Zeitung Heute : Servino

Hirschkalbsrücken auf dem Plastiktisch

Bernd Matthies

Servino, Flinsberger Platz 8, Grunewald, Tel. 897 386 28, nur Abendessen (mittags Lunchmenü 4,90 €). Foto: Kitty Kleist-Heinrich

They never come back… Schon gut, ich schlachte dieses uralte Boxer-Klischee nicht weiter aus, zumal es hier ja um Küchenchefs geht. Und ob die zurückkommen oder nicht – dafür gibt es keine Lebensregel, sondern nur Erfahrungswerte. Und die besagen, dass es schwer ist, den Anschluss zu behalten an die ehrgeizigen jungen Starköche, die ihren Stil ständig perfektionieren. Was vor fünf Jahren an der Spitze gekocht wurde, liegt heute schon wieder eine halbe Generation zurück, daran kommen auch bemooste Verfechter des Allesschon-mal-dagewesen nicht vorbei.

Wenn also Peter Frühsammer plötzlich nach langen Jahren… Wer? Peter Frühsammer, liebe Kinder, hatte vor vielen Jahren einen Michelin-Stern, als Sterne ganzganz selten waren in Berlin und die Leute für gutes Essen noch weit fuhren, sogar bis zur Rehwiese in Nikolassee. Dann verschwand er in der Versenkung – und ist nun plötzlich wieder da an unerwartetem Ort: dem Clubhaus des Tennisclubs Grunewald. Das ist eine noble Villa zwischen vielen Tennisplätzen, die als Restaurant den Namen „Servino“ trägt. Am Telefon wurden wir gefragt, ob es ein Platz auf der Terrasse sein dürfe? Der erwies sich dann als nicht eingedeckter Plastiktisch mit Plastikstühlen und Plastiktischdecke, praktisch für durstige Tenniscracks. Aber Gäste, die wegen des bekannten Kochs kommen, erleben so bereits vorab die erste Enttäuschung.

Denn auch das lange Weinmenü, das auf der Website ziemlich viel Platz wegnimmt, ist in der Realität auf ein winziges und banales Angebot zusammengeschnurrt, das mehr als drei Gänge kaum zulässt. Sollte der erste Ehrgeiz schon verpufft sein? Es schmeckt alles ganz nett, was dann kommt, aber doch vom inspirierten Werkeln eines Top-Kochs so weit entfernt wie Grunewald von der City. Kalte Avocadocreme mit Räucherlachsstreifen, Tafelspitzsülze mit Meerrettichäpfeln und Salat, nun ja, das sind brave Partyheuler, die wir vor 25 Jahren modern und vor 30 avantgardistisch gefunden hätten. Das ändert sich nicht mehr: Zum Hirschkalbsrücken, nett rosa, gibt es schwere ausgebackene Walnussspätzle und buttrige Pfifferlinge, die gebratenen Filets vom Loup de Mer liegen ausgedörrt auf einem Berg seltsam süßlicher Bandnudeln, in denen sich ein paar Gemüsewürfel verlieren. Tiefkühlfisch? Ich würde nicht dagegen wetten. Schließlich kommen angenehme Desserts wie Karamelleis mit Gewürzaprikosen oder Erdbeervariationen mit einem kleinen Stück Kuchen und einem stark verfremdeten Sorbet.

Der Wahrheit die Ehre: So lange hier Tennis gespielt wird, was naturgemäß stärker im Sommer geschieht, kann das ohnehin keine Feinschmeckeradresse werden. Unentwegt laufen die Spieler direkt an den Tischen vorbei zur Toilette, stehen, plaudern, es ist ja schließlich auch ihr Club; als externer Gast fühlt man sich mehr als seltsam. Der Service gibt sich Mühe, das zu überspielen, überdreht dabei zeitweise ein wenig. Das Weinangebot ist vernünftig kalkuliert (z. B. Pinot gris 2003 von Vie di romans 32 Euro), aber sehr klein und damit ebenfalls weit von den Erwartungen entfernt, die sich mit dem Namen Frühsammer verbinden. Mag sein, dass er es noch kann und nur unter diesen Bedingungen nicht zeigen mag. Mit der gegenwärtigen Konstellation von Küche und Ort kann von einem Comeback keine Rede sein.

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