Zeitung Heute : Sicherheit herstellen

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Nein, das ist keine Geschichte über eine realsozialistische Wessi-Abfertigung auf dem Transit. Es geht auch nicht um die Beobachtung griesgrämiger Ostgrenzer bei der Verrichtung einer Kofferraumdurchwühlung. Es fühlt sich nur so an. Wir sind – beim Tüv.

Vor vier Jahren ist mein MG (british racing-green) dreißig geworden. Seitdem könnte er mit einem H auf dem Kennzeichen herumfahren, und ich müsste weniger Steuern zahlen. Nur: Will man das, so stillos-historisch stigmatisiert? Und hält man die verordnete Originalitätsprüfung aus, ohne ausfallend zu werden?

Am Ende eines 48-Monate-Rennens, immer zwischen hin und her, ließen wir es darauf ankommen. Wir sind ja eh zu schnell, als dass jemand das H erkennen könnte, und besserer drauf als mein Kleiner kann ein Brite in diesem Alter nicht sein.

Wir verhübschten uns ein wenig für unseren Prüfer, nahmen einen freien Tag und fuhren los. Tags zuvor hatten wir ausbaldovert, was man braucht für den Oldi-Test. Nein, Dekra nicht, Sie müssen zum Tüv. Ja, nur in Schöneberg. Nein, Termin nicht nötig.

„Haben Sie einen Termin?“, fragt streng der Herr im Blaumann, als wir fröhlich vorfahren. „Was, nicht? Schlecht, ganz schlecht. Hinter den roten Golf, Tor 3, aber erst zur Kasse!“ Vielen Dank. Guten Tag. „Was, eine Oldtimer-Prüfung?“, sagt die Dame an der Kasse. „Schlange 7, gezahlt wird danach!“

Stunden später: Der Mercedes vor uns, 450er, 6,9 Liter, himmelblau, potthässlich, darf endlich rein in die heilige Halle. Ob vielleicht doch Tor 3 . . . die Kasse?

Ewigkeiten später: Jetzt? Wir? Wirklich? Ja! Unser Prüfer ruckelt an den Rädern und runzelt die Stirn. Er findet – nichts. Er dreht noch eine Runde, mit jaulenden Reifen. Da kommt er wieder. „Wo ist eigentlich ihr Lenkradschloss?“

Ja, wo isses denn? Nein, das ist nur das Zündschloss, da rastet nichts ein. Runzelrunzel. Blätterblätter. „Ha!“, ruft er, „Müssense nachrüsten! Schwerer Mangel, kann ich nicht über meinen Schatten!“ Aber!, sagen wir: Statt moderner Diebstahlsicherung haben wir zwei Lenkradkrallen und eine Panzerzündspule, dazu einen absolut fahrtüchtigen . . . „Junger Mann!“, sagt da der Prüfer, „Ich! Habe! Meine! VORSCHRIFTEN!!! Kommse wieder, wenn der Wagen klar ist. Zahlen nicht vergessen!“

Auf dem Weg zur Kasse begegnet uns ein tobender Vater, der nach drei Stunden Warterei sein Geld zurück will, ein fluchender Freizeitkapitän, dessen Bootsanhänger in der Sonne schmilzt, ein Schnäuzer, der einem Blaumann an den Kragen geht, eine weinende Französin, die nichts versteht. „79.90“ steht bei uns auf dem Kassen-Display. „Achzisch!“, fordert die Kassiererin.

Auf dem Rückweg haben wir beschlossen, eine Partei zu wählen, die verspricht, den Tüv abzuschaffen und die Dekra gleich mit. Angebote bitte an den Tagesspiegel. Lorenz Maroldt

P.S.: Deutschland ist wieder ein Stück sicherer geworden - wir haben jetzt ein Lenkradschloss.

Tüv Schöneberg: Alboinstraße 56, Tel.: 75621330; Mo - Do 7.30 - 16.30 Uhr, Fr 7.30 - 14.30 Uhr, Sa 8- 12 Uhr

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