Zeitung Heute : Sich in der Praxis beweisen

Für manche Ausbildungsberufe braucht man Abitur. Aber auch ohne Hochschulreife gibt es viele Möglichkeiten Der Abschluss ist nicht alleine die Eintrittskarte.

Große Verantwortung. Noch brauchen Auszubildende in Pflegeberufen – hier eine Krankenschwester auf einer Dialysestation – in Deutschland kein Abitur. Nach Plänen der Europäischen Union soll das Abitur aber in allen Mitgliedsstaaten Pflicht werden. Die Begründung der EU-Kommission: Die Anforderungen an Schwestern und Pfleger werden immer komplexer. Foto: dpa
Große Verantwortung. Noch brauchen Auszubildende in Pflegeberufen – hier eine Krankenschwester auf einer Dialysestation – in...Foto: dpa

Der SPD-Politiker Martin Schulz ist ein Beispiel für eine Bilderbuchkarriere – ohne Abitur. Schulz schloss die Schule 1977 mit der mittleren Reife ab und machte anschließend eine Lehre als Buchhändler. Heute ist er der Präsident des Europaparlaments.

Man muss nicht unbedingt die gymnasiale Oberstufe abgeschlossen haben, um Karriere zu machen – vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels. Zudem sind die Bildungswege durchlässiger geworden, Berufspraxis kann angerechnet werden, Weiterbildung und lebenslanges Lernen gehören zum Arbeitsleben.

Ein Studium ist nicht das Nonplusultra für jeden, so sieht es Sabine de Günther, Bildungsexpertin bei der IHK Berlin. Eine betriebliche duale Ausbildung bietet im Vergleich zum Studium gleichwertige Entwicklungschancen für Jugendliche. „Hier sind sie gefordert und können nicht nur im Theoretischen, sondern vor allem im Praktischen wie auch im Persönlichen überzeugen“, sagt sie. Das liege manchen Schülern mehr als die Aufnahme nur rein theoretischen Wissens. „Manche entdecken ihre Talente eher in der Praxis als auf einer weiterführenden Schule oder an einer Universität.“

Die Chancen für Jugendliche stehen derzeit so gut wie nie: in der Ausbildungsplatzbörse der IHK Berlin werden aktuell 1544 freie Ausbildungsplätze angeboten (siehe Seite B2). „Jugendliche, die mobil sind, und auch links und rechts von ihrem Traumberuf suchen, zum Beispiel während eines Praktikums, haben derzeit die besten Chancen auf einen Ausbildungsplatz“, sagt Sabine de Günther. Der erreichte Schulabschluss sei nicht mehr allein die Eintrittskarte für eine Lehre. „Die Motivation, die persönlichen Fähigkeiten und soziale Kompetenzen sind mindestens genauso wichtig.“

Konstruktionsmechaniker oder Mechatroniker gehören zu den von Abiturienten bevorzugten Berufen. Ähnlich beliebt bei Gymnasiasten ist der Medienkaufmann oder der Biologielaborant. Schulabgänger von Haupt- und Realschulen bringen für diese theorielastigen Ausbildungen oft nicht die entsprechenden Grundkenntnisse für den Einstieg mit. Rein formal ist jedoch für keinen der Berufe ein bestimmter Schulabschluss vorgeschrieben.

Es gibt rund 350 anerkannte Ausbildungsberufe. Dabei finden auch Schulabgänger ohne Hochschulreife viele Berufe, in denen eher praktische Fähigkeiten gefordert sind – und zwar über die gesamte Bandbreite der gewerblich-technischen, der kaufmännischen Berufe sowie im Dienstleitungsbereich. Der Beruf des Elektronikers mit seinen verschiedenen Fachsparten gehört dazu. Genauso wie die zweijährigen Ausbildungsberufe zum Fahrradmonteur, zur Fachkraft Möbel-, Küchen- und Umzugsservice oder zum Verkäufer.

Azubimangel herrscht nicht nur in Berlin, sondern auch in Hamburg. Hier suchen die Unternehmen jährlich rund 10 000 Azubis. Auch 2011 sind wieder viele Plätze leer geblieben. Akuten Nachwuchsmangel hat die IT-Branche: Junge App- und Computerspiele-Entwickler werden händeringend gesucht. Davon profitiert zum Beispiel Frederic Hinck. Der 21-Jährige ist Junior Software-Entwickler bei der Firma newscope in Hamburg, die Applikationen für iPhone und iPad entwickelt. Am Gymnasium war der junge junge Hamburger gescheitert. „Ich wurde nicht zum Abitur zugelassen“, sagt er. Eine Jahr zu wiederholen kam für ihn aber nicht in Frage. „Ich wollte endlich das tun, was mich wirklich interessiert: programmieren.“ Im Internet fand er das Ausbildungsangebot von newscope zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung. Er bewarb sich per Mail und saß wenige Tage später in einem Bewerbungsgespräch seinem heutigen Chef gegenüber, dem Geschäftsführer Gerd Nicklisch. Der merkte: Hier ist jemand mit Leidenschaft bei einer Sache. Der erfahrende Unternehmer bot dem von der Schule frustrierten Programmiertalent ein vierwöchiges Praktikum an. Danach bekam Hinck einen Ausbildungsvertrag.

„Wir haben unseren neuen Azubi dann sofort ins kalte Wasser geschmissen. Er musste schon früh eigenverantwortlich arbeiten“, sagt der Chef. „Fördern heißt nämlich auch fordern.“

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