Zeitung Heute : Seveso in Schönefeld? Unruhe nach dem Dioxin-Fund

Der Tagesspiegel

Von Klaus Kurpjuweit

Droht Schönefeld zu einem zweiten Seveso zu werden? Der Bürgerverein Brandenburg-Berlin (BVBB) sieht eine Umweltkatastrophe dieses Ausmaßes, die Flughafengesellschaft dagegen so gut wie keine Gefahr. Heute will die Bürgerinitiative, die sich gegen den Ausbau von Schönefeld zum Flughafen Berlin-Brandenburg International (BBI) wendet, bisher nach ihren Angaben geheimgehaltene Unterlagen dazu vorlegen.

In der vergangenen Woche hatte die Flughafengesellschaft, wie berichtet, einen Dioxinfund auf dem geplanten künftigen Flughafengelände bestätigt. Der zulässige Grenzwert ist nach Tagesspiegel-Informationen um das 22-fache überschritten. Der Landkreis Dahme-Spreewald hat um das kontaminierte Gelände an einem ehemaligen Klärbecken einen Zaun anbringen lassen. Eine akute Gefährdung sieht man nicht. Geplant war bisher, verseuchte Flächen auf dem Flughafengelände zusammen mit dem Ausbau des Airports zu sanieren. 32,5 Millionen Euro sind dafür vorgesehen.

Menschen nehmen im täglichen Leben Dioxin durch direkten Hautkontakt, aber auch aus dem Verzehr von Lebensmitteln auf, die auf belasteten Flächen gewachsen sind. Vorwiegend stammt das Gift dabei aus unvollständigen Verbrennungen. Altlasten kommen von der Chlorchemie. Die „duldbare Aufnahmemenge“ wird nach Angaben der bundesweiten Arbeitsgruppe Dioxin von Erwachsenen weitgehend ausgeschöpft, von Kindern derzeit aber überschritten. Beim Stillen übertrifft die Belastung den empfohlenen Wert um etwa den Faktor 100. Einheitliche Bewertungen gibt es aber nicht. Abhängig vom Konzept unterscheiden sich die Kennziffern etwa um den Faktor 1000.

Im italienischen Seveso war im Sommer 1976 eine Dioxinwolke wegen eines defekten Sicherheitsventils in einem Chemiewerk über den Schornstein entwichen. Erst Tage später verendeten Haustiere, verdorrten Pflanzen und erlitten Menschen Hautverätzungen und Chlorakne. Auf einer Fläche von 46 Hektar mussten anschließend rund 200 000 Kubikmeter dioxinverseuchter Erde abgetragen und in einem Sonderlager deponiert werden. Der Chemiekonzern Hoffmann-La Roche musste als Verursacher nach eigenen Angaben insgesamt 180 Millionen Euro aufbringen. Das in Schönefeld entdeckte Dioxin stammt, wie berichtet, aus den Resten von einem russischen Desinfektionsmittel, das bis zur Wende von fast allen osteuropäischen Fluggesellschaften in den Toilettenanlagen der Flugzeuge genutzt worden war. Durch ein Überlaufrohr des Klärbeckens bei Diepensee strömte die Brühe auch auf benachbarte Böden.

Ob die verseuchte Erde sofort entfernt werden muss, ist noch nicht entschieden. Die PDS-Abgeordnete Jutta Matuschek verlangte gestern schnelle Schritte ohne weiteres Abwarten, und für den verkehrspolitischen Sprecher der Grünen, Michael Cramer, sprechen die Funde für einen schnellen Ausbau des Flughafens. Dann müssten die Schadstoffe auf jeden Fall beseitigt werden, sagte Michael Cramer.

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