Zeitung Heute : Serbiens Kennedy

Er hat das Militär vom Schießen abgehalten, als die Belgrader auf die Straße gingen und Milosevic stürzten. Er war die Hoffnung des Westens. Noch weiß niemand, wer den Ministerpräsidenten Zoran Djindjic tötete. Doch einer seiner Kritiker sagt: Es muss jemand Starkes dahinterstecken.

Caroline Fetscher[Den Haag]

Von Caroline Fetscher,

Den Haag

Der Vorgänger ist in Untersuchungshaft, in Holland, er hält Reden vor seinem Richter, ereifert sich, er lächelt manchmal, er lebt.

Am 5. Oktober 2000 kamen die Belgrader, die Menschen der Stadt, in der Zoran Djindjic einmal Bürgermeister war, zum letzten Mal auf den Platz der Republik, um gegen Milosevic zu demonstrieren. Sie waren auf die Bäume geklettert, sie standen auf den Dächern der Zeitungskioske, ein paar Meter weiter zerschlugen sie ein Geschäft. Es hieß „Skandal“ und gehörte Milosevics Sohn, der verkaufte hier Parfüms, die er als Einziger im Land importieren durfte. Das Parlamentsgebäude brannte und das Staatsfernsehen auch.

40 Stunden vorher, in der Nacht zum 4. Oktober 2000, war es Zoran Djindjic, der die Geheimverhandlungen mit den uniformierten Einsatzkräften führte: Schießt nicht auf die Demonstranten, sagte er ihnen. Vergießt kein Blut. Serbien wird ein neues Land werden, wenn wir den kommenden Tag überstehen.

Zoran Djindjic war kein Revolutionär, aber von dieser Nacht an nahm Serbien den Weg in die Demokratie. Hätte Djindjic, der Politologe und Philosoph, der gewiefte Politiker und wendige Verhandler nicht gehandelt, schnell und pragmatisch – auch Bestechungsgeld soll im Spiel gewesen sein –, das Ende von Milosevic wäre nicht abzusehen gewesen.

Die Mafia und der Staat

Einen Tag später also bebten die Straßen Belgrads unter den Rufen und Schritten Hunderttausender, die von Slobodan Milosevic forderten, den Sieg des Oppositionskandidaten bei der Präsidentenwahl vom 24.September anzuerkennen. Der Rauch der brennenden Gebäude stieg in den Himmel, aber der Sturm auf die serbische Bastille blieb ohne Blutvergießen. Ein halbes Jahr später saß Milosevic in einem Belgrader Gefängnis – Djindjic hatte ihn festnehmen lassen. Drei Monate danach flog Milosevic Richtung Den Haag – Djindjic hatte ihn überstellen lassen, gegen den Widerstand der Nationalisten und eine einstweilige Verfügung des jugoslawischen Verfassungsgerichts ignorierend. Wieder war Geld im Spiel, diesmal für die serbische Regierung. Auf einer Geberkonferenz Ende Juni sollte sie reichlich bedacht werden, doch zuerst wollte der Westen den prominenten Häftling in Den Haag sehen. Zoran Djindjic sorgte dafür.

Und er hielt seine Feinde wach damit. Vor einem Jahr, kurz nach der Verabschiedung des Gesetzes über die Zusammenarbeit mit dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal, hatte sich der ehemalige serbische Innenminister auf den Stufen des Belgrader Parlaments in den Kopf geschossen. Er musste mit seiner baldigen Überstellung rechnen. Djindjic bedauerte seinen Tod und sagte damals: „Das Argument, man müsse sich umbringen, um nicht in die Hände seiner Henker zu geraten, ist absurd.“ In Den Haag genießen die Angeklagten mehr Rechte als vor jedem Belgrader Gericht. Doch der einstige Innenminister schrieb in seinem Abschiedsbrief, Djindjic sei Schuld an seinem Selbstmord. Er forderte alle „Bürger und Patrioten“ auf, seinen Tod zu rächen.

Djindjic – der Staatsmann, den der Westen schätzte. Geboren wurde er 1952 im nordbosnischen Bosanski Samac, der Vater war Offizier. Philosophiestudium in Belgrad, 1974 gründet Djindjic an der Universität eine nichtkommunistische Studentengruppe, er wird verhaftet und kommt ins Gefängnis. Geht danach nach Deutschland, nach Frankfurt am Main, und studiert weiter, promoviert 1979 an der Universität Konstanz. Als Jugoslawiens Staatschef Tito im Jahr darauf stirbt, ist Djindjic wieder zu Hause und lehrt an der Universität von Novi Sad.

Er wurde nach dem Studium Parteifunktionär und ging während der Ära Milosevic mehr und mehr auf Distanz zur Politik des Regimes, gründete schließlich im Winter 1989/90 die Demokratische Partei.

Aus vollem Herzen akzeptiert haben ihn seine Landsleute stets weniger als den patriotischer gesonnenen Vojislav Kostunica. „Unter Milosevic arbeitete die Mafia für den Staat, unter Djindjic der Staat für die Mafia“, lautet eine Redewendung in Belgrad. Ruiniert durch ein Jahrzehnt Diktatur sah sich die Regierung nach Milosevic vor leeren Kassen, kaputten Fabriken, zerlöcherten Straßen. Nicht genug Lebensmittel in den Läden, kaum Medikamente in den Apotheken – Ministerpräsident Djindjic brauchte Geld, Geld, Geld und machte Kompromisse. Seine Gegner reagierten mit Dauerpropaganda darauf. Er sei mit der Zigarettenmafia im Bunde, quer durch alle ehemaligen Republiken. Beweise dafür gab es nie. Aber geglaubt haben es alle, auch die Anhänger der Reformen selbst.

Am Anfang, bei den Wahlen von 1993, erhielt die Demokratische Partei zwölf Prozent der Stimmen, und Djindjic bekam den Spitznamen „Kennedy Serbiens“. Er schnitt sich die langen Haare ab und begann, Anzüge zu tragen. Der Krieg zwischen Serbien und Kroatien hatte sich auf Bosnien-Herzegowina ausgeweitet und Djindjic forderte unisono mit Milosevic einen Anschluss der serbisch gehaltenen Gebiete an den Rest Jugoslawiens. Er begründete das damit, dass die bosnischen Serben vor den Moslems nicht sicher seien. Als die bosnischen Serben 1994 Sarajewo belagerten und die Nato ihnen ein Ultimatum stellte abzuziehen, fuhr er einen Tag vor dessen Ablauf nach Pale, in die Hauptstadt. Er wollte Radovan Karadzic seine Sympathie zeigen. Ein paar Wochen vorher ließ dessen Armee auf dem Markt von Sarajewo eine Granate einschlagen und tötete 68 Menschen.

Und 1996 gründet er dann den Reformblock Zajedno – „Gemeinsam“. Nachdem Milosevic Kommunalwahlen annullieren ließ, die seine Sozialisten verloren hatten, begann Djindjic Straßenproteste zu organisieren. 88 Tage dauerten die Demonstrationen, Hunderttausende Menschen waren dabei, Djindjic immer vorneweg. In den wichtigsten serbischen Städten erkannte Milosevic schließlich die Siege der Opposition an. Djindjic wurde Bürgermeister von Belgrad. Mitte 1997 fiel Zajedno wieder auseinander, Djindjic musste abtreten.

Unbehelligte Kriegsverbrecher

„Ich mochte ihn nicht, aber schockiert, vollkommen überrascht bin ich trotzdem“, sagt Filip Rodic, ein junger Mann, der für die Belgrader Nachrichtenagentur Beta vom Haager Tribunal berichtet. „Das ist schlecht für unser Land, sehr, sehr schlecht für unsere Demokratie. Es muss jemand Starkes dahinter stecken.“

Am Tribunal, dem „Außenposten“ Ex-Jugoslawiens, sind alle gelähmt, als die Todesnachricht am Nachmittag eintrifft. Gerade ist Pierre Richard Prosper hier, der US-Sonderbotschafter für die Verfolgung von Kriegsverbrechen. Noch am Morgen hatte er gesagt, man sei in Sachen Ratko Mladic mit Serbien einen Schritt weiter. Ob das, spekuliert man hier beklommen, die Attentäter bewogen hatte zur Tat? Oder war es Djindjics angebliche Verstrickung in dunkle Geschäfte? Nach den als Kriegsverbrecher angeklagten General Mladic und dem Ex-Präsidenten der Republika Srpska, Radovan Karadzic, fahndet man seit Jahren vergeblich. Mladic soll sich in Belgrad ungehindert bewegen. Karadzic in den Bergen zwischen der Republika Srpska und Montenegro.

In der Stunde, als in Belgrad die Schüsse auf seinen Nachfolger fielen, liefert sich Milosevic im Verhandlungssaal von Den Haag ein heftiges Rededuell mit einer finnischen Gerichtsmedizinerin. Sie heißt Helen Ranta und gilt als Koryphäe ihrer Wissenschaft. Im Auftrag der EU untersuchte sie ab Januar 1999 die Toten des Massakers von Racak im Kosovo. Das Massaker, davon gibt sich Milosevic immer noch überzeugt, hat es nicht gegeben, es war ein Komplott seiner Feinde, sagt er, um einen Grund für die Nato-Intervention zu haben. Sie war der Auftakt zu seinem Sturz und der Beginn der Macht von Zoran Djindjic.

Mit Karadzic wären es sechs ehemalige Präsidenten von serbischen Republiken oder Teilrepubliken, die in Den Haag einsitzen: Milan Martic, Milan Milutinovic, Momcilo Krajisnik, Biljana Plavsic und Slobodan Milosevic. Alle in Haft, aber am Leben. Zoran Djindjic, der Premier der Demokratie, ist tot.

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