Zeitung Heute : Shenmue: Konkurrenz für die PS2

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Der Spieleentwickler Yu Suzuki ist für Spielefans absoluter Kult. Neben Rennklassikern in den 80er Jahren beeinflusste seine Einführung von Polygonen statt Bitmap-Grafiken für 3D-Umsetzungen die Spieleentwicklungen der 90er Jahre. Dafür bekam er bereits zahlreiche Auszeichnungen. Was lag da näher, als den in Diensten des Spielproduzenten Sega stehenden Suzuki zu beauftragen, er solle ein Spiel programmieren, um die Grafikfähigkeiten von Segas Dreamcast-Konsole zu demonstrieren?

1996 begann Suzuki mit einem fast 100-köpfigen Team an der Entwicklung von "Shenmue", das in keine Schublade passen und ein eigenes Genre definieren sollte. Auf der letztjährigen IFA in Berlin bekam das deutsche Fachpublikum die ersten Filmsequenzen zu Gesicht, nun ist Shenmue exklusiv für Sega in den Läden. Herausgekommen ist nach vier Jahren ein Videospiel der Superlative, das rund 200 Millionen Mark Produktionskosten verschlang: "Shenmue kostete mehr als das Vierfache einer normalen Produktion und damit soviel wie nie zuvor ein Videospiel", sagt Sega-Sprecher Markus Malti.

Schon für die Vorgängerkonsole "Saturn" gab es mit der Umsetzung des PC-Erfolgs "Riven" ein grafisch interessantes Rollenspiel mit mehreren CDs, doch brachte das vergleichsweise lahme CD-Laufwerk der Saturn nur bedingt Spaß. Die Dreamcast-Technik bietet Shenmue eine optimale Plattform für die insgesamt vier GD-ROMs, der Spielverlauf ist stets flüssig und die Detaildichte in den Videosequenzen enorm. Die Spieltiefe ist beindruckend, die Bedienung des Controllers zuerst gewöhnungsbedürftig, aber ausgeklügelt und erlaubt dem Spieler, sich überall frei und ungewohnt exakt zu bewegen sowie die Kamerapositionen anzupassen.

Die Story ist nur auf den ersten Blick einfach gestrickt. Ryo, ein japanischer Teenager und Kampfsportfreund, muss mit ansehen, wie sein Vater von chinesischen Mafiosi wegen eines ominösen magischen Spiegels getötet wird. Der Spieler schlüpft in Ryos Rolle und soll Oberfiesling Lan Di zur Strecke zu bringen. Ryo wird es nach China führen, wo er den Detektiven spielt und Gabelstapler fährt. Ein "Time-Control-System" lässt wie im echten Leben die Zeit verstreichen, natürlich etwas schneller als in Echtzeit. Tages- und Nachtzeiten sind wichtig, denn manche Personen oder Lokalitäten sind nur zu bestimmten Uhrzeiten erreichbar. Zudem sorgt ein Zufallsgenerator für ständig wechselnde Wetterbedingungen.

Shenmue ist ein Adventure, ein rätselhaftes Rollen- und Kampfspiel in einem. Die selbst bestimmbaren Handlungsabläufe haben Suchtpotenzial, die Grafik setzt neue Standards. Neben der etwas dunklen Story ist übrigens auch Platz für Herzschmerz und Gefühle. Wer ein aufwendiges Videospiel sucht, das auch nach Wochen noch Faszination bieten soll, liegt bei Shenmue goldrichtig. Einziger Wermutstropfen: Das Spiel ist komplett in Englisch, dafür ist eine Fortsetzung bereits in Planung.

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