Zeitung Heute : Sicherer Job: Die Branche der Finanzdienstleister sucht händeringend Berater

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Wer in der Vergangenheit einen wirklich sicheren Arbeitsplatz suchte, entschied sich für die Beamtenlaufbahn - oder aber für eine Bank-Karriere. Aus, vorbei, Geschichte. Mit - zu Spitzenzeiten - fast 3 500 Kreditinstituten und rund 52 000 Filialen war der deutsche Banken- und Sparkassenmarkt derart überbesetzt, dass bereits seit 1995 "Rückbau" betrieben wird. Durchweg alle Geldhäuser stellen sich auf Online-Banking ein, ziehen sich aus dem kostenintensiven Filialgeschäft zurück und versuchen, ihre Belegschaften abzuspecken. Alleine bei der Dresdner Bank sollen 300 Filialen geschlossen 5000 Mitarbeiter reduziert werden. Doch was dem einen "sin Uhl", ist dem anderen "sin Nachtigall". Die Branche der Finanzdienstleister sucht händeringend Mitarbeiter. Eins der Unternehmen, die besonders angestrengt Personal rekrutieren, ist neben MLP in Heidelberg und dem AWD in Hannover die Bonnfinanz AG, eine Tochter der Deutschen Bank Gruppe. Der 1970 gegründete Finanzdienstleister mit Sitz in Bonn zählte Ende März 1285 Mitarbeiter. Bis Jahresende sollen "mindestens 200" Finanzberater zusätzlich eingestellt werden. Je mehr ehemalige Banker darunter sind, desto lieber wäre es Vorstandsvorsitzendem Reinhard Schutte, der in dieser Woche mit der Botschaft "Finanzberater, ein Beruf mit Zukunft" an die Presse wenden wird.

Fachwissen zählt in dieser Branche besonders. Die komplexen Fragestellungen im Vorsorgeaufbau, Kapitalanlagebereich, der Baufinanzierung oder Existenzgründung erfordern Kompetenz und auch Verantwortungsbewusstsein. Die Bürger werden mit der wachsenenden Eigenverantwortung in der Renten- und Gesundheitsabsicherung vor Alternativen gestellt, für die die Banken nicht mehr zuständig sein wollen und der Blick ins Internet oft auch keine Antworten parat hat. Es geht um immer mehr Geld. Über 300 Milliarden Mark werden jährlich angelegt, das private Geldvermögen hat die fünf Billionen-Mark überschritten.

Für einen Mathematiker wie Lothar Schaeffer macht es keinen Unterschied, ob es um eine 10 000-Marks-Finanzierung geht oder um ein Geschäft über eine Million. Der 47-Jährige gehört zu den zahlreichen Quereinsteigern bei Bonnfinanz. Er arbeitet seit 1993 für das Unternehmen - und hat den Wechsel von der EDV- und Unternehmensberatung zur Finanzberatung nicht bereut. Den Reiz seiner Tätigkeit auf Provisionsbasis sieht er darin, "einen Teil der Zukunft meiner Kunden mitgestalten zu können". Er übernehme die komplementäre Aufgabe zum Steuerberater, der sich um die Vergangenheit, nämlich um Abschlüsse und steuerliche Belange kümmere. Sich "so tief wie möglich in die Situation eines Mandanten hinein zu denken", findet er "spannend". Dass eine 40-Stunden-Woche in seinem Job Seltensheitswert hat, stört den dreifachen Vater nicht, denn "ich kann meine Zeit individuell gestalten." Was Schaeffer allerdings irritiert, sind die "Wochenendberater", die allerdings aufgrund des EU-Rechtes immer weniger werden. Aus- und Weiterbildung seien in diesem Beruf das A & O. "Ohne laufende Schulungen und einschlägige Fachlektüre", sagt er, "kann ich meine Mandanten nicht qualifiziert beraten."

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