Zeitung Heute : Sicherheit im Netz: Agenten-Start-Up

Robert Bongen

An Selbstbewusstsein fehlt es diesem Mann nicht: "Unsere Technologie wird die Menschen von der Furcht vor Hackern und Cyber-Spionen befreien. Sie wird ein neues Kapitel in der Geschichte des Internet aufschlagen." Ende Mai stellte Victor Sheymov sein Sicherheitssystem für Computer-Netzwerke in Washington vor: "ein revolutionäres Verfahren, ein Verfahren, dass Plagegeister im Netz den Garaus mache."

Wenn man Sheymov so reden hört, mit amerikanischem Pathos und leicht hybrider Attitüde, könnte man meinen, einen Vertreter der jungen Start-Up-Unternehmer vor sich zu haben. Allein der russischer Akzent lässt erahnen, dass sein Werdegang anders verlaufen ist: Der 53-Jährige war ein ranghoher KGB-Agent und ist eine der spannendsten Figuren des Kalten Krieges. Fast sein ganzes Leben lang hat er sich mit der Sicherheit von Computern beschäftigt, hat unzählige Codes geknackt und andere vor solchen Zugriffen bewahrt. Dass er nun zu einem späten Start-Up-Gründer wurde, resultiert aus einer launischen Unterhaltung mit einem Sicherheitsexperten des FBI. "Mehr im Scherz fragte ich den Kollegen, warum das FBI es nicht schafft, diese Hacker-Kids zu stoppen. Daraufhin fragte er mich, warum ich es nicht einfach machen würde, wenn ich so schlau wäre."

Zwar schützen Firewalls, also spezielle Hard- und Softwarehürden in Netzwerken, im Großen und Ganzen vor dem Eindringen von Hackern. Aber gegen DoS-Attacken (Denial of Service), bei denen Netzwerk-Server pausenlos mit unzähligen Anfragen bombardiert werden, schien bislang kein Kraut gewachsen. Das US-Verteidigungsministerium registrierte in den letzten Wochen täglich bis zu 100 Hacking-Versuche, im vergangenen Jahr insgesamt über 30 000. Die Dunkelziffer liegt noch um einiges höher. "Die zentrale Schwäche der herkömmlichen Sicherheitstechnologien ist, dass diese elektronischen Festungen leicht zu belagern sind, denn sie haben unveränderliche Adressen im Cyberspace", sagt Sheymov. Mehrere Hacker können sich auf ein Ziel einschießen, so dass die Festung irgendwann bröckelt. "Die erkennbare IP-Adresse, die jeden Computer im Internet identifiziert, ist eine Einladung für ungebetene Gäste."

Sheymov erfand ein Schutz-Programm, das er "Variable Cyber Coordinates" nennt. Es arbeitet mit einem Algorithmus, der die IP-Adressen eines Netzwerks kontinuierlich und in Sekundenschnelle wechselt, immer dann, wenn sich Gefahr ankündigt. Der Identifikation-Code ist so für berechtigte Personen zugänglich, für jeden anderen so gut wie unerreichbar. "Die Software bietet ein Sicherheitslevel, der bisher auf dem Markt nicht zu finden war."

Um in eben jenen Markt einzusteigen, gründete Sheymov die Firma Invicta Networks mit Sitz in Herndon/Virginia. Mit im Boot: R. James Woolsey, von 1993 bis 1995 Direktor des CIA, und David P. Rolph, einst UdSSR-Experte im US-Geheimdienst. Ein Ex-KGB-Spion gründet mit ehemaligen US-Top-Agenten ein Unternehmen - die perfekte Story für die US-Medien, noch dazu, wenn der eine, Rolph, maßgeblich dran beteiligt war, Sheymov 1980 die Flucht aus der Sowjetunion zu ermöglichen. Der andere, Woosley, vertrat ihn Ende der 90er Jahre im Prozess gegen die CIA, als Sheymov das Honorar in Höhe von einer Million Dollar einforderte, das die Organisation ihm angeblich für seine Kollaboration versprochen hatte.

In der Sowjetunion hatte Sheymov eine Blitzkarriere im KGB gemacht, wurde bereits mit 32 Jahren zum Major befördert. Als damals jüngster Offizier im sowjetischen Geheimdienst übertrug man ihm 1980 die Verantwortung für die weltweite Sicherheit aller sowjetischen Verschlüsselungs- und Kommunikationssysteme. Damit wurde Sheymov zu einem der wichtigsten Männer in der damaligen UdSSR - und auch ständig selber überwacht. Im selben Jahr brach Sheymov mit der Sowjetunion und kontaktierte die "Konkurrenz" vom CIA, die ihm zur Flucht verhalf. Fortan arbeite der Ex-KGB-Agent als Berater für die National Security Agency (NSA) - und unterstützte sie dabei, die Computer zu knacken, die er jahrelang so hart verteidigt hatte.

Seine neue Sicherheits-Software hat Sheymov von ehemaligen NSA-Kollegen testen lassen. Mindestens ein Dutzend hochrangiger Geheimdienstler ist ebenfalls in den privaten Bereich gewechselt. "Variable Cyber Coordinates" hielt den Angriffen dieser vermutlich besten Hacker der Welt stand. Andere Sicherheitsexperten sind skeptisch: "Sheymovs System könnte ein zusätzliches Instrument sein", sagt Dennis Steinauer vom National Institute of Standards and Technology. "Generell arbeitet man nicht nur mit einer einzigen Schutz-Technologie, schon gar nicht, wenn sie in der Praxis unerprobt ist." Frank Felzmann vom Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik (BSI) bezweifelt, dass das System Schutz vor Viren biete, "da diese sich unabhängig von IP-Adressen verbreiten".

Sheymov lässt sich von der Kritik nicht verunsichern: Eine erste Beta-Version der Software will Invicta Networks in Kürze veröffentlichen. Die American International Group (AIG), größte Versicherung der Welt, kündigte an, ihren Kunden zehn Prozent Rabatt zu geben, wenn sie "Variable Cyber Coordinates" benutzen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!