Zeitung Heute : „Sexuelle Energie – damit arbeite ich“

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Interview: Tanja Stelzer; Foto: Lothard Schmidt/Hk Frau Béart, französische Frauen üben eine besondere Anziehungskraft auf Männer aus, besonders in Deutschland. Sie verkörpern diesen Mythos. Was macht die französischen Frauen so besonders?

Ich habe in „Une femme française“ gespielt. Darin hatte ich übrigens eine leidenschaftliche Beziehung zu einem Deutschen. Aber was heißt das, eine französische Frau, keine Ahnung, was soll das sein?

Wir dachten, Sie können uns das erklären.

Wissen Sie, ich fühle mich gar nicht wie eine Französin. Die Wurzeln meiner Familie sind im Orient, ich habe slawisches Blut, ich bin eine Mischung aus allem Möglichen. In Wirklichkeit habe ich nicht einen Tropfen französisches Blut in mir. Das ist schon seltsam.

Sie sind gar keine echte Französin? Da enttäuschen Sie uns aber.

Ich bin eine Französin, weil das mein Land ist, weil ich hier aufgewachsen bin, aber biologisch gesehen… nein.

Wann haben Sie bemerkt, dass Sie so große Wirkung auf die Männer haben?

Habe ich die? Daran zweifle ich noch immer.

Ihren ersten Heiratsantrag haben Sie bekommen, als Sie fünf waren!

Ja, aber das war nicht ernst gemeint. Ich habe abgelehnt.

Was, glauben Sie, ist Charme?

Charme?

Sie dreht die Augen nach schräg oben, ihre Hände fliegen in die Luft. Denkt sie nach, oder spielt sie eine charmante Frau?

Charme, das ist etwas, das einen umhüllt. Charme kann man nur haben, wenn man sich gut fühlt in seiner Haut. Das ist es, was anziehend wirkt auf die Leute, glaube ich.

Als Sie „Acht Frauen“ gedreht haben…

Es war toll, mit so vielen so talentierten Schauspielerinnen zu spielen!

Sie untertreiben. Es sind die berühmtesten französischen Schauspielerinnen. Mehrere Generationen…

…fünf, um genau zu sein! Die Distanz, die Gelassenheit und das Lächeln von Danielle Darrieux, die Energie von Ludivine Sagnier, unserer Jüngsten, und dann diese wunderbaren Szenen mit Catherine Deneuve und mit Isabelle Huppert… Es war, als würden wir alle gemeinsam eine Partitur spielen, und jeder hatte mal ein Solo, und dann wusste man, wann es Zeit war, den Platz für eine andere zu räumen.

Da hat sich François Ozon wohl verkalkuliert. Er wollte einen Film mit acht Diven drehen und stellte sich das vor, als würden acht Löwinnen in einer Arena aufeinander losgelassen.

Wir waren eine solidarische Gemeinschaft. Keine von uns wollte die andere fressen. Eher schon hatten wir Lust, uns gegenseitig herauszufordern. Das war ein Spiel. Und für die Zeit der Dreharbeiten haben wir wirklich eine gewisse Intimität entwickelt. Diese ewige Suche in uns selbst, unserem Körper, unserer Seele, unserem Herzen – das zu teilen mit all diesen Frauen, das war spannend. Es war auch bewegend zu sehen, dass nicht unbedingt diejenigen mit mehr Erfahrung weniger Lampenfieber haben. Wir sprechen ja sonst wenig über so etwas unter Schauspielern, wir sprechen überhaupt wenig miteinander.

Sind Sie Freundinnen geworden?

Nein, wir sind jede für sich weggefahren. Wissen Sie, das ist ein seltsamer Beruf. Es ist immer wieder, als würde sich eine Familie gründen, aber sie geht genauso wieder auseinander. Man gibt sich etwas, und dann fährt man wieder.

Die Haushälterin kommt herein, will die Blumen vom Tisch räumen. Emmanuelle Béart protestiert. Also bleiben sie stehen. Es sind weiße Rosen, rosa gefüllt. Im Vorspann von „Acht Frauen“, wo jeder der Diven eine Blume zugeteilt ist, gibt es eine, die ganz ähnlich aussieht.

Sie werden am Anfang des Films durch eine Lilie dargestellt.

Ich hasse Lilien!

Warum? Die Lilie ist doch sehr edel. Ein Symbol des Lichts, der Reinheit…

Für mich ist das eine Friedhofsblume. Die Blumen im Vorspann sollen ja den Charakter der jeweiligen Schauspielerin beschreiben. Ich weiß nicht, warum François Ozon für mich ausgerechnet eine Lilie ausgesucht hat. Ich fand das seltsam.

Und wie gefällt Ihnen die Figur der Louise, des verführerische Hausmädchens? Louise hat ein Verhältnis mit dem ermordeten Hausherrn, aber sie interessiert sich auch für Frauen, besonders für Catherine Deneuve.

Ich wusste zuerst überhaupt nicht, woran ich bei Louise bin. Ich wusste nicht, woher sie kommt, wie sie in das Landhaus zu dieser Familie gekommen ist, was sie sucht. Als ich vom Set weggefahren bin, hatte ich immer noch keine Antwort. Ihre Beziehungen sind zweideutig, und sie scheint irgendwie verloren im Leben. Dann aber gibt es diesen Moment, wo sie anfängt zu tanzen, zu singen, sie sprengt ihr Korsett. Louise ist unverschämt, schizophren, paranoid. Ich mag sie gern.

Es gibt eine Szene, da lösen Sie Ihr Haar. Ein deutscher Kritiker hat geschrieben, andere Frauen hätten schon ihre Brüste entblößen müssen, um diese Wirkung zu erzielen. Und Gainsbourg hat einmal gesagt, die schönen Dessous von Emmanuelle Béart – das ist, dass sie nie ihren Schleier ablegt. Sie scheinen immer noch ein Geheimnis für sich zu bewahren. Das ist Ihr Trick.

Ich will, dass die Leute meine Filme anschauen und die Dinge erraten. Darüber reden, würde alles kaputtmachen. Wenn ich eine Rolle spiele, steckt darin alles, was ich bin, was ich erlebt habe, angefangen bei der Kindheit. Das ist das Geheimnis.

Ihre Geheimnisse schreiben Sie in Ihrem Tagebuch auf.

Nicht wirklich Geheimnisse. Ich mag es, die kleinen Details des Lebens zu erzählen. Das Tagebuch handelt nicht von großen Gefühlen, es geht darin eher um kleine Unstimmigkeiten, ein bisschen wie die Dissonanzen in der Musik. Ich schreibe zum Beispiel über Menschen, die sich verpassen, die zum Bahnhof gehen, und weil sie den Zug nicht bekommen, ändert sich ihr Leben. Mein Tagebuch ist für mich wie ein Freund geworden. Vielleicht werden meine Kinder es eines Tages lesen und etwas begreifen über das Leben.

Es klingelt, ein Bellen ist zu hören, ein Chihuahua stürmt ins Wohnzimmer, das Dienstmädchen hinterher, holt den Hund zurück.

Wenn Sie für sich selbst ein Drehbuch schreiben würden…

…wäre es eine Komödie, eine Art Robin-Hood-Geschichte. Oder ich wäre ein Gangster, ich weiß nicht.

In „Acht Frauen“ fällt Louise ein Foto herunter. Darauf ist Romy Schneider zu sehen.

Das war Ozons Idee, nicht meine.

Wirklich? Romy Schneider ist Ihr großes Idol.

Seines auch. Aber es stimmt schon, für mich ist sie wirklich eine Heldin. Weil sie etwas sehr Bodenständiges hatte und gleichzeitig diese absolute Anmut. Die Mischung aus beidem – in meinen Augen gab es nie einen Ersatz für sie. Wenn ich einen Film anschaue, in dem sie mitspielt, bin ich heute noch sehr aufgewühlt.

Sie ist eine sehr traurige Frau.

Ja, das ist sie.

Manche Regisseure fanden, Sie seien zu schön für manche Rollen.

Ach, das ist lange her. Seitdem bin ich älter geworden.

Manchmal wurde vermutet, Sie hätten einige Rollen ausgesucht, um sich gegen Ihr Image zu wehren, dagegen, dass Sie immer nur die Schöne waren. Also spielten Sie Drogenabhängige, Prostituierte…

Aber doch nicht, um dagegen anzugehen, dass man mich schön fand! Die Regisseure haben meine Schönheit benutzt, und das war in Ordnung. Jetzt müssen Sie eben etwas anderes benutzen.

Das stimmt natürlich nicht.

Es ist ja auch nicht nur die Schönheit, die zählt. „Die schöne Querulantin“ zum Beispiel ist nicht einfach eine Frau, die sich ihres Körpers bedient, sie setzt wirklich alles ein: ihre Muskeln, ihre Adern, ihr Blut. Das zu spielen, einer solchen Figur Leben einzuhauchen, das ist wunderbar. Ich finde ja, die Schauspielerei hat eine enorme sexuelle Energie, und damit arbeite ich. Als wir „Die Hölle“ gedreht haben, sagte Chabrol zu mir: Du musst ordentlich mit dem Hintern wackeln, das ist wichtig.

Die Kostümfrau von „Acht Frauen“ hat erzählt, dass Sie großen Spaß daran hatten, das Dienstmädchen, das Sie spielen, besonders sexy aussehen zu lassen. Sie hätten extra um ein bisschen höhere Stiefel gebeten.

Das mache ich für die Rolle. In einem Film von Téchiné war ich eine Grundschullehrerin mit zwei Kindern, demnächst bin ich in einem Film von Anne Fontaine eine Prostituierte, die in einer Bar arbeitet. Ich wechsle von der einen Rolle zur anderen und benutze dabei zwei Seiten meiner Persönlichkeit. Es ist mein Naturell, das zu nutzen, was ich habe. Ich spreche jetzt nicht von der Schönheit, sondern davon, was ich in mir habe. Das rauszulassen, ist beängstigend, immer noch. Ich fange in einer Woche an zu drehen, und ich frage mich, ob ich es kann. Es ist, als würde ich zum ersten Mal vor einer Kamera stehen. Das ist das Schöne an diesem Beruf: Es ist immer das erste Mal.

Sie haben zwei Kinder im Alter von sechs und neun. Sie sind Mutter und Sex-Symbol.

Nein! Ich habe nie Nacktfotos gemacht. Das ist nicht das Bild, das ich von mir habe.

Sagen wir: ein Symbol der Erotik.

Gut. Und Mutter zu sein – das verleiht Ihnen eine Sinnlichkeit, die Sie vorher nicht hatten. Das ist überhaupt kein Gegensatz. Ich habe den Eindruck, dass das Muttersein meine Möglichkeiten erweitert hat, die Palette dessen, was ich spielen kann. Ein Kind da drin zu haben…

Sie streicht sich mit einer kreisenden Bewegung über den Bauch.

…das ist etwas sehr Sinnliches… In dem Moment, in dem der Körper sich ausdehnt, erweitert sich der Horizont: der Raum, die Zeit. Naja, und dann muss man sie großziehen.

Wie ist Emmanuelle Béart als Mutter?

Ich versuche, meinen Kindern die Zuwendung zu geben, die sie brauchen. Ich würde sie zum Beispiel nie allein einen gewaltsamen Film gucken lassen. Ich nehme sie mit ins Kino, und danach sprechen wir miteinander. Und ich zeige ihnen, wie man Verletzungen schminkt, so bekommen sie eine gewisse Distanz zu dem, was sie auf der Leinwand sehen, die ist wichtig für Kinder. Sie haben diese Hilfe nötig: Dass man ihnen sagt, es ist Kino und nicht die Wirklichkeit. Das ist wie mit den Märchen. Kinder brauchen das: Angst zu haben vor dem Bösen und gleichzeitig zu wissen, dass der Gute gewinnen wird.

Dürfen Ihre Kinder Ihre Filme sehen?

„Acht Frauen“ haben sie gleich zwei Mal geguckt. Sie haben auch die CD, und eine Zeitlang lief bei uns zu Hause den ganzen Tag dieses Lied, das ich singe: „Pile ou face“, Kopf oder Zahl. Das haben die Lehrer sogar in der Klasse meiner Tochter durchgenommen.

Die beiden sind Kinder einer Berühmtheit.

Yohan, mein Sohn, versteht das noch nicht so, aber für meine Tochter Nelly…

…Ihr gemeinsames Kind mit Daniel Auteuil…

…ist es nicht einfach, wenn wir immer auf der Straße angesprochen werden. Sie muss wissen, dass sie auch etwas wert ist, dass man sie beachtet. Sie muss ihren eigenen Charakter entwickeln.

Frau Béart, Sie engagieren sich politisch. Vor ein paar Jahren sind Sie für die Illegalen auf die Straße gegangen; zuletzt haben Sie gegen Le Pen demonstriert. Sie sind Unicef- und Uno-Botschafterin.

Den Job bei der Uno habe ich bekommen, weil die Leute meine Fernsehreportage über Kinderprostitution in Thailand gesehen haben. Der Film heißt „paroles d’enfants“, „Kinderworte“, und darin berichten zwei kleine Jungen und ein 13-jähriges Mädchen darüber, was ihnen widerfahren ist. Es gibt nicht eine Sex-Aufnahme in diesem Film, das kommt ja ansonsten häufig vor bei diesen Reportagen. Mir ging es darum, zu zeigen: Seht her, das sind die Schäden an Seele und Körper. Diese Kinder verlieren jede Würde, jede Selbstliebe. Was ich in Thailand gesehen habe, dieser Kinder-Sextourismus, da muss ich kotzen. Und leider muss ich Ihnen sagen, dass die Deutschen die besten Kunden sind. Pattaya, da gibt es an jeder Ecke eine „German Bar“. Ich hätte gern, dass meine Reportage mal in Deutschland gezeigt wird.

Wie geht es den Kindern heute?

Die Jungen stecken noch mitten drin in dieser Sache. Das Mädchen, eine Kambodschanerin, ist inzwischen in einem Heim.

Haben Sie das Gefühl, Sie haben etwas bewirkt mit Ihrer Dokumentation?

Ich habe merkwürdige Erfahrungen gemacht. Es gab Männer, die sind hier in Paris auf der Straße stehen geblieben, haben gesagt: Ich war an so einem Ort, ich war ein Sextourist. Ihre Reportage hat mich sehr berührt. Das war seltsam. Die Männer haben sich ausgerechnet mir anvertraut. Drei Mal ist mir das passiert!

Was haben Sie zu ihnen gesagt?

Dass es sehr hart ist, was sie mir da erzählen. Dass ihr exotisches Vergnügen einen Menschen zerstören kann.

Haben Sie den Roman „Plattform“ von Houellebecq gelesen? Darin geht es um einen Mann und eine Frau, die in Thailand eine neuartige Form von Sexhotels etablieren wollen.

Dieses Buch ist eine fürchterliche Rechtfertigung des Sextourismus. Ich mag diesen Houellebecq nicht. Er hat eine Auffassung von Frauen, also wirklich…

Sie haben selbst oft Prostituierte gespielt. Sie fühlen sich diesen Frauen nahe.

Ich bin in einem Verein, der heißt der „Bus der Frauen“. Der Verein hat einen Bus, der durch Paris fährt und Prostituierte aufgabelt, die Probleme haben. Manchmal fahre ich mit in diesem Bus, und rede mit den Frauen. Wir geben ihnen die Adresse unseres Vereins, manchmal müssen wir ihnen ganz einfache Dinge erklären, zum Beispiel dass es Kondome gibt. Oder ich helfe ihnen, einen Job zu finden.

Sie engagieren sich für Frauen. Sind Sie Feministin?

Nein.

Warum nicht?

Es wäre doch lächerlich, heute noch auf diesen alten Positionen zu bestehen. Unsere Mütter haben gekämpft, und sie hatten Recht. Wenn man je das Recht auf Abtreibung in Frage stellen würde, wäre das was anderes. Aber so… Die Frauen sind heute freier als früher, sie arbeiten, vielleicht sind sie männlicher geworden. Und die Männer sind viel weiblicher geworden. Es ist wunderbar, wenn sich beide vereinen, wenn sie aufeinander zugehen. Ich liebe die Männer leidenschaftlich. Sie berühren mich.

Es heißt, dass Sie mit Ihrem Freund in einem Haus wohnen, aber in getrennten Wohnungen.

Ach, das hat dieses Schmierblatt „Voici“ geschrieben. Vergessen Sie das! Darüber rede ich nicht.

Was muss ein Mann haben, der Sie fasziniert?

Eine große Weiblichkeit. Ich fühle mich angezogen von Männern, die Raum lassen für Gefühle, für Schwächen. Frauen sind oft mutiger darin, ihre Gefühle auszudrücken. Es kommt vor, dass ich Männer etwas feige finde.

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