Zeitung Heute : Sich von Heinzelmännchen umsorgen lassen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

In den vergangenen zwei Wochen sind mir immer wieder die ersten Zeilen des Gedichts von den Kölner Heinzelmännchen durch den Kopf gegangen: „Wie war zu Köln es doch vordem/mit Heinzelmännchen so bequem!“ Statt Köln setze ich nur Berlin ein, und schon werde ich melancholisch. Denn tatsächlich hatten wir in den letzten Monaten Heinzelmännchen, die „klappten und lärmten/und rupften und zupften/und hüpften und trabten/und putzten und schabten“. Allerdings war es bei uns nur eines namens Frau Kirchner, und das kam nicht in der Nacht wie bei den Kölnern, sondern jeden Morgen um halb neun.

Zum Glück, denn auf diese Weise konnten auch Jan und Josefine ihm begegnen. Schließlich waren die beiden der Grund für meine persönliche Heinzelmännchen-Zuteilung. Zwölf Wochen lang durfte ich nicht über zehn Kilo tragen; strenge Auflage vom Krankenhaus. Was habe ich mir vorher den Kopf zerbrochen, wer da kommen wird, um Jan und Josefine auf die Wickelkommode, ins Bettchen, auf den Hochstuhl, in den Kinderwagen zu heben. Eine Mamsell mit gestärkter Schürze und gefestigten Ansichten über Haushalt und Kindererziehung malte ich mir angstvoll aus. Was man sich eben so denkt beim Wort „Familienpflege“, die uns die Krankenkasse zur Verfügung stellte. Aber da kannten wir ja Frau Kirchner noch nicht. Sie trat durch die Türe, sagte zu Jan und Josefine nur „Hallo, ihr Mäusepiepse!“, und schon war es um uns alle geschehen.

Zwischendurch konnte ich mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen, wie es jemals ohne unser Heinzelmännchen sein würde. Aber das kenne ich schon, das ist typisch bei Zwillingen: In dem Moment, wo Hilfe da ist, weiß man nicht mehr, wie es vorher mit nur zwei Händen ging. Auch sehr gut, wie ich glücklicherweise jedes Mal anschließend wieder feststellen konnte. Aber die Zeit mit Frau Kirchner wird unvergessen bleiben, nicht nur wegen der vielen praktischen Tipps, die wir weiter befolgen: Petersilie feucht in einer Plastiktüte im Kühlschrank aufbewahren, die Bouletten mit Haferflocken auflockern und Handwäsche anschließend in einem Frotteetuch rollen. Jan, Josefine und Frau Kirchner posieren außerdem fortan in einem Informationsheft des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes als Beispiel für das Angebot Familienpflege.

So lange es die noch gibt, werden Pessimisten jetzt sagen. Und meine Heinzelmännchen-Zeit erscheint mir vor diesem Hintergrund noch ein wenig glücklicher. Denn die Familienpflege steht wie die Mutter-und-Kind-Kuren auf der Liste möglicher Streichungen im Rahmen der zweiten Gesundheitsreform. Im Notfall muss halt wieder die Nachbarschaftshilfe funktionieren, so die Alternative. Aber wer würde dann „kratzen und schaben/und rennen und traben/und schniegeln und bügeln/und klopfen und hacken/und kochen und backen“? Und von morgens bis abends all die Jans und Josefines stemmen?

Frau Kirchner ist zu uns über den „Weg der Mitte“ gekommen, einen gemeinnützigen Verein für ganzheitliche Gesundheit, Bildung und Soziales (Telefon 8141067), der mit rund dreißig Helfern zu einem der größten Berliner Anbieter für Familienpflege gehört.

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