Zeitung Heute : SEXUELLER MISSBRAUCH IN DER KATHOLISCHEN KIRCHE Das Schweigen der Opfer erkauft?

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Betrifft: „Bischöfe machen sexuellen Missbrauch zum Thema" vom 23. April 2002

Kardinal Lehmann muss widersprochen werden: „Der diskrete und sorgfältige Umgang mit der Sache“ trägt nicht zur lückenlosen Aufklärung bei, sondern lässt eher befürchten, hier soll ein Skandal, der in die Öffentlichkeit gehört, als innerkirchliches Problem abgehandelt werden. Statt eine unabhängige Kommission einzuberufen, befinden genau dieselben Männer über den Umgang mit pädophilen Priestern, in deren Diözesen derartige Missbrauchsfälle vorgekommen sind. Das sieht so aus, als soll eher das - stark angeschlagene - Ansehen der Kirche geschützt werden, als dass den Opfern endlich eine Stimme gegeben wird! Diskrete Zahlungen an die Opfer wirken wie ein Ablass, mit dem deren Schweigen erkauft wurde.

Wenn sexueller Missbrauch von Priestern jetzt wie ein weltweiter Flächenbrand bekannt wird, wieso nimmt Kardinal Lehmann an, es könnte sich in Deutschland eher um Randerscheinungen handeln? Die Täter gehören beim n genannt, angeklagt und verurteilt. Es kann kein gesondertes Strafrecht für kirchliche Würdenträger geben.

Die Opfer sollten mutig unterstützt werden, ihr Schweigen zu brechen. Um sie geht es hier, nicht um die Kirche! Es handelt sich nicht um ein paar lässliche Sünden, sondern um Verbrechen.

Angelika Oden, Berlin-Lichterfelde

Sehr geehrte Frau Oden,

Sorge um die Opfer, diskreter und sorgfältiger Umgang in der Sache, keine Panikmache und dennoch Eindeutigkeit, Transparenz und Offenheit – wie soll das alles zusammenpassen? Diese Frage trieb die Deutschen Bischöfe bei ihren Beratungen am Montag um, als sie sich dem Thema sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester und andere befassten, die in der Kirche beschäftigt sind. Denn eines ist klar: sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen und die, die dieses Verbrechen begehen, müssen nach dem Strafgesetzbuch verurteilt werden und das schon gleich nach dem ersten Mal. Darüber hinaus sind die Bischöfe im Umgang mit straffällig gewordenen Priestern an die strengen römischen Richtlinien gebunden. Papst Johannes Paul II. machte in dieser Woche unmissverständlich deutlich, dass es in der Kirche keinen Platz für Pädophile im Priestertum gibt.

Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester in Deutschland kommt nach allem, was wir wissen, höchst selten vor. Aber, und das betont Kardinal Lehmann immer wieder, jeder Fall ist schlimm und muss geahndet werden.

Opferschutz und -hilfe gebieten sich von selbst. Hilfen müssen individuell mit den Opfern und ihren Angehörigen abgestimmt werden. Dazu ist der Rat von Fachleuten hinzuzuziehen. Solche Hilfe muss derartig angelegt sein, dass sie auf keinen Fall zu Fehlinterpretationen führen können, wie Sie zurecht bemerken. Ablasshandel, Erkaufen von Schweigen, was wäre das fatal!

Dass das gelingen kann, beweist übrigens die Reaktion Betroffener aus dem Bistum Würzburg, die sich für die Hilfen seitens der Diözese bedankten. Sie beklagten allerdings, dass sie unter der Öffentlichkeit litten, die nach bekannt werden ihres Falles entstanden war. Das ist ein Dilemma: Es darf nichts vertuscht werden. Die Opfer müssen aber auch davor geschützt werden, dass ihr Leid in der Öffentlichkeit breit getreten wird.

Im Übrigen geht bei der aktuellen Debatte etwas unter, dass sich nämlich vereinzelt Priester ungerechtfertigter Anschuldigungen ausgesetzt sehen. Vielleicht sollte man sich auch einmal in diese hineinversetzen. Jeder Bischof hat die Pflicht, sich schützend vor einen solchen zu stellen.

Prälat Dr. Karl Jüsten

(Leiter des Kommissariates der Deutschen

Bischöfe, Katholisches Büro in Berlin)

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