Zeitung Heute : Sich verrechnen

Sigrid Kneist

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Eigentlich sagt man uns Journalisten gerne nach, zur Mathematik ein gestörtes Verhältnis zu haben. Das Vorurteil fand ich für mich persönlich immer ganz schön gemein, weil ich der Meinung war, mit Zahlen eigentlich gut umgehen zu können, und auch keine Scheu vorm Rechnen hatte. Die Statistiken, über die ich schreibe, verstehe ich – meistens jedenfalls. Aber allmählich zweifle ich an mir und meinen mathematischen Fähigkeiten. Das liegt nicht etwa an den ständig komplizierter werdenden Arbeitsmarktdaten oder den statistischen Erhebungen zur Verteilung von Armut und Reichtum, mit denen ich mich beschäftigen muss. Mit meinem Beruf hat das alles nichts zu tun, sondern mit meiner Tätigkeit als Mutter.

Das Problem ist grundlegend. Elementar sozusagen. Es geht um die Basisfähigkeiten der Mathematik. Um es konkret zu sagen: die schriftliche Multiplikation. Charlotte geht in die vierte Klasse. Da gehört das Malnehmen eben zum Pflichtstoff. Bei ihren Hausaufgaben soll sie so schöne Dinge wie 836 mal 587 oder 436 mal 9724 rechnen. Sie kritzelt die Ziffern aufs Papier und kurze Zeit später stehen dort die Ergebnisse: 490 732 und 4 239 664. Auf den ersten Blick sehen sie plausibel aus. Aber sind sie auch im Detail richtig? So aus dem Stand lässt sich die Frage nun nicht beantworten. Da hilft nur nachrechnen. Also setze ich mich hin, kritzle ebenfalls die Zahlen aufs Papier und fange an zu rechnen. Spätestens bei der dritten Reihe komme ich durcheinander, weil ich die Ziffern nicht ordentlich untereinander geschrieben habe oder meine eigenen Zahlen nicht mehr richtig entziffern kann. Das ist etwas, was Journalisten wirklich nicht können. Schönschreiben! Dafür haben sie bei hektischen Notizen keine Zeit.

Ich starte den zweiten Versuch, fülle ordentlich die Kästchen, rechne und komme wieder auf ein anderes Ergebnis. Also ein drittes Mal. Endlich stimmen meine und Charlottes Zahlen überein. Manno, ist das aufwändig. Überhaupt, wie soll das weitergehen? Bald gibt’s auch die schriftliche Division. Bei großen Zahlen ist das ja noch komplizierter. Da werte ich doch lieber die neuesten Arbeitsmarktdaten aus. Die Hausaufgabenkontrolle übernimmt jetzt der Taschenrechner.

Taschenrechner gibt’s für ein paar Euro in Kaufhäusern und Schreibwarengeschäften.

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