Zeitung Heute : Sex, Drogen und Krisensitzung

Barbara Bierach

Schiffskoch und Bordarzt teilen sich eine Kabine. Eines schönen Abends beim dritten Bier meint der Arzt: „Du, ich muss dir was sagen. Ich hab bisher nur mit toten Patienten zu tun gehabt, ich bin eigentlich Pathologe.“ Darauf der Koch: „Ich muss dir auch was beichten.“ Sagt der Mediziner: „Wieso, fehlt dir was?“ „Ja, der Gesellenbrief als Koch. Ich bin eigentlich Tierpräparator.“

Was aus dem Pseudo-Löffelschwinger wurde, wissen wir nicht. Der Doc jedenfalls besann sich doch noch auf die Medizin am lebenden Objekt und arbeitet heute als Oberarzt an einer Klinik. Diese Geschichte lehrt jedenfalls: Nix ist je so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Das gilt auch für die Jobs in der Musikindustrie. Die sind alles andere als cool.

Branchenfremde glauben oft, die Szene bestünde hauptsächlich aus Talentscouts, die in den angesagten Clubs herumhängen, Livemusik hören und neue Bands aufreißen. Die moderne Version von Wein, Weib und Gesang sozusagen, mit Party, Groopies und den Rolling Stones von morgen. Tatsächlich sind Plattenlabels konsequent gemanagte Venture Capital Firmen. Von zehn hoffnungsfrohen Gruppen, in die sie Geld stecken, bleiben acht bedeutungslos und defizitär, eine wird ein Minierfolg und spielt ihre Kosten wieder ein. Höchstens eine liefert einen Hit, der die enormen Marketingkosten wieder einspielt. Doch das wird jedes Jahr schwieriger.

Dank Digitalisierung, Tauschbörsen und hunderttausenden an geklauten Files sinken seit Jahren die Absatzzahlen der verkauften CDs und die Margen. Die Branche reagiert darauf mit Fusionen – was dazu führt, dass die Mitarbeiter der Musikindustrie hauptsächlich mit Krisenmanagement beschäftigt sind. Entweder weil sie Kosten senken müssen, um mit dem Markt mitzuschrumpfen, oder weil sie gerade eine Fusion vorbereiten oder eine soeben erfolgte Firmen-Ehe überleben müssen. Und wenn gerade nichts von alledem ansteht, geht es entweder darum, technologisch schneller zu sein als die Hacker, die den neuesten Kopierschutz für CDs schon wieder geknackt haben oder ihnen wenigstens mittels Anwalt den Tag zu verderben.

Richtig lustig ist das alles nicht und inzwischen erscheinen schon Bücher mit Titeln wie „Mix, burn & RIP – das Ende der Musikindustrie“, wobei das Kürzel für die Grabinschrift „Rest in peace“ steht. Musikindustrie ist also nix für Träumer mit Faible für harte Bass-Riffs, eher was für Frühaufsteher mit Sanierungserfahrung. Trotzdem könnte die Popkomm lustig werden. Denn wenn Tierpräparatoren kochen können, Pathologen Leute heilen und nichts je so ist wie es scheint, hat die Musikbranche vermutlich eine glorreiche Zukunft.

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