Zeitung Heute : Shakespeare lieben oder nicht lieben

Der renommierte Übersetzer Frank Günther ist der erste Inhaber der neuen Gastprofessur für „Poetik der Übersetzung“ an der Freien Universität Berlin

Julia Kimmerle

Manchmal reicht es nicht, einfach nur geduldig zu sein. Man muss immun sein gegen Ablenkung, stoisch, unermüdlich – sonst hat man als Übersetzer den falschen Beruf gewählt. „Die größte Schwierigkeit beim Shakespeare Übersetzen ist es, nicht schreiend davonzulaufen“, sagt Frank Günther. Er muss es wissen, denn seit über 30 Jahren arbeitet er sich an diesem Klassiker der Weltliteratur ab.

Im vergangenen Herbst wurde Günther von einer Jury aus Vertretern des Deutschen Übersetzerfonds und des Peter-Szondi-Instituts der Freien Universität zum ersten Inhaber des neuen Lehrstuhls „Poetik der Übersetzung“ gewählt. Die Professur soll nun jedes Jahr zum Wintersemester an Personen vergeben werden, die „mit bemerkenswerten Übersetzungen in der deutschsprachigen literarischen Öffentlichkeit hervorgetreten sind“, heißt es in der Ausschreibung.

Hervorgetreten ist Frank Günther in den vergangenen Jahren des Öfteren. Seit den 1970er Jahren übersetzt er das Gesamtwerk von William Shakespeare. 1995 sind die ersten Übersetzungen herausgekommen, 2009 sollte der letzte von insgesamt 39 Bänden erscheinen. Das war zumindest der Plan. „Vermutlich wird es nun ein bisschen länger dauern“, räumt Günther ein. Aber dann wäre er durch mit diesem Shakespeare-Marathon. Und der Erste, der alle Werke Shakespeares ins Deutsche übersetzt hat. Seine Arbeit wurden mit Preisen ausgezeichnet: 2001 erhielt er den Christoph-Martin-Wieland-Preis für Übersetzer, 2006 den Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis. Aber was wohl noch wichtiger ist für einen Übersetzer: Seine Übersetzungen wurden unzählige Male auf fast allen deutschsprachigen Bühnen aufgeführt.

Namenspate für die Gastprofessur ist August Wilhelm von Schlegel (1767 bis 1845), der bis heute vor allem für seine Shakespeare-Übersetzungen berühmt ist. „Schlegel hat nicht nur übersetzt, sondern auch theoretisch über die Möglichkeiten des Übersetzens gearbeitet. Seine Überlegungen haben auch heute noch Bestand – das ist schon einzigartig“, sagt Günther. Als erster August-Wilhelm- von-Schlegel-Gastprofessor will er den Studenten vermitteln, was die Kunst des Übersetzens ausmacht. Eine gesteigerte Sensibilität für die Wunder der Sprache, das würde er seinen Studenten als Lernziel wünschen. Dass mit der Sensibilität auch der Drang zum Weglaufen größer wird, ist Günther durchaus bewusst. „Wenn man dann so ein sinnloses Wortspiel vor sich hat, das im Englischen vor 400 Jahren einmal gut funktioniert haben mag, aber im Deutschen leider überhaupt nicht funktioniert, dann kann man es leider nicht einfach streichen, sondern muss daran sitzen bleiben.“

„Der Geschmack der Wörter“ – so lautet der Titel des Seminars. Darin schwingt schon einiges mit, was Günther über das Übersetzen vermitteln will. Es geht viel um den historischen Kontext, den Zeitgeschmack. „In Zeiten, in denen Wortspiele und Kalauer verpönt waren, hat man auch Shakespeare nicht sehr geschätzt. Im 18. Jahrhundert war man der Ansicht, Shakespeare hätte für einen guten Kalauer sogar seine Großmutter verkauft“, erzählt er. Günther, der vor seiner Karriere als Übersetzer viel am Theater tätig war, geht es aber auch um die Sinnlichkeit der Sprache. Um das, was passiert, wenn man gedruckte Wörter durch Sprechen verwandelt. Als Professor will er seinen Studenten einen weiteren Zugang zur Übersetzung erschließen als nur den der akademischen Analyse. Am Anfang seines Seminars stand deshalb nicht das Wort, schon gar nicht Shakespeare, sondern Tanz auf dem Plan. Und Vokal-Jazz. „Wir mussten ja erst einmal ein Problembewusstsein für die Schwierigkeiten des Übersetzens schaffen“, erzählt Günther über sein Seminar. Beim Singen und Tanzen geht es wie in der Sprache um Rhythmus und Silbenmaß. Ohne sie funktioniert keine Übersetzung.

Eine weitere Aufgabe bestand darin, Tagesspiegel-Artikel in Blankversmaß umzuwandeln. Damit sollten sich die Studenten auf eines der größten Probleme beim Übersetzen von Dramen vorbereiten: Alltagssprache, die Shakespeare in Versen verpackte, in deutsche Verse zu übertragen, ohne die Sprache zu verkrüppeln. Wenn es im Original heißt: „Give me my sword and cloak! Falstaff, good night“, funktioniere das auch ohne falsche Syntax. „Aber keinem deutschen Muttersprachler würde je ein Satz einfallen wie: Gib Mantel mir und Degen! Falstaff, gute Nacht!“, sagt Günther.

Nur – was tun, wenn die Übersetzung sich partout nicht ins Versmetrum fügen will? Woher nimmt man die Motivation, das, was nicht passt, passend zu machen? So genau kann Frank Günther das auch nicht erklären. Und trotzdem sind es gerade die Probleme mit den wahnwitzigen Details in Shakespeares Werk, über die er so viel erzählen kann. Das tut er mit der mitreißenden Begeisterung eines Schauspielers und Dramaturgen gleichzeitig; egal, ob an einem Kaffeetisch, vor Studenten oder bei Lesungen vor Publikum. Wenn er zitiert und dabei gestikuliert, rutscht auch mal sein geringelter Schal rechts oder links vom Hals. Er erzählt über die Tiefen und Untiefen in Shakespeares Texten mit einer Mischung aus Anerkennung und der Verzweiflung, die wahrscheinlich nur Übersetzer verstehen können. Bisweilen bedenkt er den Dichter auch mit Schimpfworten: Shakespeare, der „Dreckskerl“ – es klingt beinahe wie ein Kosename. Dass er überhaupt dazu kam, diesen Autor zu übersetzen, dessen Lektüre er im Studium als quälend empfunden hat, war eher Zufall. Und ein bisschen Zwang, wie Günther betont. Ein echtes Shakespeare-Erweckungserlebnis gab es für ihn wohl nicht, jedenfalls keines, von dem er sofort erzählen würde. Durch seine erste Shakespeare Übersetzung, die er im Auftrag eines Verlages verfasste, sei er durchgegangen „wie eine Dampflok“. Ungebremst durch das Vorbild anderer Übersetzungen, immer entlang der eigenen, intuitiv entwickelten Regeln. „Ich habe vom Theater aus überlegt – was passiert bei diesem Dialog? Was ist das Wesen? Wie ist es, wenn ein Satz das erste Mal gesprochen wird?“ Der Ehrgeiz sei erst später gekommen, beim Sommernachtstraum. „Und dann, irgendwann, waren es eben Shakespeare und ich.“ Jetzt lebe er schon seit ewigen Zeiten auf dem Lande, auf einem Bauernhof in Baden-Württemberg und spiele Shakespeare am Schreibtisch.

Seine Werke sind jedoch nicht das Einzige, was Günther vom Englischen ins Deutsche übertragen hat. Über 70 Filme hat er auch übersetzt. Eines seiner Lieblingsprojekte: die Übersetzung von Duckula, einer englischen Zeichentrickserie. Erzählt werden die Abenteuer einer vegetarischen Vampirente, 65 Folgen gab es davon. Gesprochen wurden Günthers Texte von Kabarettisten und Schauspielern wie Ilja Richter, Eddi Arent und Jochen Busse. „Das war keine Kinderserie – alles war sehr ironisch und bestand nur aus Wortspielen. Die hätte eigentlich abends um elf laufen müssen. Aber die Besetzung war sehr gut, das hat richtig Spaß gemacht“, erinnert sich Günther und grinst. Von allen Filmen, die er übersetzt hat, waren ihm immer die Zeichentrick-Episoden die liebsten. Auch, weil es beim Trickfilm nicht auf synchrone Lippenbewegungen ankommt und er als Übersetzer wesentlich größere Freiheiten hatte. „Man konnte der Ente tolle Sachen in den Mund legen.“

Dass Übersetzen eine Kunst ist, ob es sich nun um eine Zeichentrickserie oder eben einen Klassiker der Weltliteratur handelt, daran lässt Günther keinen Zweifel – bei aller Ironie mit der er die Probleme seines Berufes darstellt: „Durch das Nachschaffen eines Werkes in einer anderen Sprachgestalt entsteht eine Autonomie gegenüber dem Original. Das Fach hat seine eigene Berechtigung und seine eigene Würde.“ Er verstehe den neuen Lehrstuhl für „Poetik des Übersetzens“ deshalb als ein gutes und schönes Zeichen dafür, dass sich diese Erkenntnis auch in der Öffentlichkeit zunehmend durchsetze. Beim Übersetzen, der Vermittlung über sprachliche Grenzen hinweg, gehe es tatsächlich um etwas. Manchmal um alles, was Literatur ausmacht.

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