Zeitung Heute : Sich kultiviert benebeln

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars von Törne

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Meine vorletzte Wasserpfeife ist vielleicht 20 Jahre her. Damals war’s ein konspirativ organisierter Abend im Hause eines Schulfreundes, dessen Eltern im Urlaub waren. Also trafen wir uns heimlich in deren Wohnzimmer, um unsere ersten Hasch-Versuche mit der Wasserpfeife seines großen Bruders zu unternehmen. Da der Rausch jedoch nicht gerade spektakulär und die damaligen Haschpreise außerdem auf Dauer zu hoch fürs Taschengeld waren, folgten dem frühreifen Pfeifenabend keine weiteren mehr.

Bis zum vergangenen Wochenende. Da verschlug es uns ins „Abu Jack“, eine orientalisch angehauchte neue Kneipe am Helmholtzplatz. Im Hinterzimmer, das mit Sitzpolstern, Kissen und Kerzenhaltern aus buntem Glas ans Sultanszimmer im Topkapi-Palast erinnert, steht ein Dutzend großer Wasserpfeifen. „Schischa“ heißen sie hier, wie mir der junge Ägypter erklärt, der für die fachgerechte Befüllung und Befeuerung der kunstvoll verzierten Apparate zuständig ist. Als Geschmacksrichtungen stehen Apfel und Orange zur Auswahl. Eigentlich habe ich ja schon vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Aber die Neugier ist größer als die Vernunft, die verschnörkelten Glasgefäße sehen zu verlockend aus.

Wir nehmen Apfel, und fünf Minuten später steht die armlange Pfeife vor uns auf dem Tisch. Obendrauf dampfen glühende Kohlestücke, darunter schwelt ein Gemisch aus Tabak, Apfel und Honig. Hingefläzt auf den Polstern lassen wir die Pfeife blubbern. Was für ein entspanntes Ritual. Der Geschmack ist angenehm würzig und fruchtig, der Rauch dank des Wassers lungenfreundlich gekühlt. Zug um Zug lasse ich den Qualm durch meine Lunge ziehen und erwäge, ob ich nicht doch wieder mit dem Rauchen anfangen sollte. So eine Wasserpfeife würde sich auch zu Hause im Wohnzimmer als dekoratives Element gut machen. Bevor ich ernsthaft in die Gefahr eines Rückfalls gerate, bringt mich die Bedienung auf den Boden der Realität zurück: „Der Rauch fühlt sich wegen der Wasserkühlung gut an – ist aber genauso Krebs erregend wie Zigarette rauchen“, versichert sie im Vorbeigehen. Und lächelt dabei so breit, als hätte sie etwas Nettes gesagt. Spielverderberin. Schmecken tut’s trotzdem, und kultivierter als banale Zigaretten ist es allemal. Kein Wunder, dass Wasserpfeifen gerade in sind.

Irgendwann fläzen sich drei Jugendliche mit Baseballkappen zu uns in die Polsterecke, bestellen einmal Orange und lassen dann mit zeremonieller Ehrfurcht schweigend das Mundstück kreisen. Die fühlen sich wahrscheinlich ebenso cool wie wir damals vor 20 Jahren, obwohl sie nur Tabak und Fruchtstückchen rauchen. Vielleicht liegt’s am Aroma, vielleicht an der türkisch-arabisch-südamerikanischen Musikmischung, die neben den Blubbergeräuschen unsere Polsterecke erfüllt: Nach einer Stunde fühlen wir uns benebelt, auch wenn diesmal anders als bei meinem ersten Mal gar kein Tetrahydrocannabinol in unserer Pfeife schmort. Wir legen uns tiefer in die Kissen, lassen die Gedanken fliegen und fühlen uns ein bisschen wie damals mit 15.

Wasserpfeifen werden in immer mehr Berliner Kneipen angeboten. Im „Abu Jack“ (Schliemannstraße 15, Prenzlauer Berg) kostet eine Füllung fünf Euro.

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