Zeitung Heute : Sich überraschen lassen

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars Törne

Das Modell „Bürokontakte“ sieht von außen viel versprechend aus. Das Bild eines turtelnden Paares, dazu ein Text von Emile Zola über Liebschaften unter Kolleginnen und Kollegen. Das nehme ich. Und außerdem einmal das Modell „Geiz ist geil“. Da schimmern viel versprechend ein paar Goldtaler durch. Mehr ist von außen nicht zu erkennen. Das ist ja gerade das Besondere. Als ich die beiden kleinen Tüten bezahlt habe, stellt sich ein Gefühl ein, dass ich wahrscheinlich im Alter von fünf Jahren zum letzten Mal hatte – der Zauber der Wundertüte, dieser einzigartige Kitzel aus fernen Kindertagen, als ich regelmäßig meine letzten Taschengeldgroschen zusammenkratzte, um undurchsichtige Papiertüten zu erstehen, in denen sich ein Haufen nutzloser, aber aufregender Überraschungen verbarg.

Seit ein paar Jahren sind Wundertüten offenbar wieder im Kommen. Und man kann den Zauber jetzt auch als Erwachsener genießen. Eine besonders nette Volljährigen-Variante des Kindertraums bietet das Werkbundarchiv/Museum der Dinge an. An derzeit zwei Verkaufsstellen preisen die umtriebigen Vermittler der Alltagskunst ihre kleinen Wundertüten an, in denen jeweils eine Hand voll Objekte zu einem Thema versammelt ist. Am schönsten ist das Kauferlebnis im Museumsladen des Hauses der Kulturen der Welt im Tiergarten. Dort zieht man die Wundertüten aus einem alten Automaten, was den Überraschungseffekt noch erhöht. Wer es profaner mag, kann die Tüten auch im Souvenirladen des Abgeordnetenhauses kaufen.

(Achtung: Wer sich wirklich überraschen lassen will, muss den folgenden Absatz überspringen.)

Mal gucken, was der Automat uns beschert hat. Das Tütchen „Bürokontakte“ ist ideal für Romantiker. Es enthält, was man für eine amouröse Anbändelung am Arbeitsplatz braucht. Ein paar schicke Designer-Büroklammern könnte man als Anlass für den Erstkontakt nehmen. Auch das mit Herzchen bedruckte Taschentuch oder die Zuckerherzen wären gute Hilfsmittel, um sich der Kollegin zu nähern. Die sicherste Flirthilfe dürfte allerdings das Fingerfadenspiel sein (zu Zeiten meiner ersten Wundertüten „Abnehmen“ genannt). Was könnte hilfreicher bei der Anbahnung eines „Bürokontaktes“ sein, als gemeinsam mit der Kollegin (und mit Hilfe der in der Tüte enthaltenen Anleitung) Figuren wie die „Tauchende Ente“, die „Höhle des Kraken“ oder den „weglaufenden Hund“ zu flechten? Die Wundertüte „Geiz ist geil“ ist hingegen etwas enttäuschend. Schoko-Goldtaler, ein Rechenschieber, ein Fingerhut zum Geldzählen, ein paar Comic-Bilder von Dagobert Duck, der in seinen Talern badet. Da sind die „Bürokontakte“ doch Phantasie anregender.

Macht aber nichts. Das Spannendste an Wundertüten ist doch eh der Moment vor dem Öffnen, heute wie damals zu Kinderzeiten. Der Inhalt ist dann nur noch zweitrangig.

„Museum-Wundertüten“ kosten vier Euro. Es gibt zehn verschiedene Modelle. Jedes Exemplar ist ein nummeriertes Einzelstück. Informationen im Internet: www.museumderdinge.de. Im Haus der Kulturen (John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten), wo der Tüten-Automat steht, läuft übrigens noch bis 9. Mai eine Ausstellung moderner iranischer Kunst.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben