Zeitung Heute : Sich trauen

In Stölln wagte Lilienthal die ersten Flüge Heute fahren Paare zum Heiraten hin

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Zwei wichtige Ereignisse gab es, die in Stölln Aufruhr verursacht haben. Einmal, als ein offenkundig Verrückter aus Berlin kam, der mit Baumwolle bespannten Weidenruten den Berg hinuntersegelte. Und knapp 100 Jahre später, als der Chefpilot der ehemaligen DDR-Airline Interflug ein ausgewachsenes Passagierflugzeug hinter der Ortschaft auf der Wiese zum Landen brachte. Das Letztere wäre ohne jenen „Spinner aus Berlin“ wahrscheinlich nicht möglich gewesen. In Stölln wurde die Luftfahrt nämlich geboren. Der Flugpionier Otto Lilienthal hatte sich die Landschaft mit ihren Hügeln und der höchsten Erhebung des Havellandes, dem Gollenberg, ausgesucht, um seine Fluggeräte auszuprobieren. Am 9. August 1896 stürzte er jedoch aus 15 Metern Höhe ab und starb am nächsten Tag.

Schon am Ortseingang wird der Besucher zur neuzeitlichen Attraktion der Gemeinde geleitet, dem rot-weißen Interflug-Jet, der auf einem grünen Hügel steht, als ob er dort einst notlanden musste und danach nicht wieder abgeholt wurde. Seine Landung auf dem ältesten Flugplatz der Welt war allerdings geplant – zu Ehren des Fluggeräte- Bauers Lilienthal.

Die Stöllner sind stolz auf ihre Geschichte. In der idyllischen Ortschaft des Rhinower Ländchens mit ihren Fachwerkhäusern kann man praktisch nirgendwo hinsehen, ohne auf den Beginn der Luftfahrt aufmerksam gemacht zu werden. Die Top-Adresse im Ort heißt „Zum 1. Flieger“. In dem einstigen Wirtshaus, das heute zum Hotel umgebaut ist, hat Lilienthal in einem kleinen Kämmerlein genächtigt. Ein paar Schritte weiter putzt der Otto-Lilienthal-Verein die backsteinerne ehemalige Brennerei zu einem Lilienthal-Zentrum heraus. Die Durchfahrtsstraße der Kommune heißt natürlich Otto-Lilienthal-Straße. Und aus der saftigen Löwenzahn-Wiese in der Ortsmitte will der Bürgermeister einmal ein Lilien-Tal werden lassen. Und immer im August wird das Otto-Lilienthal-Fest gefeiert, mit Flugshow, Reitturnier und Feuerwerk.

Wer will, kann sogar im Luftfahrt-Ambiente heiraten. Im Heck der IL-62, die nach Lilienthals Frau „Lady Agnes“ heißt, hat die Gemeinde ein Standesamt untergebracht. Der Copilot der Maschine sei der Erste gewesen, der in den Stand der Ehe getreten ist, sagt Museums-Führerin Ute Behrendt. Jährlich lassen sich hier etwa 70 Paare trauen. Keine hundert Meter entfernt, schlängelt sich ein Pfad den heute bewaldeten Gollenberg hinauf. Dort findet man auch die Absturzstelle, wo ein Gedenkstein an den Unfall vor 110 Jahren erinnert.

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