Zeitung Heute : Shimon Stein im Gespräch: Ein festes Haus, das immer wieder renoviert werden muss

Eine neue Botschaft[der ab] ein neuer Botschafter[der ab]

Shimon Stein, seit Anfang des Jahres israelischer Botschafter in der Bundesrepublik, ist 1948 in Israel geboren. Nach seiner ersten Auslandsstation als politischer Botschaftsrat in Bonn 1980 bis 1985 war er im Außenministerium in Jerusalem tätig. Danach bekleidete er von 1988 an für fünf Jahre den wichtigen Posten des Gesandten in Washington. Er setzte seine Laufbahn in der Zentrale fort, war unter anderem am Nahost-Friedensprozess beteiligt und wurde 1998 stellvertretender Staatssekretär und Abteilungsleiter für die mittel-und osteuropäischen Länder sowie die GUS-Staaten. Sein Eltern, Überlebende des Holocaust, stammten aus Ostmitteleuropa, der Vater aus Prag, die Mutter aus Czernowitz. Stein hat als junger Mann die Nahostkriege von 1967 und 1973 mitgemacht. Seine Familie ist zunächst in Israel geblieben, vor allem wegen der Ausbildung der Kinder, eines Sohnes und einer Tochter.

Eine neue Botschaft, ein neuer Botschafter, der aber, Herr Botschafter Stein, schon einmal in der israelischen Botschaft in der Bundesrepublik tätig war, in den achtziger Jahren. Wie wirkt auf Sie der Unterschied zwischen dem neuen, hellen Gebäude hier in Berlin, das sie jetzt eröffnen, und der alten Botschaft in Bonn, die sich hinter ihren hohen Mauern fast verbarg?

Ich kann mich gut an die Botschaft erinnern, in der ich damals als junger Diplomat meinen ersten Auslandsposten bekleidete. Das Haus, das in Bad Godesberg lag, sah wie eine Festung aus, und das sagten die Touristen auch, wenn sie vorbeifuhren. Umgeben von einer Mauer mit Stacheldraht, ist sie sicher nichts, was man vermisst. Da hat unsere neue Botschaft einen ganz anderen, offeneren Charakter.

An ihr beeindruckt vor allem die große Geste, mit der sie sich dem Besucher zuwendet, obwohl sie, natürlich, auch mit einer Mauer geschützt ist.

Das ist genau der Eindruck, den ich auch habe. Die Botschaft wirkt durchsichtig. Es gibt Fenster, viel Glas und damit viel Transparenz.

Will Israel mit diesem Gebäude zeigen, dass es sich künftig verstärkt nach außen, also an die Deutschen wenden will?

Es war natürlich auch in Bonn immer unser Bemühen, ein offenes Haus zu sein. Auch wenn das Gebäude diesen Eindruck nicht gerade vermittelte. Die Grundeinstellung unserer Arbeit und ihre Inhalte haben sich nicht verändert. Aber wir hoffen, dass das neue Gebäude diese Bereitschaft, auf die Menschen in Deutschland zuzugehen, unterstreicht.

Immerhin ist die israelische Botschaft unter den neuen Gebäuden, die viele Staaten für ihre Botschaften in Berlin im Zuge des Hauptstadt-Umzugs errichtet haben, eine der spektakulärsten ...

Ein Gebäude kann etwas ausstrahlen, es kann auch ein Signal setzen. Erfreulicherweise hatten wir in Berlin die Möglichkeit, so zu bauen, wie wir das eigentlich wollten und damit ein Signal für den Stil zu setzen, den wir mit unserer Arbeit pflegen wollen.

Nun hat sich in den 36 Jahren, in denen es diplomatische Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik gibt, ja auch der Charakter dieser Beziehungen geändert. Beide Seiten gingen damals mit großen Vorbehalten ans Werk.

Wir können wirklich mit großer Zufriedenheit und Genugtuung zurückblicken. Das hat nicht zuletzt mit den Botschafter-Persönlichkeiten zu tun, die uns in Deutschland vertreten haben. Ich will nur Asher Ben Nathan nennen, den ersten Botschafter, und Yohanan Meroz, unter dem ich zuerst gearbeitet habe. Der war eine Persönlichkeit für sich, der in einer hochbegabten Art und Weise den Dialog mit der deutschen Elite geführt hat. Er war ja in Berlin geboren, stammte aus einer jüdisch-deutschen Familie und schon sein makelloses Deutsch bezeugte noch die Kultur, die diese Familien ausgezeichnet hat. Dann der ganz andere Ben Ari - "mein" zweiter Botschafter -, ein gebürtiger Wiener, der mit seiner verbindlichen Freundlichkeit für uns sehr viele Freunde gewonnen hat. Ich bin froh, dass ich, der erste israelische Botschafter in Berlin, in einer Reihe mit diesen hervorragenden Männer stehe.

Andere Länder könnten von sich sagen, dass sie mit ihren Botschaften nach Berlin zurückkehren. Israel hat zum ersten Mal eine Botschaft in Berlin und kommt damit zugleich auf einen historisch belasteten Boden. Die Konfrontation mit der Geschichte, die Berlin für die Deutschen bedeutet, berührt Israel in einer ganz besonderen Weise ...

Da liegt für uns Israelis ein einschneidender Unterschied zwischen Bonn und Berlin. Die Wannsee-Villa, der Ort, an dem die so genannte Endlösung beschlossen wurde, ist ein historischer Ort für uns, aber auch viele andere Gebäude - Berlin war nun einmal die Hauptstadt des NS-Regimes.

In welcher Weise ist dieses Bild von Berlin für einen Israeli Ihres Jahrgangs gegenwärtig - 1948 geboren, in Israel, als Kind von Überlebenden des Holocaust.

Für mich ist der Holocaust, die NS-Zeit, ein Teil meiner Biografie, wie sie überhaupt ein Teil der israelischen Identität ist - man kann das Land nicht verstehen, wenn man das nicht weiß. Obwohl meine Eltern mit uns darüber nicht sprachen. Das war ein Tabuthema. Das wurde verdrängt. Das ist auch heute noch so. Die eigentlich Zäsur für uns war der Eichmann-Prozess. Jeder in Israel weiß, dass er am 17. April 1961 begonnen hat. Erst von da an waren die Israelis mit dieser Geschichte der Juden unmittelbar konfrontiert. Ich war damals dreizehn Jahre alt und kann mich gut erinnern an die über 100 Zeugen, die dort ihre Lebenserfahrungen schilderten. Das hat uns Israelis geprägt. Seitdem haben wir Israelis ein anderes Verhältnis zur jüdischen Geschichte. Spätestens seitdem prägt der Holocaust unsere Identität.

Berlin also als Stadt, von der der Holocaust ausging, und auch als die Stadt, in der Eichmann arbeitete?

Ja, aber Berlin hat für uns auch eine sehr große Bedeutung in Bezug auf das jüdische Leben vor dem Zweiten Weltkrieg. Es ist ein Ort der Geschichte vieler Juden, die zum Teil hier geboren wurden oder aus dem Osten hierher kamen. Viele Namen von Juden, die während der Weimarer Zeit oder früher hier lebten, lassen erkennen, was für ein wichtiger Teil der Berliner Gesellschaft sie waren, in der Wirtschaft, der Politik und vor allem der Kultur. Auch die zionistische Bewegung, die später zur Gründung des Staates Israel führte, hat hier eine ihrer Wurzeln - ihr Büro befand sich bis 1915 in Berlin. Sehr viele Juden, die nach Palästina kamen, waren in Berlin zu Hause.

Hatten Sie selbst und ihre Generation, die in Israel geboren und aufgewachsen ist, Berührung mit dieser Emigrantengeneration?

Ich habe die großen Gestalten wie Gershom Scholem und Martin Buber nicht mehr persönlich kennengelernt, aber zum Beispiel der Lehrer meines Doktorvaters an der hebräischen Universität stammte aus Deutschland. Ich habe also einen gewissen Eindruck von diesen Emigranten bekommen. Diese Generation hat enorm viel geleistet im Bereich der Kultur, der Wissenschaft, auch in der Politik.

Sie sind jetzt, nach 16 Jahren, wieder in die Bundesrepublik gekommen. Wie hat sich Deutschland verändert?

Ich war ja bei meiner ersten Tätigkeit vor allem mit der deutschen Innenpolitik beschäftigt. Die kam damals ziemlich in Bewegung. Ich habe die berühmte Wende von Schmidt zu Kohl miterlebt, das Auftreten der Grünen als neues gesellschaftliches und politisches Phänomen. Doch die Veränderungen seither, vor allem das Ende des Kalten Krieges, machen schon einen gewaltigen Unterschied. Daraus ergeben sich viele neue Fragen und Aufgaben - das Verhältnis Deutschlands zu seinen Nachbarn, die EU-Ost-Erweiterung, auch, nach dem Umzug der Politik von Bonn nach Berlin, der Versuch, die Hauptstadt zu gestalten. Alles das erscheint mir als Beobachter sehr wichtig und interessant.

Zu der Zeit, in der Sie in Bonn waren, gab es in der Bundesrepublik antiisraelische Stimmungen, nicht zuletzt bei Teilen der Linken. Registrieren sie ähnliches auch heute?

Auch heute gibt es Leute mit antiisraelischer Gesinnung. Das sind zum einen solche, die eine klare antiisraelische Haltung haben, andere sind dem Staate Israel gegenüber kritisch. Und es gibt auch Leute, die aus Unkenntnis des Landes und der Bedingungen, unter denen wir in Israel leben, ihre Kritik üben.

Worauf hat ein israelischer Botschafter in der Bundesrepublik heute sein Augenmerk zu richten?

Wir haben hier in 36 Jahren ein Haus gebaut: die deutsch-israelische Beziehungen, mit festen Fundamenten. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass man auch immer wieder renovieren muss, um ein Haus zu erhalten. Das betrifft alle Bereiche - die politischen Beziehungen wie die zwischen den Menschen. Wir haben einen hervorragenden Jugendaustausch, Städtepartnerschaften, Gesellschaftsaustausch. Daran müssen wir weiter arbeiten.

Haben Sie den Eindruck, dass gerade auf dieser Ebene, sozusagen der Laien-Diplomatie, der Schwung verloren gegangen ist? Gerade die vielfältige Zusammenarbeit unterhalb der Politik, alle diese Freundschaften und Partnerschaften, haben ja in den israelisch-deutschen Beziehungen immer eine große Rolle gespielt.

Die Gefahr besteht immer. Im Laufe der Zeit gibt es Ermüdungserscheinungen und Verschleiß, und gelegentlich auch ein gewisses nachlassendes Interesse. Dem entgegenzuwirken, sehe ich als meine Aufgabe an.

Inzwischen hat eine Generationswechsel bei den Trägern des deutsch-israelischen Verhältnisses begonnen. Sehen sie in Deutschland und Israel die Menschen, die diese Tradition fortführen können? Sie selbst, als Sabre, stehen ja sozusagen zwischen denen, die von der Vergangenheit noch unmittelbar geprägt sind, und denen, für die sie nur noch Geschichte ist.

In der Tat bahnt sich ein Generationswechsel in beiden Staaten an. Selbstverständlich gibt es in Israel und in Deutschland zahlreiche Leute, die ein großes Interesse an der Fortsetzung und Vertiefung der guten Beziehungen haben. Was meine Kollegen und mich angeht, so zählen wir zu der Generation, die sie eben erwähnten - wir sind von denen geformt, die diese Vergangenheit noch in sich trugen, und sind deshalb überzeugt, dass das Erbe der Generationen, die die Beziehungen aufbauten, fortgesetzt und vertieft werden muss.

Neu für Sie sind die neuen Länder. Sie sind vermutlich für Israel ein besonderes Problem, denn die DDR hat sie wegen ihrer Gegnerschaft zum jüdischen Staat gegenüber Israel abgeschirmt.

Kein Problem, eine Herausforderung! Die DDR war einer der Staaten, der keine diplomatischen Beziehungen aufgenommen und auch die Israelgegner immer unterstützt hat. Viele Menschen sind deshalb mit Vorurteilen gegenüber Israel aufgewachsen. Es ist für uns eine wichtige Aufgabe, ein anderes Bild von Israel zu vermitteln, junge Leute nach Israel zu bringen, damit sie ins Gespräch mit jungen Israelis kommen, und darüber hinaus auch wirtschaftlich mit den neuen Ländern zusammenzuarbeiten. Wir ergänzen uns da gut mit der Bundeszentrale für Politische Bildung und anderen Institutionen. Gemeinsam werden wir die Lücke, die da in den deutsch-israelischen Beziehungen entstanden ist, hoffentlich überbrücken.

Das Haus, von dem Sie sprachen, hat - um im Bilde zu bleiben - auch einen Wirtschaftsteil. Es ist nicht der unwichtigste.

Im Jahre 2000 ist Deutschland der größte europäische Handelspartner Israels gewesen. Andererseits haben wir zurzeit ein Defizit im Handel mit Deutschland. Aber ich denke, wir haben etwas zu bieten. Israel hat sich in den letzten Jahren in den Bereichen Hightech, Telekommunikation, Telemedizin und Internet sehr entwickelt und zählt mit zu den fortgeschrittensten Ländern der Welt nach Amerika. Im Start-Up-Bereich stehen wir an zweiter Stelle. Zur Cebit-Messe in Hannover sind mehr als 100 israelische Firmen gekommen. Das Potenzial ist groß, und ich verstehe meine Aufgabe als Botschafter auch als jemand, der an die Türen deutscher Firmen klopft, um herauszufinden, ob es hier Raum für deutsch-israelische Unternehmen gibt. Dieser Bereich ist - genauso wie die Forschung - für die Zukunft der deutsch-israelischen Beziehungen ganz wichtig.

Und Kultur und Bildung, alte Stützen im deutsch-israelischen Verhältnis?

Richtig, Kultur und Bildung gehören zum Fundament der deutsch-israelischen Beziehungen. Zahlreiche israelische Künstler, Schriftsteller und Musiker sind in Deutschland unterwegs. Andererseits gibt es ein großes Interesse des deutschen Publikums. Da ist Israel ganz selbstverständlich präsent in Deutschland - David Grossman steht auf den deutschen Bestsellerlisten, der Konzertmeister der Berliner Philharmoniker ist ein junger Israeli, und Daniel Barenboim ist auch ein Israeli. Es liegt uns am Herzen, ein Bild Israels jenseits der Auseinandersetzungen im Nahen Osten zu vermitteln - das Bild eines schönen Landes und einer lebendigen Gesellschaft, die trotz ihrer existenziellen Bedrohung in über 50 Jahren vieles hervorgebracht hat, was für die Welt von Interesse ist.

Ein israelischer Botschafter in Deutschland hat auch damit zu tun, dass es wieder ein neues jüdisches Leben in Deutschland gibt. Und es gibt einen starken Zustrom zu diesen Gemeinden aus der früheren Sowjetunion.

Seit Gründung des Staates Israel ist es für Israel als einem zionistischen Land eines der Hauptziele, alle Juden nach Israel zu holen. Ich stelle nach 53 Jahren fest, dass sich an diesem Ziel bei uns nichts geändert hat. Im letzten Jahr sind etwa 60 000 Juden nach Israel eingewandert. Das lässt uns hoffen. In den 90er Jahren kamen etwa eine Million aus der Sowjetunion nach Israel. Aber wir verstehen, dass es auch Juden gibt, die anderswo leben wollen, auch in Deutschland. Die Verbundenheit zwischen Israel und Diaspora besteht. Wir sind ein Volk, wir sind aufeinander angewiesen. Es liegt mir sehr daran, dass die Juden, die sich entschlossen haben, hier in Deutschland zu leben, sich hier wohl fühlen und von Antisemitismus so weit wie möglich verschont bleiben.

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