Zeitung Heute : Shoppen in der Fabrik

Hier werden keine Lokomotiven mehr gebaut. Aber die Geschäfte in den Hallen am Borsigturm laufen gut

Rainer W. During

Wo einst Lokomotiven gebaut wurden, strömen seit 1999 jährlich rund sieben Millionen Besucher durch das Borsig-Center. Entstanden ist eine Mischung aus historischer Bausubstanz und moderner Glasarchitektur – ausgezeichnet mit dem Immobilien-Award 2000.

Mit knapp 20 Gaststätten, einer Bowlingbahn, dem Cinestar-Filmpalast und der Diskothek haben sich die Borsig-Hallen zu einem Anziehungspunkt rund um die Uhr entwickelt. Während der üblichen Geschäftszeiten laden rund 120 Shops, Gaststätten und Dienstleister zum Bummel auf den drei Etagen ein. Bis nach Oranienburg erstreckt sich das Einzugsgebiet. Für motorisierte Besucher stehen im Parkhaus 1600 Stellplätze bereit.

Center-Manager Dieter Simon sieht die Hallen als Bestandteil der Tegeler Infrastruktur. Mit dem nahen Tegel-Center und den Einzelhändlern rund um die Berliner Straße gibt es ständig Kontakt. „Wir wünschen uns auch, dass Karstadt erhalten bleibt“, sagt der Manager, „wichtig ist, dass der Stadtteil nicht nur in einem Teilbereich funktioniert“.

Die Hallen gehören zum Gesamtkomplex „Am Borsigturm“, dessen Wahrzeichen das 1924 fertig gestellte Verwaltungsgebäude ist, das erste Hochhaus Berlins, 54 Meter hoch, entworfen von dem Architekten Eugen G. Schmohl. Bis zur Produktionseinstellung im Jahr 1930 wurden an diesem Standort 14 000 Lokomotiven gefertigt. In der Nazizeit wurde das Werk in einen Rüstungsbetrieb umgewandelt und während des Zweiten Weltkrieges durch Luftangriffe zu 80 Prozent zerstört. In den 50er Jahren wurde die Produktion von Dampfkesseln und Kälteanlagen aufgenommen. Die Borsig AG wurde an die Thyssen-Gruppe verkauft und 1970 von der Deutschen Babcock übernommen.

In den 80er Jahren errichtete die Herlitz AG auf einer Teilfläche ihre Unternehmenszentrale und übernahm nach der Produktionseinstellung 1992 auch das Restgelände zur Entwicklung eines Gewerbeparks. Den städtebaulichen Wettbewerb gewann zwei Jahre später das Büro des Stararchitekten Claude Vasconi.

Das heute von der RSE-Gruppe verwaltete Areal umfasst neben dem Shopping-Center unter anderem das Phönix-Gründerzentrum, ein Gesundheitszentrum, einen Büropark sowie ein Hotel. Mehr als 200 Firmen haben sich inzwischen hier angesiedelt, darunter namhafte Unternehmen wie Motorola, McPaper, Deutsche Bank und Deutsche Post.

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