Zeitung Heute : Sex und andere Irrtümer

Ende der Aufklärung. Warum das legendäre Frankfurter Institut für Sexualwissenschaft von der Schließung bedroht ist

Ina Weiße[Frankfurt a. M.]

Im Winter ist das Frankfurter Bahnhofsviertel kein Ort für die Liebe. Die eisige Kälte treibt die Passanten über die Bürgersteige. Niemand bleibt stehen, um die bizarren Utensilien in den Auslagen der Sexshops zu betrachten, die rechts und links der Kaiserstraße zwischen Schnellimbissen, Internetcafés und Handyläden ihre Existenz fristen. Wie ein groteskes Theaterrequisit wirkt die neunschwänzige Peitsche in der Hand einer Schaufensterpuppe, und die heißen Dessous im Schaufenster des Eroscenters sehen geradezu spießig aus – hat doch jede zweite Hausfrau heute so scharfe Sachen in ihrem Wäschefach. Nur das Rotlicht blinkender Neonherzen legt einen frivolen Schimmer darüber.

Irgendwie erschien es logisch, auf dem Weg zu dem legendären Institut für Sexualwissenschaften im Stadtteil Sachsenhausen einen Abstecher zum Kiez zu machen, aber schon nach kurzer Zeit ist klar, dass nichts abtörnender ist als in aller Öffentlichkeit ausgebreitete Fantasien. Oder soll man sagen, dass nichts obszöner ist? Jedenfalls stellt sich beim Anblick von Fetischen, Piercings, Tattoos und Handreichungen für Intimrasuren sehr bald ein starkes Gefühl der Unlust ein.

Es gibt da einen engen Zusammenhang zwischen dieser Art von öden Erfahrungen und dem Plan der Frankfurter Universität, das 1972 gegründete republikweit erste Institut für Sexualwissenschaften abzuschaffen. Sex ist eben überall, und Sex ist überall käuflich. Unter diesen Bedingungen sehen sich die Gegner des Institutes im Recht mit der Behauptung: „Das sexualmedizinische Wissen reicht jetzt aus“, mehr brauche nicht geforscht zu werden. Fast möchte man es nicht glauben: In der Stadt am Main soll ein bedeutendes Projekt der Emanzipation beendet werden, einfach so. Immerhin gab Mainhattan der „Frankfurter Schule“ von Horkheimer und Adorno den Namen, deren berühmtestes Buch ausgerechnet „Dialektik der Aufklärung“ heißt.

In diesem Sinne nimmt man die wichtigsten Fragen aus dem Milieu mit nach Sachsenhausen: War’s das? Soll das jetzt die Befreiung sein, die uns die sexuelle Revolution der 60er Jahre versprach? Haben Scham und Schuld keine Gewalt mehr über uns, weil es jetzt Discounter für Intimbedarf gibt und wir bei Dolly Buster die Gleitcreme „Flutschi“ kaufen können?

Volkmar Sigusch, Mediziner, Professor für Psychiatrie und Philosophie und Direktor des Institutes, hat die Antwort darauf in seinen Schriften längst gegeben, und am Ende ist seine Antwort ziemlich bitter ausgefallen. „Wir stehen“, schrieb der Sexualwissenschaftler schon 1996 in der „Zeit“, vor den „Trümmern der sexuellen Revolution“. Das missbrauchte Kind, der Sextourist, der Pferdeschänder, „diese Emanzipation rückte die zerstörerische Seite der Sexualität in den Vordergrund“. Im selben Maße verlor sein Institut für Sexualwissenschaften an Glanz. Es scheint, als hätte die von Sigusch allenthalben konstatierte Banalisierung des Sexuellen zuletzt auf seine eigene Einrichtung übergegriffen. Dass es aber einmal so weit kommen würde, gesteht der Gründungsdirektor, hätte er sich niemals träumen lassen.

Volkmar Sigusch ist blass, er schlafe schlecht, sagt er. Der Direktor sitzt in seinem Institut mitten im Großklinikum am Theodor-Senckenberg-Kai 7. Ein orangefarbenes Transparent am Haus wirbt in Zeiten geburtenschwacher Jahrgänge in großen Lettern mit „Gynäkologie und Frauenheilkunde“. Sicherlich ungewollt repräsentiert der Altbau die Tatsache, dass Sex und Fortpflanzung einmal genauso zusammengehörten wie Leben und Tod. Im Erdgeschoss werden Kinder geboren, zwei Treppen höher liest man mit ziemlichem Unbehagen das Schild „Onkologie“. Noch mal zwei Stockwerke darüber kämpft Volkmar Sigusch um den Fortbestand von 34 Jahren wissenschaftlicher Anstrengung. Er ist in Eile. Nebenan wartet bereits ein Team von 3Sat. Ein durchaus alarmierendes Zeichen, wie sich die Reporter einander die Türklinke in die Hand geben, die Reporter von „taz“ und „FAZ“, „Süddeutscher“ und Tagesspiegel, um anschließend ihre Nachrufe zu Lebzeiten zu verfassen.

Aber die Frage bleibt trotzdem ungelöst: Gibt es überhaupt noch einen Bedarf an Sexualwissenschaften? Hat sich das Projekt nicht längst überlebt, weil das Thema so selbstverständlich geworden ist? In der Zeit, seit das Institut besteht, wurde in Chrom glänzenden Hightechlaboren eine Biomedizin mit bisher unabsehbaren Konsequenzen kreiert. Die Pille kam zuerst, jetzt ist es schon Viagra, Designerdrogen halten das Altern auf, künstliche Befruchtung und das Klonen von Embryonen überwinden die alten „Naturzwänge“ inzwischen so selbstverständlich, wie eine Geschlechtsumwandlung durch das Skalpell des Chirurgen geworden ist. „Neosexualitäten“ nennt Sigusch diese künstlichen Welten. Sie zu begreifen, wird die schwierigste und wichtigste Aufgabe einer künftigen Sexualwissenschaft sein. Und sie seien zugleich der beste Grund, warum das Institut unbedingt fortgeführt werden müsse.

Die Arbeit an diesem Bericht ist noch nicht beendet, da heißt es im Fernsehen: „Das ist Didi. Didi ist ein Mann, aber er hat keinen Penis. Wenn Didi die letzte Folge von ,Deutschland sucht den Superstar‘ gewinnt, könnte er die Operation bezahlen, die es noch nicht auf Krankenschein gibt.“

Sigusch ist düster gestimmt: „Ich sehe die Zukunft schwarz.“ Daran ändere auch das positive Echo in der Presse nichts. Die Artikel werden von seinen ziemlich bedrückt aussehenden Assistentinnen mehrfach kopiert und in Leitzordnern abgeheftet. Sympathisierende Intellektuelle versuchen dort in gut gemeinten Appellen seine Arbeit zu unterstützen, indem sie die Qualen der Transsexuellen, den finanzielle Ruin der Cybersex-Süchtigen, die Angst und den Selbsthass der Perversen, die Nöte der Aidspatienten, die Verzweiflung der impotenten Liebhaber ausmalen, die in Frankfurt bald ohne fachliche Hilfe bleiben müssen. Die Argumente bleiben sonderbar leblos, wie so oft, wenn politische Korrektheit die Feder führt. Sigusch selbst hat erkannt, dass die Öffentlichmachung der Triebe zwar das Begehren, nicht aber das sexuelle Elend abgeschafft hat. Welchen Beitrag seine Einrichtung bei einem jährlichen Mini-Etat von etwa 600 000 Euro zu seiner Linderung geleistet hat, welchen wissenschaftlichen Einfluss die Forschungen und Theorien haben, listet sein „knapper Bericht über die bisherige Arbeit“ in sieben eng beschriebenen Seiten auf. Er ist eindrucksvoll gewiss, aber irgendwie ist diese gewaltige Theoriewolke auch erschreckend, scheint sie doch zu dokumentieren, dass Sexualität immer größere Bereiche des modernen Lebens in sich aufsaugt.

Der Adorno-Schüler Sigusch beantwortete diese Entwicklung mit einer geradezu beunruhigenden Produktivität. „Schreiben ist meine Existenzweise“, sagt er und begründet damit seinen unermüdlichen Ausstoß an Texten. Er zieht ein schmales Buch mit dem Titel „Geschlechtswechsel“ aus dem Regal, um auf der Klappe ein Bild des Rebellen von einst, bärtig, mit gekräuselter Matte und übergroßer tropfenförmiger Brille vorzuführen. Eine „Intelligenzbestie“, „eine Qual für meine Lehrer“, so beschreibt sich der Professor selbst.

Das „Wunderkind“ langweilt sich auf der Schule fast zu Tode. In der DDR ist ihm das Studium verwehrt, er macht von Freiberg rüber in den Westen. Sein erstes Buch verbarg noch hinter dem ziemlich langweiligen Titel „Konzeption einer Sexualmedizin“, welche Pioniertat sein Erscheinen 1970 war. Immerhin erreichte es eine Auflage von 120 000 Stück. Danach folgen im Jahrestakt 30 weitere Bücher. „Die Mystifikation des Sexuellen“ wurde 1992 in Frankreich sogar in den allgemeinen Kanon der Philosophischen Werke aufgenommen. Anfang 2006 wird „Strukturwandel der Sexualität“ in der philosophischen Reihe des HorkheimerAdorno-Institutes erscheinen.

In seinem Zimmer pflegt Sigusch eine sehr persönliche Ahnengalerie. Auf gerahmten Schwarzweißfotos stellt er sich selbst als ernsten jungen Mann nicht frei von Eitelkeit in eine Reihe mit Bloch, Reich, Marx, Kinsey, Krafft-Ebbing, Giese und Freud. Der Plan, das Institut zu schließen, fällt in unseliger Koinzidenz mit Freuds 150. Geburtstag im Mai zusammen. Dabei kommt es einem heute fast schon wie ein Gemeinplatz vor, was der Psychoanalytiker zuerst formulierte: Perversion und Normalität gehören zusammen. Die 70er Jahre haben dieses Wissen gründlich unters Volk gebracht. Für die deutsche Sexualwissenschaft gab es einmal die Chance, an die durch den Nationalsozialismus verschütteten Traditionen anzuknüpfen. Ein zweites Mal wird es nicht geben.

Vor der entscheidenden Sitzung über Sein oder Nichtsein des Instituts im Januar parkte der Professor sein Auto an genau derselben Stelle wie an einem schon weit zurückliegenden Tag voll Zuversicht vor 34 Jahren, eine Geste, mit der er sich gegen das Unabwendbare stemmte. Damals machte ihn der Fachbereichsrat Medizin Frankfurt zum jüngsten Institutsleiter Deutschlands. Aber auch der glücklichste Anfang kann ein gutes Ende nicht erzwingen. Der Fachbereichsrat erlässt den Beschluss, das Institut nicht mehr aus seinem Etat zu finanzieren. Angesichts des massiven öffentlichen Protestes wird aber von der geplanten Liquidation zunächst abgesehen, stattdessen zu einem anderen höchst probaten Mittel gegriffen, um eine öffentliche Einrichtung loszuwerden: Dem Institut wird mit dem altersbedingten Ausscheiden ihrer Leitung aufgebürdet, den Lehrstuhl aus Spendengeldern selbst zu finanzieren. „Können Sie sich ernsthaft einen privaten Gönner vorstellen, der von einer sexuellen Störung geheilt wurde und deshalb dieses Institut finanziert?“, fragt Sigusch.

Im Juni wird er 65, dieses Datum hat die lang verdrängte Krise des Institutes offenkundig gemacht. Wie keine andere zuvor glaubte seine Generation an die Macht der Zeichen, die Wirklichkeit zu verändern. Die 68er haben entdeckt, wie mächtig, wie leidenschaftlich die Sprache des Körpers ist, haben erforscht, wo seine erogenen Zonen liegen, seine Präsenz, seine Ausdrucksfähigkeit eingeübt. „König Sex“ wurde damals „inthronisiert“, sagt Sigusch und distanziert sich heute von jener Bewegung, die den Orgasmus zur Pflicht erklärte, auf öffentlichen Love-Ins, in Kommunen und beim Gruppensex, den Aufstand gegen die Schamgrenzen probte. Es waren die Frauen, die ihre BHs wegwarfen, als Symbol der Freiheit und des Widerstandes. Sie sprengten in Frankfurt Theodor Adornos Vorlesung, indem sie dem alten Mann ihre nackten Brüste präsentierten – unterdrückt von männlicher Wissenschaft, aber stolz darauf, Weiber zu sein. Ihre Kerle legten sich wilde Mähnen und Bärte zu, und an ihren engen, bis zur Unkenntlichkeit verwaschenen Levis war ziemlich deutlich abzulesen, was sie so in der Hose hatten. 30 Jahre später wird Volkmar Sigusch die Glücksverheißungen dieser Jugendrevolte als schrecklichen Irrtum bezeichnen, als den Beginn einer Entwicklung, die jede normale Beziehung pathologisierte und die „glückliche Familie als durch und durch zerstörerisch denunzierte“.

Der Eros wurde mit so einer Kraft ausgestattet, dass ihm von Wilhelm Reich zugetraut wurde, die ganze Gesellschaft zu entfesseln. Sigusch war jung, seine Habilschrift über Jugendsexualität hält er noch heute für eine „Sensation“. In der Erinnerung daran hellt sich sein Gesicht ein klein wenig auf. Von der Straße in die Hörsäle. Endlich nahm sich ein Akademiker ernsthaft der Bedürfnisse der Jungen an, ließ kein Tabu gelten, war bereit, Dinge zu sagen und Wörter auszusprechen, die zuvor an einer deutschen Universität noch nie aus dem Munde eines Professors vernommen wurden. Anders ausgedrückt: Endlich frei über Sex zu sprechen, machte Anfang der 70er Jahre noch Spaß.

Im Spiegel der Vergangenheit erscheint dem Forscher jedes Detail der Sitzung des Fachbereichsrates von unheilvoller Bedeutung und bringt ihm auf schmerzliche Weise zu Bewusstsein, wie stark sein Einfluss bereits erodiert ist. Umso heftiger hallt in Sigusch das Echo des triumphalen Tumultes von 1972 nach, als anlässlich seiner Berufung die Kommilitonen, „Genossinnen und Genossen“, in Sprechchören eine andere Medizin forderten, während er jetzt eine Debatte verfolgt, deren ganzer Verlauf ihn verstört. Was er sich alles anhören musste. Das Wenigste war noch, dass sich der Fachbereich Medizin eine „rückwärts gewandte Traditionspflege“ nicht leisten könne. Aber vor allem muss er erfahren, „wie tödlich Schmeichelei“ sein kann.

Seine Gegner kommen aus der Urologie, der Gynäkologie und der Psychiatrie. Sie benutzten ihre schärfste Waffe und loben seine Verdienste in solche Höhen, dass kein Nachfolger denkbar ist, dem die Luft dort oben nicht zu dünn wäre. Es gibt keine einsamere Position, als ein lebender Mythos zu sein. Er hört, wie er von Kollegen in Stich gelassen wird, aber am tiefsten prägt sich ihm die „bedrückenden Stille“ ein, in der die Zuschauer auf den voll besetzten Rängen der großen Aula reglos verharren, während über sein Lebenswerk verhandelt wird. Daran kann er ermessen, wie viel Zeit wirklich vergangen ist, seitdem er vor dem Gremium stand. Es müssen Jahrhunderte sein.

Die Entscheidung des Dekans empfängt der Sigusch von 2006 glatt rasiert und mit Krawatte. Es ist kein Bild von sich, das ihn mit Zuversicht erfüllen könnte. Bei allem Kulturpessimismus, eine Hoffnung allerdings bleibt: „Das Einzige, was nicht käuflich ist, ist die Liebe.“

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