SHE SHE POP ZEIGEN„Familienalbum“ : Sippenprojektion

Sandra Luzina

Ach ja, die liebe Familie! Den einen gilt sie als Hort der Geborgenheit, als letzte Bastion gegen die neoliberale Einsamkeit. Andere erblicken in ihr nur die Brutstätte lebenslanger Neurosen. Die Familie ist das Lieblingsthema von Therapeuten und Dramatikern. Und nun wollten sich auch die progressiv gewitzten Frauen des Performance-Kollektivs She She Pop (dem übrigens auch ein Mann angehört) nicht länger vor dem Sujet drücken.

In ihrem neuen Projekt wühlen sie sich durch kollektive Bildarchive – und rufen zugleich frühkindliche Schrecken wach. Wer erinnert sich nicht mit Grausen an die Rituale rund ums Familienfoto? Gegen das gemeine Gruppenbild als Werbemedium für das Projekt Familie wollen She She Pop sich nun ästhetisch zur Wehr setzen. Also stellen sie in „Familienalbum“ die Sippenbilder nicht nur nach, sondern auch her. In ihrer Aufführung zeigen sie die Familie im wortwörtlichen Sinn als Projektionsfläche – und lassen die Bildern gegeneinander sprechen. So werden sich die Performerinnen in das Videobeamer-Bild einer fremden Mischpoke stellen und etwa, wie Berit Stumpf sagt, „halbnackt in die Rolle eines Krawatten-Vaters eintauchen und dann interagieren mit den anderen Figuren auf dem Foto“. Um somit eine Bildergeschichte zu erzählen: von Glück und Unglück, familiären Regeln und Hierarchien.

Eingelullt werden die Zuschauer dabei von den süßen Klängen einer fast vergessenen Hausmusik. „Familienalbum“ ist eine Mischung aus Familienfeier und performativer Foto-Session. Und ein hoffnungsfroher Abgesang auf alle familiären Zwangsgemeinschaften. Sandra Luzina

HAU 2, Sa 8.3., (Premiere), So/Mo 9./10.3. sowie Do 13.3. bis Sa 15.3., 20 Uhr, 11 €, erm. 7 €

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