Zeitung Heute : Sich setzen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Sofa, mit dem ich aufwuchs, war riesig und auf seinem samtartigen Bezug konnte man mit den Fingern Muster machen, wenn man auf ihm gegen oder mit dem Strich darüber fuhr. Das Sofa war so selbstverständlich da, wie früher alles einfach da war. Problematisch werden Sofas erst, wenn man sich selbst welche anschaffen will. Und das will ich.

Jedes Mal, wenn ich mich auf mein Sofa setzte, das in Wirklichkeit ein Futon ist, der auf einem Klappgestell von Ikea liegt, quietscht es, und jedes Mal, wenn es quietscht, denke ich an ein neues Sofa. So ein richtiges, aus dem sich kein Bett falten lässt. Ein richtiges, diesmal nichts von Ikea. Stattdessen fuhr ich zum Stilwerk an der Kantstraße, wo auf mehreren Etagen so viele Möbelläden sind, dass einem ganz schwindelig wird. Und alles ist so groß und geräumig, dass da Lampen hängen, die bei mir nicht durchs Treppenhaus passen. Da gibt es Ess-Service, deren Teller einen halben Meter Durchmesser haben, und mannshohe Dekokunstblumen. Und Sofas: schmal und ledern oder fett und plüschig, ergonomisch sinnvoll oder mit Polstern, aus denen man kaum wieder hoch kommt. Sah alles toll aus, wie es da so stand, aber die Vorstellung, diese prächtigen Arrangements auseinander zu rupfen, um Teile davon in eine 70-Quadratmeter-Wohnung zu quetschen, erschreckte mich. Der Blick auf die Preisschilder im Übrigen auch. Also fuhr ich zu „Who’s perfect“, das klingt sympathisch.

„Who’s perfect“ ist ein Laden in Moabit, wo es Designer-Möbel mit kleinen Macken zu reduzierten Preisen gibt und einen eigenen Parkplatz, zu dem man fünf Etagen hoch kreiseln muss, um dann zwei Etagen runter in den Verkaufsraum zu gehen. Eine riesige Fabriketage. Ein paar junge Pärchen schlenderten von einer Sitzgruppe zur nächsten und richteten wahrscheinlich ihr Penthouse ein. Der Renner waren Ecksofas. Die Frauen saßen Probe, ihre Männer drückten auf die Lehne oder traten gegen die Füße. Ich entdeckte ein tolles nugatfarbenes Ecksofa, dass mein gesamtes Wohnzimmer ausgefüllt hätte und auch als reduzierte Ware noch teurer als mein Gebrauchtwagen war. Ich überlegte, ob ich tauschen würde und war mir nicht sicher.

Dann fuhr ich zum Exil nach Kreuzberg. Noch so ein Möbelhaus, wo man am liebsten den ganzen Raum mitnehmen würde. Den mit dem schweren Ledersofa vor roher Ziegelwand. Ein flacher Holztisch mit Metallbeschlägen. Ein Kuhfell auf dem Boden. Ich setzte mich ins weiche Sofa und fühlte mich wie John Wayne nach einem harten Tag auf der Ranch.

Zuhause im Treppenhaus lag ein Ikea-Katalog. Lustlos nahm ich ihn mit in die Wohnung und fing an, ihn durchzublättern. Ikea verkauft jetzt Schränke, in denen Küchen versteckt sind, und andere Stapel-, Falt- und Zusammenklappware. Müssen die Platz sparen? Schrumpft Schweden?

Ich setzte mich auf mein Sofa. Es quietschte. Ich fragte mich, ob ich das nicht doch noch ein paar Jahre ertragen könnte.

Stilwerk, Kantstraße 17, Who‘s perfect, Wiebestraße 12, Infos unter www.whos-perfect.de , Exil, Yorckstraße 24 (Kreuzberg), Prospektausschnitte unter www.exil-wohnmagazin.de/exilnet/info.htm

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar