Zeitung Heute : Sich ein Ohr leihen

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

An einer Litfaßsäule neben dem „Kino International“ hängt das Plakat – lächelnde Oma, flott frisiert, sympathisch. Sie verspricht „kompetente und schnelle Hilfe rund ums Alter“, für 12 Cent pro Minute gibt es „Info und Beratung für ältere Menschen und ihre Angehörigen“.

Wofür mag es die schnellen Hilfsratschläge geben? Vielleicht könnte mir mal jemand sagen, was der vom Verkehrs- und Straßenlärm genervte Mensch gegen diese sinnlose Huperei einzelner Idioten am Steuer, denen alles nicht schnell genug geht, unternehmen soll? Wie kann ich mein Leben in Sicherheit bringen, wenn da einer (oder eine) um die Ecke fegt, lässig mit links lenkt und mit der Rechten das Handy ans Ohr schiebt? Welchen guten Rat gibt mir die Senioren-Kompetenzzentrale, wenn ich frage, was gegen wild gewordene Radfahrer zu unternehmen sei, die unsereins auf Park-und Gehwegen erschrecken, wo sie nun wirklich nicht hingehören? Darf man da im entscheidenden Moment seinen Spazierstock seitlich ausfahren – gäbe es dann später vor Gericht mildernde Umstände wegen Notwehr wider rollendes Erschreckungspotential? Letztens soll es ja in einem Kino fast zu einer Schlägerei zwischen den Generationen gekommen sein, weil die Jugendfreunde, die sich in die Rentnervorstellung verirrt hatten, nicht von ihrem Popkorngeknutsche und Zellophantütenrascheln abzubringen waren. Im Gegenteil: Die Hinweise von Herrn Rentner, verdammt noch mal mit dem Krawall aufzuhören („Wir wollen den Film genießen!“) wurden mit „Verpiss dich, Alter!“ in den Wind bzw. ins dunkle Kino geschlagen – früher gab es noch Platzanweiserinnen, da war noch Zug in dem Laden.

Ich hätte noch mehr solcher Storys, die das Leben schreibt, aber dann nähern wir uns bedenklich der Kampfeslust des Weltverbesserers vom Film „Muxmäuschenstill“, und wie furchtbar der endet, wissen wir ja. Also, kein weiterer Rentnergefühlsstau, fragen wir doch ernsthaft, was uns die Leute mit der langen Telefonnummer zu sagen haben. Es geht um ganz praktische Dinge des Lebens, um soziale Probleme, Beratung und Betreuung. Man leiht uns ein Ohr, um zu helfen. Probieren!

Koordinierungsstelle rund ums Altern: Tel. (01805) 950059, Mo. bis Fr. 9 – 18 Uhr.

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