Zeitung Heute : Sich auf Neues freuen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Sonntagsessen, Sonntagskleidung, Sonntagsruhe – lauter verlorene Kulturgüter, denen wir nicht unnötig nachtrauern wollen. Denn für alles, was verschwindet, weil es sich vielleicht verbraucht hat, kommt etwas Neues, auf das man sich freuen kann. Wir leben heute sehr viel komfortabler und geschützter als unsere Vorfahren vor 1000 oder 2000 Jahren. Das ist doch Beweis genug, dass nicht alles immer schlechter, sondern eher besser wird. Es ist übrigens, entgegen vielen dämlichen Sprüchen, die zum Teil schon bei den alten Griechen kursierten, auch ein Beweis dafür, dass die Jugend immer ein Stück besser ist als die vorangegangene Generation. Nur langweilige Faultiere lehnen Neues erst einmal ab, weil sie keine Lust haben, Gewohnheiten zu ändern. Wer sich an neuen Dingen bewusst freuen kann, erfährt mehr und verschafft sich in seinem begrenzten Leben viel mehr Anteil an der Zukunft.

Das Sonntagsessen war lange vor allem eine Familienangelegenheit. Eltern, Kindern, Großeltern sammelten sich um einen großen Tisch und aßen Braten. Inzwischen sieht das großstädtische Sonntagsessen meist ganz anders aus. Freundeskreise kommen zum Brunch zusammen, statt Braten gibt’s Pasta und Salat, was viel gesünder ist. Vielleicht ist es für manche Menschen auch gesünder, mit Freunden zusammen zu sein statt mit Familienmitgliedern, weil man sich um Freunde mehr bemühen, Freundschaften pflegen muss und weil sich alles, was nicht selbstverständlich ist, gleich viel kostbarer anfühlt. Wo Konventionen wegfallen, ist man viel eher in der Lage, einen anderen Menschen wirklich wahrzunehmen und – vielleicht – zu begreifen.

Noch leben Generationen, die über das Aus der Sonntagskleidung nur jubeln können, weil sie schreckliche Erinnerungen an steife kleine Anzüge und Kleidchen haben, die nur lästigen Äußerlichkeiten und völlig überflüssigen gesellschaftlichen Normen geschuldet waren. Wer das einmal erlebt hat, liebt es wahrscheinlich umso mehr, sich für selbst bestimmte Anlässe extrafein oder extralässig anzuziehen. Es macht einfach mehr Spaß, wenn Fantasie gefordert ist statt des sturen Einhaltens von Normen.

Und auch die Sonntagsruhe ist nicht verloren gegangen, nur weil immer mehr Menschen arbeiten müssen am siebten Tag. In der Regel gibt’s einen Ausgleich in der Woche, wenn der Weg um den Lieblingssee herum schön leer ist. Von montags bis freitags kann man die eigene Ruhe unter Umständen erst richtig genießen. Die kreativen Auszeiten, die auch Urlaub genannt werden, kannten die Vorfahren ebenfalls nicht so wie wir.

Sonntage könnten also auch Wandeltage heißen. Die Unterbrechung des Alltagstrotts, die sie von jeher markieren, soll doch vor allem dem Bewusstsein dienen, dass man etwas oder sich selbst verbessern kann, dass man nicht stehen bleiben muss. Junge Menschen sind eher in der Lage, sich auf Überraschungen zu freuen als alte. Niemand wird aber daran gehindert, eine junge Haltung zu kultivieren. Von der kommenden Woche an wollen wir an dieser Stelle über Fragen zu komplizierten Lebenssituationen diskutieren und darüber nachdenken, wie man Probleme in positive Erfahrungen umwandeln kann. Bitte! Freuen Sie sich drauf.

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