-Prozess ebenso wie der Prozess im Mordfall Djindjic, der am 22. Dezember begann, begleitet wird von einer Fülle an Horrorstorys, welche die Demokraten, lebende wie ermordete, diskreditieren soll. Bei beiden Prozessen heißt die Strategie der Angeklagten und ihrer Verteidiger vertagen und verschleppen. „Alles, wofür Zoran Djindjic stand, vor allem Demokratie und Reform, soll nachträglich ins Zwielicht gerückt werden“, erklärt die Serbin Jasmina Njaradi, die in Berlin beim RBB für Radio Multikulti das serbische Programm betreut.

Vom Mord am Hoffnungsträger Djindjic scheint ähnlich verheerend zu wirken wie die Ermordung Jitzak Rabins in Israel, die das Land in eine Tragödie trieb. In Serbien ist das demokaratische Bündnis DOS zersplittert. Davon haben die Nationalisten profitiert. Sie wittern Morgenluft, allen voran der Jurist und „moderate Nationalist“ Vojislav Kostunica, seit kurzem der designierte Nachfolger Djindjics als Premierminister. Diese Woche schockierte Kostunica den EU-Außenminister Javier Solana wie die US-Regierung mit der Aussage, Serbien sei „kein Menschenlieferant für das Tribunal in Den Haag“. Der nationalistische Putsch, der nicht sofort gelang, scheint schleichend doch noch zu geschehen. „Wie die Justiz in diesem Klima Erfolg haben soll, das weiß keiner“, sagt Jasmina Njaradi.

Kurz nachdem in Belgrad am 12.März 2003 die tödlichen Schüsse auf Djindjic gefallen waren, hatte sich das Innenministerium zu einer massiven Aktion gegen das organisierte Verbrechen aufgerafft. Zwölf Tage nach dem Attentat ging den Fahndern der 38-jährige Zvezdan Jovanovic ins Netz. In Haft verlor „Zveki“, wie er unter Kumpeln heißt, sogleich die Nerven, rief nachts nach einem Wächter und gestand, der Attentäter zu sein. Inzwischen schweigt er wieder. Auch die Mordwaffe gruben Ermittler unter einem Steinhaufen aus. Wer aber waren die Auftraggeber von „Zveki“? Zu den Favoriten unter den serbischen Verschwörungstheorien gehört die Story, die große Razzia vom vergangenen Jahr habe allein eine Mafia-Bande, den Zemun-Clan aufs Korn genommen, nicht aber den ebenso gefährlichen Surcin-Clan. Mit dem habe schon Djindjic gemeinsame Sache gemacht. Der Ex-Chef der Surcin-Bande, Ljubisa Buha, Bauunternehmer und Geldwäscher, hatte sich tatsächlich Ende Januar 2003, zwei Monate vor dem Attentat auf Djindjic, mit einem Anruf bei Radio B92 als Informant über die Mafia-Szene angeboten: „Serbien wird die Beweise sehen“, versprach er dann in einem Zeitungsinterview. All das tat er nur, munkelt man heute, weil seine verbitterte Ehefrau Liljana aus Eifersucht zum Konkurrenz-Clan gelaufen sein soll. So mauserte sich der Mafia-Mann Buha zum Vertrauten der Regierung.

Handfeste Interessen

Als elegant gekleideter, selbstsicherer Kronzeuge trat Buha am 18. Januar im Djindjic-Prozess auf, wo er von den Rache- und Mordkomplotten „Legijas“ berichtete, die dieser selbst ihm anvertraut habe. Doch an Buha und dem Zorn seiner Ehefrau allein lag es nicht, dass Zoran Djindjic sterben musste. Es ging um handfeste politische Interessen. So erklärte etwa Carla del Ponte, Chefanklägerin des Haager Tribunals, kürzlich, dass ihr Djindjic persönlich die Festnahme des als Kriegsverbrecher gesuchten Serbengenerals Ratko Mladic zugesichert hatte. „Das war zwei Wochen, ehe er starb.“

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