SHORT STORY Clemens Meyer liest aus „Die Nacht, die Lichter“ : Die Bronx in Leipzig

Gerrit Bartels

Clemens Meyer hat viele Vorzüge. Zu denen gehört, dass er in Interviews kein Blatt vor den Mund nimmt. Literarische Preise zum Beispiel gewinnt er vor allem um der Preisgelder willen gern. Das tun viele junge Schriftsteller, nur sagen sie es nicht so unverblümt wie Meyer. Verdruckstheiten und vorsichtig abwägende Ränkespiele, wie im Literaturbetrieb üblich, sind seine Sache nicht. Das gereicht ihm in diesem Metier nicht immer zum Vorteil, wie seine trotz brillantester Erzählung erfolglose Teilnahme 2006 in Klagenfurt beim Bachmann-Lesen bewies, macht ihn aber ungemein sympathisch.

Ein anderer Vorzug ist selbstverständlich, dass Clemens Meyer Geschichten schreiben kann wie kaum ein zweiter. Diese wiederum sind in einem Milieu angesiedelt, das nicht gerade zu den bevorzugt betrachteten in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gehört: Die fiese, kaputte Bronx aus dem New York der achtziger Jahre liegt bei Meyer im Leipzig der neunziger und nuller Jahre. In seinem Romandebüt „Als wir träumten“ erzählt er Geschichten von Hooligans, Knastbrüdern, Autoknackern und Drogensüchtigen, und auch in seiner neuen Erzählsammlung „Die Nacht, die Lichter“ ist er diesem Milieu treu geblieben. Allerdings sind seine Figuren jetzt ältere, gebrochene Menschen, meist Hartz-IV-Empfänger oder Boxer. „Die Nacht, die Lichter“ ist fast noch besser als „Als wir träumten“ – Meyer bewegt sich hier in seinem bevorzugten Metier, der Short Story, und erzählt nüchtern, gekonnt und atmosphärisch faszinierend wie ein Hemingway in den „Nick Adams Stories“ oder ein Richard Ford in „Rock Springs“. Gerrit Bartels

Georg-Büchner-Buchladen, Mi 27.2., 20 Uhr,

8 €, erm. 5 €

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