Sex in Büchern : Die schwierigen Seiten beim Sex

Wenn sich Autoren an Liebesszenen wagen, wird das schnell peinlich. Über Colm Tóibín heißt es: Der kann’s! Hier überprüft er sieben Thesen zu Sex in Büchern

Protokoll: Ulf Lippitz
Illustration: Andree Volkmann für den Tagesspiegel
Illustration: Andree Volkmann für den Tagesspiegel

„Über Sex zu schreiben ist wie über Sport zu schreiben“ (Colm Tóibín)

Ein Leser kennt die Gefühle beim Sex, kann sie nachempfinden, ein Schriftsteller muss sie einfach nur als „Set of Action“ beschreiben – als eine Art Handlungsabfolge, wie sich die Ereignisse zutragen. Oberste Regel: keine Metaphern und keine blumige Sprache benutzen. Im Sport beschreibt man auch nur, wer den Fußball wohin geschossen hat, nicht: Das nächste Tor traf ihn wie ein Blitzschlag. Das stimmt einfach nicht. Man muss präzise bleiben, kaum Vergleiche anführen. Zum Beispiel, dass der Penis einer Figur wie irgendein Gegenstand ist. Nein, nichts ist wirklich wie etwas. Oder so eine blöde Metapher wie: Es war, als wäre er durch einen finsteren Wald gelaufen und sei nun auf einer Lichtung angekommen. Das habe ich wirklich mal als Beschreibung über Sex gelesen. Nein! Was soll das?

„Tóibíns Sexszenen sind völlig überzeugend von einer weiblichen Perspektive aus geschrieben“ (John Preston, „The Telegraph“, über Tóibíns neuen Roman „Brooklyn“)

Ich wollte nicht einfach etwas erfinden, weil das Frauen gegenüber unfair wäre. Natürlich kenne ich als schwuler Mann das Gefühl einer Penetration, aber aus der Sicht der Frau muss ich das anders erzählen. Und dann noch, wie in meinem Roman, bei einer jungen Frau, die zum ersten Mal Sex hat, in den 50er Jahren aus Irland nach New York geht und sehr unerfahren ist. Was habe ich getan? Ich habe mir eine Freundin ausgesucht, die offen darüber reden kann und eine gute Erinnerung hat. Auf einer Party habe ich sie in eine Ecke gedrängt mit den Worten: „Ich muss dich um einen Gefallen bitten.“ Sie verstand sofort, wie falsch ein Mann liegen, welche Fallstricke so eine Beschreibung haben kann. Am meisten überrascht hat mich, als sie mir erzählte, wie sie beim ersten Mal nicht wusste, welche Muskeln sie wie einsetzen kann, wie sie nicht einschätzen konnte, wie weit der Mann in sie eindringt. Eine Panik überkam sie in jenen Momenten, sie sagte zu mir: „Ich dachte, er könnte bis zum Hals in mich eindringen.“ Und das erlebt meine Hauptfigur genauso.

„Heutzutage liest sich Sex in Literatur wie ein Biologie-Schulbuch“ (Lucasta Miller, Jurorin des renommierten britischen Booker Prize)

Und das ist gut so, liebe Lucasta! Schauen wir nur mal zurück, wie D. H. Lawrence in „Liebende Frauen“ Sex beschrieben hat. Da herrscht eine Schüchternheit, das wirkt beinahe wie Unreife. Man weiß gar nicht, wer was gerade macht. Ich erinnere mich, dass ich an einer Stelle nicht sicher war, ob Lawrence nun darüber schreibt, wie seine Figur mit einer Frau Analverkehr probiert oder rausgeht, um zu pinkeln. Sprache sollte heutzutage genau das schildern, wie wir es kennen – mit den richtigen Begriffen und einer nüchternen Beschreibung. Das liest sich vielleicht wie ein Schulbuch, aber es ist reif, nicht peinlich. Saul Bellow ist zum Beispiel gut, wenn er erotische Spannung heraufbeschwört. Er beschreibt einfach die Formen weiblicher Brüste, sehr präzise, die Emotionen dabei überlässt er dem Leser. In meinem vorherigen Roman über Henry James, „Porträt des Meisters in mittleren Jahren“, gibt es zwei Stellen, an denen es beinahe zu Sex kommt. James sitzt auf dem Bett, im Zimmer über ihm entkleidet sich ein junger Mann, James hört die Schritte auf dem Boden – und es entsteht eine Spannung, ohne dass etwas passiert. Das will ich als Erzähler tun: dem Leser die Aufgabe geben, die entstehenden Lücken mit Gefühlen zu füllen.

„Literatur dreht sich oft um Sex, selten um Kinder, das Leben ist genau andersherum“ (David Lodge, englischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler)

Das stimmt nicht ganz. Ich habe gerade „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ von meinem israelischen Kollegen David Grossman gelesen, das Buch handelt nur von seinem verstorbenen Sohn. Was David Lodge wahrscheinlich meint: Es gibt wirklich sehr wenige Romane, die gut davon erzählen, wie man Kinder erzieht. Es ist ein bisschen wie der Reflex, wenn ich einen alten Schulfreund wiedertreffe, er von seinem Leben erzählt, in die Tasche greift, und ich denke: Bitte zeig mir jetzt keine Fotos von deinen Kindern! Romanschreiber denken so ähnlich und sparen die Kindererziehung aus. Wenn ich die Wahl hätte zwischen einem Buch, das erzählt, wie Menschen Kinder erziehen, und einem, wie Menschen Sex haben, würde ich immer das über Erziehung auswählen. Warum? Weil es nur wenige gute Sexszenen in der Literatur gibt. Die beste, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, hat Ian McEwan geschrieben, in seinem Roman „Am Strand“. Er beschreibt, wie der Mann in der Hochzeitsnacht vorzeitig ejakuliert, in einer beinahe wissenschaftlichen Sprache, fast wie eine Versuchsanordnung. So sollten alle Autoren darüber schreiben.

„Pornografie ist, wenn ich einen Ständer kriege“ (W. H. Auden, englisch-amerikanischer Schriftsteller)

Großartiges Zitat, passt aber eher in seine Zeit. Auden wuchs im frühen 20. Jahrhundert auf, er war schwul, und es gab kaum Pornografie oder explizite Sexszenen in der Literatur. Heute bedeutet eine gut geschrieben Sexszene in den Händen eines 13-Jährigen viel mehr als in denen eines 50-Jährigen. Da ist der Erfahrungsunterschied größer. Aber eine literarische Sexszene muss nicht automatisch pornografisch klingen. Wenn ich schreibe: „Ich hatte gestern Analverkehr“, hört sich das vornehm an, emotionslos. Darauf könnte jemand auf einer Party erwidern: „Ach, das ist ja interessant.“ Aber wenn ich schreibe: „Gestern hat mich jemand gefickt, er hat mich von hinten an der Wand genommen“, ist das drastisch, einschüchternd, alarmierend. Derselbe Sachverhalt kann also auf zwei unterschiedliche Arten erzählt werden.

„Sex und Gewalt verkaufen einen Roman“ (Verlegerweisheit)

Da gibt es gute deutsche Beispiele, wie „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Robert Musil oder „Das Urteil“ von Kafka. Ich habe auch eine ähnliche Geschichte in „Mütter und Söhne“, sie spielt an einer Schule für junge Kriminelle. Unsere Helden hören Schreie, sie beobachten durch ein Fenster, wie ein paar Jungs von einem Priester geschlagen werden - und wie ein anderer Priester die Szene beobachtet und masturbiert. Ein Bekannter meinte zu mir: „Was für ein kranker Kopf denkt sich so etwas aus.“ Ich antwortete ihm: „Das ist eine wahre Geschichte, die einem Freund widerfahren ist.“

Die Kombination von Sex und Gewalt ist so heftig, weil Menschen nach Harmonie suchen und wenn sie auf Gewalt stoßen, regelmäßig schockiert sind. Am Beispiel von Bret Easton Ellis’ Roman „American Psycho“ sehen wir das. Das Buch porträtierte eine neue Generation von Männern, die von Marken besessen sind, ihr Geld in Restaurants und Bars verprassen, wobei dieser Superkapitalismus mit einem übermächtigen Frauenhass gekoppelt war. Ich finde, das Buch ist bei aller Gewaltdarstellung eine Moralgeschichte. Er zeigt ja die Leere der Personen sehr deutlich, die Fixiertheit auf die Oberfläche. Was ich allerdings verabscheue, ist die Kombination Sex, Gewalt und Faschismus. Aus der Literatur fällt mir im Moment kein passendes Beispiel ein, aber ich denke an den Film „Der Nachtportier“ mit Charlotte Rampling. Die Heldin ist Überlebende eines Konzentrationslagers, beginnt eine Affäre mit dem Portier, glaubt, er sei ein früherer Nazi und fühlt sich davon sexuell angezogen. Ich bitte Sie, wie kann Sie ein System erregen, das Menschen in Todeslager geschickt hat, das ist mir unbegreiflich. Und als Künstler finde ich das uninteressant.

„Es ist unmöglich, über guten Sex zu schreiben. Guten Sex kann die Fiktion nicht einfangen – wie sie einen Traum nicht einfangen kann“ (Martin Amis, englischer Schriftsteller)

Warum? Ich kann doch schreiben: „Später gingen sie nach Hause, den gesamten Nachmittag über liebten sie sich.“ Da weiß der Leser, die beiden haben jetzt richtig guten Sex. Wenn dem nicht so wäre, würde ich das nicht erwähnen. Bei Martin Amis steckt vielleicht etwas anderes dahinter. Er schreibt viel über die Bedrohung durch starke Frauen und wie sich ein heterosexueller Mann dabei fühlt. Im Subtext heißt das: Wir verlieren die Macht. Er hat recht. In Westeuropa und Amerika stirbt der heterosexuelle Mann aus. Seine Spermazahl sinkt, er ist weniger nützlich, hat weniger zu sagen und ist überhaupt nicht sinnlich. Sehen Sie sich auf einem Gipfeltreffen der Europäischen Union einmal die Regierungschefs an. Auf einem gemeinsamen Foto nehme ich nur Angela Merkel und Nicolas Sarkozy Sinnlichkeit ab, Berlusconi andererseits nicht. Er ist Italiener, er hat etwas Schmieriges, muss zeigen, dass er 100 Mädchen um sich herum haben kann. Da stelle ich mir bloß eine Frage: Warum kann er nicht – wie Sarkozy – nur eine einzige Frau glücklich machen? Ich hoffe für die Zukunft, dass wir wieder charmante heterosexuelle Männer bekommen. Im Moment sehe ich sie nicht.

Colm Tóibín ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Vor kurzem erschien sein Roman „Brooklyn“ (Hanser).

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