Zeitung Heute : „Sex ist das Spiel der Erwachsenen“

Sie gilt als radikale Erotikerin. Sie selbst hält sich nur für konkret. Bei Kirsten Fuchs erblüht die Liebe im Sozialamt.

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Kirsten Fuchs, 28, hatte das Studieren an der Uni schnell satt und machte eine Lehre als Tischlerin. Nebenbei begann sie zu schreiben; ihr erster Roman „Die Titanic und Herr Berg“ (Rowohlt) wurde 2005 als originellstes Debüt gefeiert. Soeben erschien „Zieh dir das mal an!“. Fuchs lebt in BerlinKreuzberg.

Interview: Stefanie Flamm und Verena Mayer Frau Fuchs, in Ihrem ersten Roman haben Sie über Sex geschrieben und nebenhereine Zeitungskolumne über Kleidung verfasst. Über was ist schwerer zu schreiben?

Hm, ich glaube, Kleidung. Sex ist so ein schönes klares Thema und immer wiederinteressant.

Die meisten Autoren beschränken sich auf Andeutungen. Warum werden Sie sokonkret?

Weil es für die Geschichte, die ich erzählt habe, nicht reicht zu sagen: „Sie schlafen miteinander.“ Es geht um das, was während des Aktes wirklich passiert. Wenn die Frau und der Mann behaupten, sie hätten ein intensives Erlebnis, dann ist es zu wenig zu sagen: Das war sehr intensiv. Ich beschreibe den Akt in all seinen Details, so wie manche Autoren über das Wetter schreiben, ob es bewölkt ist und wie viel Grad es ist. Es hat mir eben Spaß gemacht, das gebe ich zu, wie ich auch zugebe, dass ich auch schon mal Sex hatte.

Ihre Heldin Tanja sagt: „Ich liege, und er zieht seinen Handrücken schnellüber die Wange, den Hals, zwischen die Brüste, über den Bauch, ran an den Speck.Er ist da. Er legt die ganze Hand auf meine Möse, auf Millionen von empfindlichenStellen, die er jetzt zudeckt….“

Na, wenn zu viel drumherumgeeiert wird, fragt man sich als Leser ja doch nur: Hat er ihn dann reingesteckt oder nicht?

Kritiker haben Sie „radikale Erotikerin“, „auf nette Weise obszön“, oder„mädchenhaft derb“ genannt.

Finde ich alles in Ordnung. Ich mag nur nicht, wenn man mir unterstellt, ich wolle mit dieser Sprache provozieren. Ich benutze eine Sprache, die nun mal in der Welt ist. Und es ärgert mich, wenn diese Sprache den Proleten überlassen wird. Das ist schade, sie enthält schöne Wörter.

Zum Beispiel?

Kacken finde ich ein gutes Wort.

Und was ist ein gutes Wort für Schwanz?

Schwanz. Man kann doch die Dinge so benennen, wie sie sind. „Ficken“ ist zum Beispiel das beste Wort für Ficken. „Vögeln“ finde ich auch in Ordnung. Es gibt Leute, die „Bumsen“ gut finden. Das habe ich, glaube ich, noch nie gemacht.

Mit dem weiblichen Geschlechtsteil hat die Sprache ihre Probleme.

Das stimmt.

Was ist der beste Ausdruck dafür?

Am akzeptabelsten finde ich noch „Möse“.

Tabus sind dazu da, um gebrochen zu werden, hat der französische SoziologeMarcel Mauss einmal gesagt. Sehen Sie das genauso?

Nein, überhaupt nicht. Das würde ja heißen, dass ich die Reaktionen beim Schreiben schon mitgedacht hätte. Und es ist die Frage, ob Wörter überhaupt ein Tabu sind oder nur das, was sie bezeichnen. Mir geht es eher um die Wucht der Sprache, in einem Wort wie „Fotze“ steckt viel Kraft.

Fotze ist ein Schimpfwort.

Ja ja, Autofahrer mögen es sehr gerne. In meiner Tischlerlehre wurde dieses Wort aber auch von den Mädchen ganz normal benutzt.

Sie haben eine Tischlerlehre gemacht?

In einem überbetrieblichen Ausbildungszentrum in Köpenick. Es gab 2000 so ein Sofortprogramm der Schröder-Regierung, irgendwas mit „Jobs für Junge“. Das Arbeitsamt hatte mir den Platz vermittelt. Davor habe ich kurze Zeit Ältere deutsche Literatur und Sprache an der Humboldt-Uni studiert, vor allem, weil das keinen Numerus clausus hat. Aber das Studium hat mich schnell genervt. Mit der Lehre wollte ich das Gegenteil von Uni: etwas Schmutziges, Lautes, Konkretes. Und das habe ich auch bekommen.

Warum haben Sie die Tischlerei aufgegeben?

Ich habe nach der Lehre erst einmal gewartet, was passiert. Ich hätte mir schon vorstellen können, das weiterzumachen, Möbeltischlerei wäre eine Möglichkeit gewesen. Ist ’ne schöne Arbeit.

Was gefällt Ihnen daran?

Es ist konkret. Wenn ich einen Stapel Holz reingetragen habe, habe ich einen Stapel Holz reingetragen. Wenn ich heute Papier kaufen gehe, habe ich noch lange nichts getan.

Wieso haben Sie nicht weiter getischlert?

Es lief einfach gut. Ich bin nach der Lehre ziemlich schnell in die Lesebühnenszene reingerutscht.

Haben Sie bei diesen Lesesessions in den Berliner Kneipen das erste Malöffentlich vorgelesen?

Ich war schon mit 15 bei einem Literatur-Workshop, da wurde auch schon vorgelesen. Das kannte ich also schon. Bei der Lesebühne habe ich zuerst als Gast gelesen. Diese Gruppen suchen sich ihre Leute gezielt aus. Da kann nicht jeder kommen und sagen: „Ich schreib’ auch.“ „Ich schreib’ auch“, das sagen in Berlin ohnehin 50 Prozent der jungen Leute, und die restlichen 50 sagen: „Ich mach’ Fotos.“ Jedenfalls muss man sich das mit den Lesebühnen vorstellen wie mit Bands. Wenn der Schlagzeuger aussteigt, wird ein neuer Schlagzeuger gesucht. Die brauchen dann niemanden, der Flöte spielt, wenn die Band Punk macht.

Als Sie 2003 mit einem Auszug aus Ihrem Roman „Die Titanic und Herr Berg“den Literaturwettbewerb „Open Mike“ gewannen, wurden Sie vom Arbeitsamt als Ich-AGgeführt. Was war Ihr Projekt?

Na, Schriftstellerin! Als ich begann, in der „taz“ eine Kolumne über Kleidung zu schreiben, dachte ich mir irgendwann, damit kann ich mich jetzt selbstständig machen. Damals wurde alles Mögliche genehmigt. Heute geht das wahrscheinlich nicht mehr so einfach. Da wird die Statistik anders geschönt.

In Ihrem Buch geht es um die Liebe in Zeiten von Hartz IV. Ihre Heldin Tanjaverliebt sich in ihren Sachbearbeiter beim Sozialamt. Geht die neue deutsche Literaturdorthin, wo es hart ist?

Sicher. Aber ich vermute eher, dass es diese harten Texte auch vorher schon gab, da konnten die Verlage noch nichts damit anfangen. Offenbar gibt es jetzt da ein Bedürfnis für.

Die sexuelle Beziehung zwischen Tanja und ihrem Sachbearbeiter hat ihreParallele in der Arbeitsmarktverwaltung. Es geht um ganz konkrete Abhängigkeiten.

Es geht darum, was man aushalten kann und will. Ich finde nicht, dass Peter weniger leidet als Tanja. Sie ist zwar gestörter, aber sie geht wesentlich liebevoller mit sich um. Sie hat sich grundsätzlich gern. Peter ist total kaputt. Ein ganz schlimmer Zyniker. Da sehe ich überhaupt keine Chance, dass der sich noch mal ändert, außer dass er mit dem Rauchen aufhört.

Trotzdem ist es schwer, über Sex zu reden, ohne von Macht zu reden. Überdie erste Kontaktaufnahme zwischen Tanja und Peter heißt es: „Am Freitag bin ichzum Sozialamt gegangen, um Sex zu beantragen, mit Kino vorher und Essen gehenvorher und beieinander übernachten nachher, alles.“ Sie besitzt nichts außer ihremKörper.

Na ja, und viel Fantasie. Was ja auch etwas Verspieltes hat, Sex ist das Spiel der Erwachsenen.

Die Geschlechter haben bei diesem Spiel der Erwachsenen unterschiedlicheRollen. Kürzlich haben Sexualwissenschaftler der State University of New Yorkeine sehr gut aussehende Frau über den Campus geschickt, die Männer fragte, obsie mit ihr schlafen wollen. 75 Prozent haben sofort Ja gesagt. Als man das Experimentmit einem Mann wiederholte, der sich den Frauen anbot, haben nur sechs ProzentJa gesagt. Wundert Sie das?

Überhaupt nicht. Frauen finden immer und überall einen Mann, der Sex haben will. Männer haben es da schwerer. Die wären ja dumm, wenn sie sich diese Gelegenheit hätten entgehen lassen. Das passiert nicht so oft, das ist wie Weihnachten.

Wie hätten Sie reagiert?

Ist ja jetzt nicht so wichtig. Ich frage mich vielmehr, ob die gut aussehende Frau dann auch wirklich mit den ganzen Männern geschlafen hat.

In Michel Houellebecqs Roman „Ausweitung der Kampfzone“ klagt der Erzähler,dass in einer liberalisierten Sexualwelt viele Männer nicht mehr auf ihre Kostenkommen, weil sie keinen Marktwert mehr haben. Meinen Sie das?

Ich glaube nicht, dass Männer wie Peter keinen Marktwert mehr haben. Abersie bekommen die Ware Sex nur im Doppelpack mit Liebe. Und damit können sie nichtumgehen. Peter ist so ein Typ, den irgendetwas zum totalen Rückzug gezwungen hat.Ich hatte für diese Figur lange weder einen Namen noch einen Beruf. Es war dieTonlage, die Lebenseinstellung, die mich interessiert hat. Und dann habe ich mirüberlegt, dass man auf dem Sozialamt so kaputtgeht.

Der zynische Peter ist Wessi, die romantische Tanja ist aus dem Osten. Istdas Zufall?

Ich glaube, Peter könnte auch aus dem Osten sein. Dann wäre er vielleicht nicht ganz so zynisch, vielleicht mehr so der Jammer-Ossi, wie gerne so gesagt wird. Peter wäre ohne die westlichen Medien nicht so zynisch geworden. Aber es war weniger das soziale Milieu als die Haltung, die ich beschreiben wollte.

Sie sind in Karl-Marx-Stadt geboren und in Ost-Berlin aufgewachsen. SehenSie sich als „Zonenkind“?

Ich habe natürlich das Buch „Zonenkinder“ von Jana Hensel gelesen, und wir sind sogar fast gleich alt. Ist ein schönes Buch, aber in dieses „wir“ passe ich nicht hinein. Jana Hensel behauptet, die Ossis ihrer Generation seien gleich nach der Wende rausgerannt, um die Welt zu entdecken, so ein Totalstart ins neue Leben, damit man ja nicht untergeht. Ich musste mich da erst langsamer herantasten.

Was war so schwierig?

Ich komme aus Hellersdorf, was damals als sehr gute Wohngegend galt. Saubere, helle Wohnungen, breite Straßen. Dort gab es keine gewachsene Wohnstruktur, keine kleinen Geschäfte. Das war natürlich nicht wie in Kreuzberg, wo ich jetzt wohne. In Hellersdorf hatten wir Kaufhallen. Man musste nicht mit den Leuten reden, man hat die Sachen in den Wagen gelegt und ist rausgerattert. Soziales Verhalten wurde da nicht trainiert, Fahrkarten kaufen, einen Kaffee im Café bestellen, auf den Markt gehen. Und wenn man das schon auf Deutsch nicht kann, wie soll man das auf Französisch oder Englisch sofort können?

Warum sind Sie dann ausgerechnet nach Kreuzberg gezogen?

Mein Freund wohnte da, also er wohnt immer noch da, ist aber jetzt mein Ex-Freund.

Haben Sie die Wende als Bedrohung empfunden?

Meine Familie war ja ziemlich rot.

Wie rot?

Partei. Bis ich 12 Jahre alt war, habe ich nur gehört, wie böse die Welt da drüben ist, dass dort alle Leute Drogen nehmen und sich gegenseitig erschießen. Und ich hatte Angst, dass das jetzt alles zu uns kommen soll, bloß weil es besser schmeckt. Es war wie in dem Film „Sonnenallee“. Ich war immer sehr stolz auf die DDR, ich hatte dort eine schöne Kindheit. Kurz nach der Wende haben sich meine Eltern scheiden lassen. Die Trennung und der politische Umbruch fielen für mich zusammen. Da habe ich langsam begriffen, dass alles komplizierter ist, als ich vorher dachte.

Ihr radikalster Text heißt „Körper sind zum Benutzen da“. Zitat: „Werfteuch jedem an den Hals, der euch küssen will. Besabbert euch richtig, beißt euchbeim Sex Stücke aus dem Hals. Speichelt euch richtig voll. Dazu ist Speichel da.Seid Hurenböcke und Hurenziegen. Alles andere macht keinen Sinn.“

Eigentlich ist das ein positiver Text, es steht ja auch drin, dass man mit sich und dem eigenen Körper umgehen soll, weil er nun mal da ist. Es hilft einem, glücklich zu werden, wenn man sich nicht vor sich selbst ekelt und auch nicht vor anderen. Zum Beispiel Füße, warum ist das so, dass sich vor Füßen geekelt wird? Es gibt sie ja, die sind an einem dran. Das müssen wir akzeptieren. Und vielleicht sollte es mehr Texte über Füße geben.

Bei der Lektüre muss man an Georges Bataille denken, den verfemten französischenErotiker. Die Idee der Selbstverschwendung gibt es dort auch.

Kenne ich nicht.

Wir haben das „obszöne Werk“ dabei. Wollen Sie mal reingucken?

Klar. „Seit jener Zeit war Simone der Manie verfallen, Eier mit dem Hintern zu knacken. Dazu setzte sie sich so hin, dass ihr Kopf auf dem Sitz eines Sessels zu liegen kam, ihr Rücken sich an eine Lehne schmiegte und ihre gekrümmten Beine sich zu mir öffneten, während ich mir meinen Schwanz rieb, um ihr meinen Samen ins Gesicht zu spritzen…“ Schön. Ich habe meiner Mutter auch schon gesagt, dass ich nicht die Erste bin, die so etwas schreibt, weshalb es mich auch wundert, dass die Leute sich überhaupt noch darüber aufregen können.

Gefallen Ihrer Mutter Ihre Texte?

Meine Mutter hat gesagt: Du schreibt schön, aber schreib doch auch mal überein anderes Thema schön.

Sie stehen in einer literarischen Tradition, in der die Darstellung vonSexualität mit einer Aussage über die Gesellschaft verknüpft wird. Das ist beiBataille nicht anders als Houellebecq oder Jelinek.

Das ist mir aber erst hinterher klar geworden. Aha, wenn ich über Sex schreibe, zwingt das die Leute, dazu Position zu beziehen. Auf den Lesebühnen oder jetzt auch bei den Lesungen gibt es ganz merkwürdige Reaktionen. „Iiiih, ist das krass“, sagen dann die Leute, oder: „Mann, ist das eine harte Sau.“ Die meisten fangen an zu lachen, dabei finde ich meine Texte überhaupt nicht nur lustig. Lachen ist bloß eine Form, mit der eigenen Befangenheit umzugehen. Mache ich ja auch, hihi.

Hätten Sie sich vorstellen können, beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb zu lesen?

O ja. Ich habe mich beworben, aber sie haben mich nicht genommen. Zweimal. Deshalb habe ich beschlossen, mich in Richtung Klagenfurt nicht mehr zu zucken. Letztes Jahr habe ich einen Auszug aus meinem Roman eingereicht, aber der war denen wohl nichts. Das ist ja okay, aber dann habe ich die Fernsehübertragung letztes Jahr angeschaut und gesehen, dass die Jury die ganze Zeit jammerte, dass den jungen Autoren der eigene Tonfall fehlt und dass nichts richtig mutig ist. Da habe ich mir gedacht: Ihr seid ja blöd. Ich sitze zu Hause und gucke Fernsehen, und ihr fragt euch die ganze Zeit: Wo ist denn Kirsten?

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