Zeitung Heute : Sichere Planung

Pocken, Bakterien und hartnäckige Erreger – sind das die Feinde der Gegenwart? Die Gesundheitsminister der G7-Staaten beraten, was gegen Angriffe mit Biowaffen zu tun wäre. Aber ist die Gefahr wirklich realistisch? Oder führen Terrorgruppen wie Al Qaida ganz anderes im Schilde? Worauf die Welt sich in Zukunft einstellen muss.

Esther Kogelboom Stephanie Nannen

Von Esther Kogelboom

und Stephanie Nannen

Die Vorstellung, dass Terroristen Epidemien über ein ganzes Land bringen könnten, ängstigt die Bevölkerung – zumindest der westlichen Welt – spätestens seit den Anschlägen am 11. September 2001. Von Anthrax war in der Folgezeit die Rede, das in Briefen oder Paketsendungen seine Opfer erreichen sollte. In die Diskussion, besonders um die Gefährlichkeit von „Schurkenstaaten“ wie dem Irak, mischte sich die Furcht vor einer möglichen Bedrohung durch Pocken-Viren, auch in Deutschland.

Wenn am Freitag dieser Woche die Gesundheitsminister der G7-Staaten und der Mexikos in Berlin zusammenkommen, werden sie über Erfolge und neue Bedrohungen beraten. Die Hauptsorge gilt dabei offenbar dem so genannten schmutzigen Dutzend des Bioterrorismus’, jenen zwölf biologischen Stoffen, die jeweils als Waffe gegen ein Land eingesetzt großen Schaden anrichten könnten, auch weil es gegen sie bis heute kein Mittel gibt.

Gefahr erkannt

Die Runde, die diese Woche zum vierten Mal zusammenfindet, wurde als Sicherheitsinitiative kurz nach dem 11. September 2001 als Global Health Security Initiative (GHSI) gegründet, um auf den Gebieten der Risikokommunikation, der Laborkooperation und der Schnelldiagnostik transatlantisch zusammenzuarbeiten. Schon am heutigen Montag beginnt die vorbereitende Diskussion der Arbeitsgruppen über den Terror mit solchen Stoffen wie dem chemischen Sarin, Rizin oder eben Pocken.

Vor zwei Jahren noch versuchte die Bundesregierung mit Mühe, diesen Spagat glaubhaft zu erklären: den zwischen der Meinung, dass keine wirkliche Gefahr durch Pocken-Viren bestünde, und der Tatsache, dass sie den ungenügenden Vorrat an Impfstoff dringend aufstocken wollte. Heute gibt es nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums einen ausreichenden Bestand an Impfstoff. An zwei geheim gehaltenen Orten lagerten jetzt ungefähr 80 Millionen Dosen. Nach und nach werde der Vorrat auf 100 Millionen Dosen aufgestockt. Es sei inzwischen möglich, binnen vier bis fünf Tagen nach einer möglichen Attacke die gesamte Bevölkerung „durchzuimpfen“, sagten Fachleute aus dem Gesundheitsministerium.

Für die Pocken-Prophylaxe hat die Bundesregierung etwa 220 Millionen Euro ausgegeben. Außerdem existieren ausgeklügelte Notfallpläne für den Fall, dass eine Impfung aller Deutschen notwendig werden sollte. Für diese Maßnahmen sind dann die jeweiligen Länder zuständig, was auch einer Panikmache entgegenwirken und den schnelleren, reibungslosen Verlauf der Verabreichung der Antidosis fördern soll. Eine bundesweite Impfung der gesamten Bevölkerung wird dezentral durchgeführt. In Berlin hatte im März diesen Jahres bereits eine Übung zur Massenimpfung stattgefunden. Sie sei gut verlaufen, berichten die Experten. Die Erkenntnisse aus diesem Testlauf sind allerdings noch nicht komplett ausgewertet worden. Offiziell gelten die Pocken als ausgerottet. Lediglich zwei Labors – eines in Russland, das andere in den Vereinigten Staaten – haben nach Angaben des Ministeriums noch Pockenviren.

Der jüngste Anschlag mit Rizin ereignete sich vor einer Woche im amerikanischen Bundesstaat South Carolina. Rizin ist ein Gift, das aus dem Samen der Rizinuspflanze gewonnen wird und dessen Einnahme oder Einatmen binnen 72 Stunden den Tod herbeiführen kann. Die US- Schutzbehörde „Homeland Security“ ließ verlauten, es handle sich nicht um einen terroristischen Angriff – soweit die gute Nachricht. Die schlechte: Tatsächlich wurde in dem Umschlag, der auf einem Postamt in Greenville gefunden wurde und mit der Aufschrift: „Achtung Gift Rizin“ versehen war, auch ein Fläschchen mit Rizin gefunden. Fachleute halten es heute für durchaus möglich, dass auch Terroristen in den Besitz von biologischen Stoffen kommen könnten. „B-Waffen sind die A-Bomben der armen Länder“, sagen sie.

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