Zeitung Heute : Sicher im Nirgendwo

Ruth Ciesinger

Saddam Hussein soll im Irak der Prozess gemacht werden. Wie kommt es, dass der Ex-Diktator nicht jetzt an die irakische Übergangsregierung übergeben wird?

Saddam Hussein soll zurückkehren. Irgendwann, nur nicht als freier Mann. Nachdem es am Dienstag zunächst hieß, die Amerikaner würden den Ex-Präsidenten noch vor der offiziellen Machtübergabe am 30. Juni an die neue Regierung des Landes überstellen, erklärte die US-Zivilverwaltung am Abend anderes. Das sei nicht möglich, so ein Sprecher, bis Ende Juni gebe es noch keine souveräne Regierung.

Dabei hätte diese Geste symbolische Kraft entwickeln und die Übergangsregierung stärken können. Das Rote Kreuz hatte gefordert, Saddam Hussein endlich anzuklagen, oder aber nach dem 30. Juni freizulassen. Das entspräche der Behandlung Kriegsgefangener gemäß den Genfer Konventionen nach dem Ende einer Besetzung. Washington wischt die zeitliche Begrenzung beiseite, und betrachtet den Häftling auch in Zukunft als Kriegsgefangenen.

Im Moment ist den Amerikanern die Lage im Irak zu unsicher, als dass sie Saddam Hussein aus ihrer Obhut entlassen wollen. Tatsächlich werden fast täglich Attentate auf Mitglieder der neuen Regierung verübt, Polizeistationen angegriffen, irakische Sicherheitskräfte können sich oft nur mühsam selbst verteidigen. Der Mann, der sein Volk über Jahrzehnte terrorisiert hat, hätte vermutlich wenig Überlebenschancen.

Allerdings, das hat die Zivilverwaltung noch einmal betont, soll Saddam Hussein aus der amerikanischen Gefangenschaft entlassen werden. Auch bereitet sich der Irak schon seit dem vergangenen Jahr auf den Prozess gegen den alten Machthaber vor. Im März 2004 schickte dann das US-Justizministerium ein Team aus 50 Anwälten, Ermittlern und Anklägern in das Land, um Beweise für das Verfahren zu suchen. Doch vor wenigen Tagen dämpfte ein britischer Regierungsbeamter erst einmal die Erwartungen: Von den engsten Mitarbeitern Saddam Husseins sind zwar mehr als 40 gefasst worden. Bisher will keiner vor einem Tribunal aussagen, aus Angst vor Racheakten gegenüber ihren Familien. Ähnliches gilt offenbar für potenzielle Richter. Nach Zeitungsberichten bekommen sie regelmäßig Morddrohungen, nicht nur von Saddam-Anhängern, sondern auch von Opfern des Regimes, die nicht verstehen, warum der Diktator nicht sofort erschossen wird.

Der Präsident des Tribunals für ein künftiges Verfahren ist in den USA kein Unbekannter. Salem Chalabi ist ein Neffe des früheren irakischen Exilpolitikers Ahmed Chalabi, der jahrelang eng mit den Amerikanern kooperiert hat und erst vor kurzem wegen Geheimnisverrats in Ungnade fiel. Wie sein Onkel hat auch Salem Chalabi enge Kontakte in die Vereinigten Staaten. Deshalb wird nun befürchtet, dass ein von ihm geführtes Gericht von den Irakern nicht als unabhängig akzeptiert werden könnte.

Bis es jedoch zu der Verhandlung kommt, fragt sich, wo die Iraker ihren ehemaligen Präsidenten so sicher unterbringen wollen, dass er keinem Anschlag zum Opfer fällt. Zurzeit wissen neben den Amerikanern nur die Mitarbeiter des Roten Kreuzes, die ihn besuchen und Briefe von seiner Frau und seinen Töchtern überbringen können, wo sich der 67-Jährige aufhält. Nach manchen Gerüchten ist er auf dem US-Stützpunkt nahe dem Bagdader Flughafen untergebracht, nach anderen ist er längst nicht mehr im Land. Diese Ungewissheit dürfte den Amerikanern sehr recht sein. Ein weiterer Grund, warum der Expräsident noch eine Weile in amerikanischer Gefangenschaft bleiben wird.

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