Zeitung Heute : Sich berühren lassen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Ein Künstler kann kein höheres Ziel erreichen: Bei einem, bei vielen Menschen anzukommen, wirklich anzukommen, sie so zu berühren, dass ein erinnerungswürdiges Erlebnis draus wird. Wer das schafft, wird mit Ruhm und Reichtum überschüttet, weil er es unabhängig zum Beispiel von seiner Stimme oder Fingerfertigkeit an der Gitarre versteht, sich in unsichtbaren Welten zu bewegen. Die Kunst, Menschen zu bewegen, hat etwas Magisches. Die Pfeile des Amor mögen Beispiel gestanden haben. Der Satz „I love it“ als Kommentar zu einem eindrucksvollen Popkonzert setzt sich auch hierzulande mehr und mehr durch.

Charismatische Politiker unterstreichen ihre Popularität gern, indem sie Menschen körperlich berühren. Man muss sich nur mal Szenen aus Wahlkämpfen anschauen, da wird das besonders exzessiv gehandhabt, geradeso, als wollten sich die Kandidaten ihrer Wähler auch physisch versichern. Als könnten sie den Glauben an deren Stimmen nur aufrechterhalten, wenn sie vorher ausgiebigst ihre Hände geschüttelt oder sie gar kräftig geherzt haben.

Künstler, die es verstehen, die Seelen ihrer Fans zum Klingen zu bringen, müssen sehr viel mehr können. Sie streifen durch Wahrnehmungswelten, die das Auge nicht erfassen kann. Deshalb sind die Ziele der Kunst umso vieles schwerer zu treffen als eine ausgestreckte Hand. Das geht nur mit Genie.

Sonntage bieten die klassische Gelegenheit, sich auf die Suche nach solchen Kunst-Erlebnissen zu begeben. Natürlich vermag nicht jedes Bild, das in einem Museum hängt, seinen Betrachter zu berühren. Und auch Musik kommt nicht immer an dem Punkt an, der dazu da ist, Glücksgefühle auszulösen. Aber manchmal eben doch. Je öfter sich jemand auf diese Piste begibt, desto leidenschaftlicher sammelt er wahrscheinlich jene raren Glücksmomente, deren Zahl in jedem einzelnen Leben begrenzt sein muss, weil ja auch die Kapazität, sie in ihrer ganzen Größe zu erleben, begrenzt ist.

Seit Berlin häufiger Schauplatz internationaler Charity-Galas ist, wird man hier gelegentlich Zeuge eines Trends, der über den Sonntag hinausgeht. Immer wieder springen Künstler auch mit dem Mittel der Rede da ein, wo Politiker in ihrem Alltagsgrau nicht mehr weiterwissen. Sie setzen ihre Talente ein, um andere Menschen zu berühren. Sie wollen möglichst viele motivieren, sich für gute, übergeordnete Ziele einzusetzen, damit Menschen, die unverschuldet irgendwo auf der Welt in Not geraten sind, geholfen wird.

Natürlich können Künstler das besonders gut, weil sie bei der geschüttelten Hand, bei der vom Redenschreiber artig getexteten Rede nicht stehen bleiben müssen, sondern wissen, wie man ohne Umschweife dorthin gelangt, wo ein Mensch nicht sichtbar ist und gerade deshalb jene Kräfte verbirgt, mit denen sich die Welt wirklich bewegen lässt. Dass die Politik in vielen Ländern der Erde Probleme hat, gute Leute an sich zu ziehen, ist offensichtlich. Auf dem freien Markt wird besser verdient. Mit Ehrgeiz und Taktik allein bewegt man aber in der Regel ohnehin nichts Wesentliches.

Umso ermutigender, dass die Marktlücke der bewegenden Rede entdeckt ist von denen, die aus wirklich guten Gründen berühren.

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