SICHERHEIT MACHT SCHULE Verantwortung will gelernt sein : Lebenslang abrufbar

Die Veröffentlichung sensibler Daten birgt viele Gefahren. Deswegen muss es mehr Interneterziehung zu Hause und in der Schule geben

Bart Funnekotter

„Wie sicher ist Schüler VZ?“, „Gymnasium setzt Schüler vor die Tür“, „Das Netz vergisst nichts“ – das sind Schlagzeilen, die Eltern, deren Kinder den ganzen Tag im Internet herumlungern, nicht gerne lesen. Was machen sie da eigentlich in Social Networks wie Schüler VZ und Studi VZ? Tauschen sie pikante Bilder aus, chatten sie mit Leuten, die zu alt für sie sind, diffamieren sie ihre Lehrer, ärgern sie Mitschüler? Die Jugendlichen selbst tun oft recht geheimnisvoll über ihr digitales Leben. Deswegen versuchen Erwachsene, sich auf andere Weise über die Gefahren des Internets zu informieren.

Die Schule spielt dabei eine wichtige Rolle. Im Berliner Canisius-Kolleg gab es vor einigen Wochen einen Aufklärungsabend über Social Networks von Markus Bautsch, Vater von drei Canisius-Schülern und Technikexperte der Stiftung Warentest. Dass Eltern Bedarf an Informationen über die Onlinewelt haben, zeigte sich am Mangel an Sitzplätzen im Saal. Lehrer mussten schnell mehr Stühle hinstellen, und manche Zuhörer fanden am Ende nur einen Platz auf der Fensterbank.

Bautsch redete eine Stunde lang über die Nutzen und Risiken der Social Networks. Die Risiken zogen die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Das Internet sei zum Beispiel ein Ort geworden, wo Schüler einander piesacken, sagte Bautsch. „Untersuchungen in den USA haben ergeben, dass jeder dritte Jugendliche mindestens ein Mal Opfer von Cyber Bullying war. So weit ist es in Deutschland wahrscheinlich noch nicht, aber auch hier werden Kinder von ihren Altersgenossen gepiesackt.“

Bullying ist aber nicht die einzige Gefahr der Social Networks, im Gegenteil. Die Neigung mancher Jugendlicher, sich in Schüler VZ (gehört wie der Tagesspiegel zur Holtzbrinck-Verlagsgruppe) ganz und gar bloßzustellen, macht sie verwundbar für Leute, die private Informationen missbrauchen möchten. Daten, die im Internet veröffentlicht worden sind, können später nie endgültig gelöscht werden, weil längst irgendwo anders Kopien existieren, betonte Bautsch. „Wenn man ein peinliches Foto im Profil veröffentlicht und das nachher bedauert, hat man Pech. Da haben vielleicht schon viele Leute das Bild auf ihrem eigenen Rechner gespeichert. Es selbst vom Profil zu entfernen, reicht deswegen nicht. Die Szene existiert überall im Cyberspace.“ Und deswegen drängt Bautsch mehrere Male darauf: nie persönliche Daten im Internet veröffentlichen. Handynummer, Familienname, Wohnort, Alter – das sind alles Informationen, die Stalker, Pädophile und Hacker gut gebrauchen können.

„Aber ich weiß überhaupt nicht, was mein Kind im Profil hat“, sagte einer der Anwesenden. „Reden Sie mit Ihrem Kind über das, was es im Internet macht“, empfahl Bautsch. „Das ist das Wichtigste, was Eltern tun können. So viel Vertrauen sollte es doch in einer Familie geben, dass man darüber sprechen kann.“ Aber wieso sind manche Jugendliche so blöd, solche sensiblen Daten im Internet herumliegen zu lassen?

Mit dieser Frage beschäftigt sich die niederländische Forscherin Patti Valkenburg. Sie arbeitet als Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität von Amsterdam. Seit 2003, als die Popularität der Social Networks ihren Anfang nahm, untersucht sie, wie Jugendliche sich dort verhalten und warum sie sich so benehmen. „Es ist für Jugendliche in der Pubertät sehr wichtig, ihr Selbstbild zu entwickeln und daneben von ihren Peer (ihresgleichen) akzeptiert zu werden. Früher fand diese Entwicklung auf dem Schulhof statt, jetzt im Internet. Weil man sich im Internet sicherer fühlt, wagen sie oft ein bisschen mehr.“

Aber das heißt nicht, dass die Benutzer von Schüler VZ sich der Gefahren der Veröffentlichung intimer Details nicht bewusst sind, meint Valkenburg. „Wenn Jugendliche sich öffentlich manifestieren, findet immer ein Trade-off statt zwischen möglichen Vorteilen und Risiken ihres Benehmens. Unsere Untersuchungen zeigen, dass Jugendliche von 15 Jahren an die Risiken gut einzuschätzen können, aber dass sie die Vorteile anders deuten als die Erwachsenen. Eltern verstehen oft nicht, warum ihr Kind etwas im Internet macht, weil sie das Resultat des Verhaltens nicht so sehen, wie das Kind es sieht. Viele ‚Freunde‘ und Ansehen – reicht das wirklich, um sich im Internet verletzbar aufzustellen? Ja, für viele Jugendlichen reicht das.“ Amerikanische Untersuchungen zeigen, dass zwei Drittel der Benutzer von Social Networks ihren Familiennamen im Profil veröffentlichen; zwei Drittel zeigen ein Bild von sich selbst. Fünf Prozent der Mitglieder dieser Websites sind „völlig transparent“, sagt Valkenburg. Sie erzählen alles über sich selbst. „Das ist die Gruppe, die wirklich Gefahr läuft, Opfer von skrupellosen Erwachsenen zu werden. Und man sollte nicht sagen, dass es sich um ‚nur fünf Prozent‘ handelt, denn das sind viele zehntausend Jugendliche. Das reicht ja für eine ganze Menge Horrorgeschichten in der Zeitung.“

Deswegen soll es mehr Interneterziehung geben, zu Hause und in der Schule, behauptet Valkenburg. „Die technischen Entwicklungen schreiten immer schneller voran. Der Gesetzgeber kann damit nicht Schritt halten. Also, dann kommt es auf die Erwachsenen in der Umgebung der Jugendlichen an, sie zu beschützen.“

Das behauptet auch Felix Gröbert. Er studiert IT-Sicherheit an der Ruhr-Universität Bochum und hat zu diesem Thema schon viel publiziert, nicht zuletzt auf seinem Sicherheitsblog seclog.de. „Die Risiken der Social Networks sind vielen Nutzern, Eltern und Jugendlichen, nicht bewusst. Wenn sie sich der Risiken bewusst werden, wird es meist heruntergespielt: ‚Ich habe nichts zu verbergen‘. Aber die Versuche zum Datendiebstahl durch Crawler (‚abgrasen‘ der Datenbank) oder Cracker (‚erhacken‘ der Datenbank) zeigt, dass Verbrecher sich grundsätzlich für die Benutzerdaten interessieren.“ Gröbert behauptet, dass Social Networks in der Zukunft immer wichtiger werden. „Social Networks werden mehr und mehr in tägliche Kommunikation und Organisation integriert. Die gesteigerte Funktionalität wird wiederum zu mehr technischen Schwachstellen führen.“ Aufpassen also.

Michael Koch arbeitet an der Forschungsgruppe Kooperationssysteme der Universität der Bundeswehr München. Er ist Mitglied des Competence Network Social Software (CNSS). Diese Organisation ist ein durch langjährige Zusammenarbeit entstandenes Netz gleichberechtigter Organisationen und Personen aus Praxis und Forschung, die in Deutschland über sich gegenseitig ergänzende Kompetenzen im Bereich Social Software verfügen. Koch beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit den Vorgängern der heutigen Social Networks. „Mit diesen neuen Networks beschäftigen wir uns konkret in der Gruppe seit etwa zwei Jahren – eben weil sie die aktuelle Entwicklung im Bereich der Unterstützung von Netzwerken und Communities darstellen und sowohl im Internet als auch in Intranets erfolgreich eingesetzt werden.“

Er bestätigt, dass Netzwerke wie Studi VZ und Schüler VZ, erfolgreich oder nicht, für die Benutzer auch gefährlich sein können. „Die größte Gefahr: die Bereitstellung von zu viel personenbezogener Information, ohne sich dessen bewusst zu sein – und ohne es rückgängig machen zu können. Das Internet vergisst nichts, oder kaum etwas.“

Koch ist aber davon überzeugt, dass Eltern und Lehrer in ihrer Vorsicht nicht genau verstehen, worüber sie reden. „Manche der Aussagen, die man hört, zeugen von Unwissenheit über die Details – die grundsätzliche Vorsicht ist aber durchaus gerechtfertigt.“

Also, mehr Internetunterricht für Kindern und Eltern? Koch: „Definitiv ja.“ Im Canisius-Kolleg ergreift am Ende des Abends ein Schüler das Wort. Der 18-Jährige behauptet, dass zu viel von den Gefahren der Social Networks die Rede ist. „Man kann die auch sehr gut benutzen für vernünftige Sachen. Ich bin Mitglied der Kommission, die den Abiball organisiert. Wir haben in Schüler VZ eine Gruppe gegründet, wo wir miteinander über den Ball nachdenken. Also, es ist nicht alles Quatsch, was da passiert.“ Und die Gefahren, über die den ganzen Abend geredet wurde? „Die waren mir fast alle bekannt. Jugendliche sind oft klüger, als die Eltern denken.“

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