Zeitung Heute : Sicheres Dach über dem Kopf

Vogelnistkästen leisten nicht nur zur Brutzeit gute Dienste, sondern auch im Winter als Wärmestube.

Anna Wöltjen

Spatzen gehören zum alltäglichen Stadtbild, und jeder gönnt ihnen, dass sie Brotkrümel vor Cafés aufsammeln oder piepsend und zutraulich auf dem Balkon oder der Terrasse herumhüpfen. Was der putzige Bewohner jedoch nicht von den Dächern pfeift, ist, dass er es immer schwerer hat, ein geeignetes Zuhause für die Aufzucht seiner Großfamilie zu finden. Auch wenn er bei den jährlichen Vogelzählungen in Berlin nach wie vor Platz 1 belegt, schrumpft sein Bestand bundesweit dramatisch. Dieses Schicksal teilt er mit vielen seiner gefiederten Kollegen, da heute immer weniger löchrige Dachflächen existieren, Fassaden zum Wärmeschutz isoliert, morsche Bäume mit geeigneten Hohlräumen oft entfernt und Hecken regelmäßig beschnitten werden. So schrumpft das natürliche Angebot an Nistplätzen.

Doch was lässt sich tun, um den gefiederten Gesellen unter die Flügel zu greifen? Angelika Paul vom Naturschutzbund Berlin hat in ihrem Kleingarten in einer Kolonie des Schöneberger Südgeländes verschiedene Vogelnisthilfen, Fledermauskästen und Insektenhäuser installiert und dafür mehrfach Naturschutzpreise erhalten. Sie hält dazu kostenlose Vorträge und gelegentlich auch Exkursionen vor Ort. „Vögel, die im Garten nisten, will jeder haben, denn es ist nicht nur interessant und besonders für Kinder toll, sie in ihrem Lebensraum zu beobachten, sondern sie fressen auch viele Insekten“, erklärt sie den Zuhörern. Angelika Paul merkt an, dass Chancen vertan würden, wenn „moderne Gärten ausschließlich als zierendes Schaufenster angelegt und für das ökologische System und die biologische Vielfalt fast nutzlos sind“.

Am besten werden Vogelnistkästen jetzt im Herbst aufgehängt oder spätestens Ende Februar angebracht. Die Vögel sollten Zeit haben, die Lage auf dem Wohnungsmarkt zu sondieren und außerdem können sie die Nisthilfen im Winter als Schutz vor Nässe und Frost nutzen. Vögel müssen auch in der kalten Jahreszeit ihre Körpertemperatur von 39 bis 42 Grad aufrechterhalten, verlieren dabei durch den verstärkten Energieeinsatz schnell an Gewicht und werden geschwächt. Eine eisige Nacht auf einem windigen Zweig kann lebensgefährlich werden.

Ein Blick aus dem Fenster hilft, um zu sehen, welche Vögel im jeweiligen Umfeld vorkommen. Sicher können auch Nisthilfen für Rauchschwalben oder für den Steinkauz angefertigt werden, aber die Chance, dass sie am Standort vorkommen und das Angebot akzeptieren, ist gering. Nur Vögel, die bereits im Gebiet ansässig sind, werden einziehen. Nisthilfen sind für die einzelnen Arten unterschiedlich gestaltet, dabei bestimmt hauptsächlich die Einflugöffnung den Bewohner. Ein geschlossener Kasten mit einem kleinen Flugloch von 2,8 Zentimeter ist ideal für Blaumeisen. Kohlmeisen schlüpfen durch 3,2-3,4 Zentimeter und Gartenrotschwanz und Kleiber flattern durch einen ovalen Zugang von 4,5 mal 3,0 Zentimeter. Sie alle werden zu den Höhlenbrütern gezählt. Halbhöhlenbrüter, wie der Zugvogel und Sommergast Grauschnäpper, die mückenjagende Bachstelze oder das Rotkehlchen suchen nach halboffenen Brutkästen, die am besten unter einem Dachvorsprung montiert werden. Haus- und Felssperlinge nisten gerne in Gesellschaft und wollen gleich mehrere einzelne Brutkästen nebeneinander oder ein in Kammern aufgeteiltes „Hotel“ mit dazugehörigen Einfluglöchern von mindestens 3,2 Zentimeter Durchmesser. Verständlich, dass eine Eule oder Dohle einen größeren Kasten als eine Meise bewohnen möchte. Der Kasten sollte innen nicht zu klein sein, größer und tiefer ist hier oft besser: Generell werden geräumige Nistkästen einfach von den Vögeln stärker ausgepolstert und so auf Idealmaß gebracht. Mehr Platz im Inneren bedeutet, dass die Jungtiere hinten im Kasten sitzen können und der fütternde Elternvogel bequem vor ihnen landen kann. Bis sie fliegen können, haben sie Raum, um ausgiebig zu wachsen und stürzen nicht verfrüht aus dem Nest. Die Öffnung aller Nisthilfen sollte nicht zur Wetterseite nach Westen zeigen und auch ein Platz in praller Sonne wird schnell zu heiß. Grüne Blattranken von Kletterpflanzen wie Efeu, Waldreben oder wilder Wein spenden zusätzlich Schatten. Zum Anflug benötigen die meisten Vögel eine freie Strecke von mindestens zwei Metern.

Katzen, Eichhörnchen, Marder oder Waschbären versuchen gerne, Nistkästen auszuräumen, um Eier oder Jungvögel zu erbeuten. Glatte Blech- oder Plastikmanschetten am Stamm behindern sie beim Aufstieg. Stabile Seitenäste oder ein Platz an der Fassade in mindestens 1,80 Meter Höhe können daher geeignete Hängeplätze sein. Auch räuberische Vögel wie Elster oder der Buntspecht interessieren sich für den Inhalt der Nistkästen. Ein Zinkblech um das Einflugloch erschwert das Aufhacken des Eingangs.

Nistkästen kann man günstig und fertig kaufen, doch dabei sollte man auf einige Punkte achten. So sind Modelle mit Sitzstangen an der Front nicht empfehlenswert, denn dies ist nur eine Einladung für Nesträuber, und die eigentlichen Vogelbewohner brauchen sie nicht. Bunt lackierte Häuschen sehen zwar dekorativ aus, aber giftige Farben oder Imprägnierungen schaden den Tieren. Das Material der Nistkästen sollte möglichst naturbelassenes Holz, ein hohler Baumstamm oder auch witterungsbeständiger Holzbeton sein. Modelle aus langlebigem Holzbeton halten bis zu 30 Jahre und sind zudem atmungsaktiv. Schlecht durchdacht sind kombinierte Futter- und Nisthäuschen, denn die Jungtiere werden nur mit Insekten großgezogen und nicht mit Körnerfutter. Fremde Vögel, die dort landen und sich Futter holen, stören nur die Aufzucht.

Erwachsene und Jugendliche, die Lust haben, selbst einen Nistkasten herzustellen, können an einem alten stabilen Tisch oder einer Werkbank loslegen. Griffbereit sollten folgende Werkzeuge liegen: Bohrmaschine, Säge, Hammer, Schraubenzieher, Schraubstock, ein Metermaß und ein Winkel. Um das Flugloch zu fräsen, ist als Zubehör ein sogenannter Forstnerbohrersatz als Vorsatzgerät (auch Astlochbohrer genannt) empfehlenswert. Dazu kommen als Material Holzbretter mit einer Dicke von ca. zwei Zentimeter zur ausreichenden Isolation. Sie sollten unbehandelt und sägerau bleiben, damit die Jungvögel den Nistkasten auch kletternd verlassen können. Für einen klassischen Meisenkasten reicht ein Brett von 1,10 Meter Länge und 20 Zentimeter Breite.

Der Kasten sollte mit nichtrostenden Senkkopfschrauben und Nägeln zusammengehalten werden und so konzipiert sein, dass er sich zur jährlichen Reinigung öffnen lässt. Dabei dienen die Nägel als Drehangel zum Öffnen der Vorderseite. Durch Ablauflöcher im Boden kann Feuchtigkeit entweichen. Für die Aufhängung fehlen dann noch Metallösen und ein Stück 4 Millimeter dicken Zinkdrahtes.

Neben einem Nistplatz benötigen Vögel aber auch ein naturnahes Gesamtumfeld. Um ihre Küken zu ernähren, brauchen sie Fliegen, Käfer, Ohrwürmer, Spinnen, Würmer und auch manchmal winzige Blattläuse. Da heißt es Kompromisse eingehen und – soweit wie möglich – auf Insektizide verzichten. Der Garten sollte zudem Nistmaterial wie Moos oder trockene Halme bieten. Auch Federn, Baumwollfäden und ausgekämmte Tierhaare werden von den Tieren verbaut. Teiche, lehmige Pfützen oder Vogeltränken dienen zur Flüssigkeitsversorgung, aber auch ganzjährig zur Körperpflege. Ein großer ausrangierter Suppenteller oder Blumenuntersetzer mit kühlem Nass passt auf jeden Balkon, aber das Gefäß sollte gereinigt und das Wasser täglich ausgewechselt werden, damit sich keine Krankheiten verbreiten können. Büsche wie Feldahorn, Hasel, Kornelkirsche oder Felsenbirne dienen den erwachsenen Vögeln als Ruheplätze und dem flüggen Nachwuchs als Schutz. Dichte, gerne auch stachelige Hecken wie Weißdorn und Hagebutte dienen zugleich als natürliche Brutstätte.

Im Internet finden sich zahlreiche detaillierte Beschreibungen, wie die Broschüre „Nisthilfen zum Selberbauen“, Schriftenreihe der Umweltwerkstatt Wetterau Nr. 16, Schutzgebühr 2 Euro. Klaus Richarz und Martin Hormann: Einfach selber bauen, artgerechte Nist- und Futterhäuser für heimische Vögel, Aula Verlag 2013, 14,95 Euro.

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