Zeitung Heute : Sich ver-raten

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Manchmal muss man sich seiner eigenen Mickerigkeit stellen, und die Gelegenheit dazu schien günstig, als das Café Sonnendeck in Kreuzberg zum „Quiz 36“ einlud, eine Art „Wer wird Millionär?“ im Kneipenformat. Besonders angesprochen wurden alle, die bei Quizshows im Fernsehen über Kandidaten meckern. So wie ich: Uah, weiß doch jeder, guck mal, hähä, Lehrer soll der sein, der heult gleich! Solche Schlaumeier sollten am eigenen Leib erfahren können, wie weich im Kopf man werden kann, wenn mit einer Million gewunken wird.

Zwar gab es beim „Quiz 36“ bloß 40 Euro (jeder Teilnehmer zahlt einen Euro Eintritt) und keine kreisenden Lichtkegel, sondern orangene Deckenbeleuchtung, aber dafür kam Moderatorin Eibe mit kölschem Dialekt an jeden Tisch, um die Spielregeln zu erklären. Pro Nase ein Zettel und ein Stift. Sie liest insgesamt 20 Fragen, die Antworten schreibt man in die vorgefertigten Linien, man darf mit den Nachbarn reden. Am Ende schrieb man alles noch mal ordentlich hin und gibt den Zettel ab. Die Kladde dient als Beweis. Alles kapiert? Ja ja, allmählich wurde mir ganz flau, dann kam die Eröffnungsfanfare und das Blut in Wallungen und mit zittriger Hand hörte ich die erste Frage: „Im August kam in Japan eine Kreuzung aus Zebra und Esel zur Welt. Wie hieß das Tier?“ Die Alternativen: Ebra, Zesel oder irgendetwas völlig Unwahrscheinliches, was niemand ernst nahm. Zesel. Ich war mir sicher und ganz erleichtert. Ich hörte, dass am Tisch Ebra in Erwägung zogen wurde. Pah. Weiter: Wie heißen die zwei Alten, die im Balkon der Muppets über die Show meckern? Waldorf und … äh, tja. Ich guckte ab. Wie heißen die Kinder aus der TV-Serie „Ich heirate eine Familie“? Nie gesehen. Eine Melodie wurde gespielt. Wer hat sie komponiert? Was ist ein Fünfgänger? Wofür ist das CSD-Gen bei Bienen zuständig? Mir schwirrte der Kopf. Was filmte die erste Videoüberwachungskamera in Cambridge? Noch ein Band wurde gespielt: In welcher Sprache singt die Band? An meinem Tisch saßen noch sechs andere Schlaumeier, und aus Angst vor der Blamage verrieten wir uns ganz viel. Tausche Mozart gegen das Bienen-Gen. Tausche Fünfgänger gegen Videokamera. Und dann fällte doch jeder seine eigenen Entscheidungen und dann waren 20 Fragen um, wir zählten unsere Punkte zusammen und wurden abgefragt, und ich war im Stechen um den Hauptgewinn.

Zu zweit mussten wir zu Eibe auf ein Treppchen steigen und die entscheidende Frage wissen. Ich war sehr aufgeregt. Würde meine Stimme versagen? Schließlich sollte ich ins Mikrofon sprechen. Außerdem fühlte ich mich dem Tisch verpflichtet. Ohne dessen Hilfe würde ich hier ja gar nicht stehen. Ich rechnete, ob 40 Euro für die Zeche reichen. Dann die Frage: Wie viele Delfinarten gibt es? Oje. He, raunte ich der Konkurrentin zu, sag’ du zuerst. Das hörte Eibe und nun musste ich zuerst sagen. Ich sagte acht und hätte mir am liebsten sofort die Zunge abgebissen. Acht, so ein Quatsch. Sie musste nur neun sagen, um näher dran zu sein. Und das tat sie auch. Es gibt nämlich 33 Delfinarten. Und ich werde nie mehr über Quizkandidaten lästern. Ariane Bemmer

„Quiz 36“ im Café Sonnendeck, Erkelenzdamm 47 in Kreuzberg, immer mittwochs ab 20 Uhr.

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