Zeitung Heute : Sich zwei Mal verlieben

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Mit der Liebe ist es so ein Ding: Plötzlich ist sie da, man weiß nicht wirklich, warum. Ein Ohrläppchen, ein Lächeln, ein einziges Wort – es braucht nicht viel zum Verlieben. Monika Maron ist es in der Straßenbahn passiert, als die Linie 46 von der Invalidenstraße abbog, da hat sie sich in den schmutzigen Asphalt verguckt. Sie sah und liebte: ganz Berlin. „Ich sah auf die verdreckte Asphalthaut der Chausseestraße und dachte, dass ich sie umarmen wollte, mich mit ausgebreiteten Armen flach auf die Straße legen und die Straße, die Stadt umarmen wollte“, schreibt die Schriftstellerin in ihrem neuen Buch „Geburtsort Berlin“.

Ich habe mich am Landwehrkanal verliebt, als ich das Shell-Haus sah, zu einer Zeit, als es noch fast so grau und dreckig war wie die Chausseestraße in Marons frühen Jahren. Es war Liebe auf den ersten Blick. Das Haus von Emil Fahrenkamp, das wie eine Welle wirkt, weich und rund und dynamisch, das 70 Jahre alt ist und dabei so modern aussieht, ich könnte es immer wieder umarmen. Jedesmal, wenn ich erst an der Nationalgalerie vorbeikomme, dann am poppigen Wissenschaftszentrum und schließlich am Shell-Haus, das mit solch elegantem Schwung aus der Straße Richtung Wasser springt, bin ich wieder verliebt, in ganz Berlin.

Seit die alte Schönheit vor ein paar Jahren ein Lifting verpasst bekam, strahlt sie mir erst recht verführerisch entgegen. Seit Jahren schon wollte ich sie mir von innen begucken, jetzt endlich ging der Wunsch, im Rahmen einer Führung zur Kunst im Bau, in Erfüllung. Aber wie das manchmal so ist, wenn man einer Schönheit zu nahe kommt: Der Eindruck war etwas ernüchternd. Denn von innen sieht das ungewöhnliche Haus aus wie das, was es ist: einfach ein Bürogebäude.

Erst allmählich, auf den dritten, den vierten Blick kehrte die Liebe zurück. Den Künstlern sei Dank. Denn die GASAG, die hier inzwischen residiert, hat ein Konzept entwickelt, das so ungewöhnlich ist wie das Äußere des Hauses: Künstler der „Kunstfabrik am Flutgraben“ im fernen Treptow nämlich, von einer Jury auserwählt, schaffen eine eigene „Kunst im Bau“, die Bezug nimmt auf die GASAG, das Haus, die Mitarbeiter. So sind Bilder und Installationen entstanden, die mehr als Farbe in die engen, dunklen, langen Büroflure bringen.

Nicht, dass alle Mitarbeiter hemmungslos begeistert wären. Einige sind irritiert, andere ärgerlich. Die Auseinandersetzung mit der Kunst ist intensiver fast als im Museum. Denn die farbigen Plexiglasplatten von Sibylle Hotz, die Foto-Collagen von Ute Lindner, die bewegten Bilder von Patrick Huber, die Leuchtkästen von Finus und Hennig kann man nicht einfach links liegen lassen. Und während wir so kunstvoll durchs Haus geführt werden, kann ich auch der Innen-Architektur ein paar schöne Seiten abgewinnen. Das Treppenhaus, das Geländer, die Türgriffe und Leuchten – nicht der Raum, die Details sind betörend.

GASAG-Haus, Reichpietschufer 60, Führungen nach Anmeldung: Tel. 78 72 30 42. Von Donnerstag bis Sonntag von 14 bis 19 Uhr ist die 2yk Galerie in der Kunstfabrik, Am Flutgraben 3, geöffnet. Monika Maron, „Geburtsort Berlin“ (S. Fischer, 13,90 Euro).

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