Serbien und Europa : Augen auf und durch

Caroline Fetscher

Mit einem Fuß war er schon drin im neu entstehenden Europa. Doch das Kalkül des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der auf den Sieg ultranationalistischer Kräfte in Belgrad setzte, ist nicht aufgegangen. Statt sich für den Kandidaten mit der Blut-und-Boden-Rhetorik zu entscheiden, hat Serbiens Bevölkerung den nach Brüssel ausgerichteten Boris Tadic gewählt. Knapp, aber immerhin. Da half auch Putins Versprechen für eine Pipeline nach Serbien am Ende nicht. Nicht der Kreml, sondern Europa stellt den Leuchtturm dar, an dem sich Serbiens Mehrheit orientieren will.

Mit einem Fuß war er schon draußen aus Serbien, der anonyme Kommentator, der zu den Hunderten gehörte, die in der Nacht nach Serbiens „Super Sunday“ auf der Website der großen, liberalen serbischen Radiostation B92 ihre Begeisterung über den Sieg der Freunde Europas kundtaten. Nun könne er seine Koffer wieder in den Schrank stellen, schrieb der Kommentator erleichtert. Andere dankten öffentlich Gott oder zogen in hupenden Autokorsos durch die Straßen.

Es sei ein Jammer, klagt der Wahlverlierer Tomislav Nikolic, dass die Angst gesiegt habe. Dabei hatte gerade seine Gefolgschaft auf die Angst vor Europa gesetzt und eine konstruierte Beziehung zu den orthodoxen, slawischen Brüdern in Moskau beschworen, wo man die Witwe und den Sohn des verstorbenen Kriegstreibers Milosevic vor der Strafverfolgung in Serbien schützt und beiden Asyl gewährt. Das mentale Serbien unterscheidet sich noch immer vom realen Staat Serbien. Dort hat die Suche nach Wirklichkeit erst begonnen.

So ist Boris Tadic obenauf, aber verhalten. Ihm ist klar, dass sein Land noch politisch gespalten ist, und wenn er Serbiens Wählern zu ihrer Entscheidung gratuliert, hat er dabei vor allem die jüngeren Generationen im Blick. Euphorie kann bei dem Fünfzigjährigen kaum aufkommen, ein Erdrutsch ist sein Sieg keineswegs und die nahe Zukunft wird ihm nicht einen Tag Ruhe gönnen. Sein Votum für den Weg nach Brüssel wird den Serben unmittelbar Vorteile verschaffen, zum Beispiel endlich Visumsfreiheit. Viel mehr wird allerdings vorerst nicht zu ergattern sein. Fatal wäre es nämlich, wenn die Europäische Union nun vor Rührung einknicken und ihre zentralen Forderungen an das bankrotte Nachkriegsland verwässern würde. Den wegen Massenmords gesuchten Kriegsverbrecher Ratko Mladic muss das Land ans Haager Tribunal überstellen, lautet die erste Forderung der EU. Und im Konflikt um das Kosovo, die zu neunzig Prozent von Albanern bewohnte südserbische Provinz, erwartet die EU politische Intelligenz und Zurückhaltung, der Wahlkampfrhetorik auch Tadics zum Trotz. Am 17. Februar, heißt es, wollen sich die Kosovo-Albaner für unabhängig erklären, wobei ihnen eine Mehrzahl der EU-Staaten und Washington den Rücken stärkt. Dieser Tag wird eine Feuerprobe nicht nur für den serbischen Präsidenten, sondern auch für das Verhältnis Europas zu Russland.

Kosovo, Kriegsverbrecher, Korruption: Jeder Zeitverlust bei diesen heiklen Themen verschlimmert die Situation. Tadic kann sich mit alledem nicht sonderlich beliebt machen, selbst wenn einem Gutteil seiner Anhänger bewusst ist, dass Kosovo letztlich ein Klotz am Bein Serbiens ist, und viele Serben den Verlust der Provinz inzwischen als entlastend ansehen. Für Tadic gilt: Augen auf und durch. In Brüssel kommt es zugleich darauf an, eine fest entschlossene Balance zwischen Fördern und Fordern zu finden.

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