Sicherheit : Wie sicher sind Karusselle?

Beim Deutsch-Amerikanischen Volksfest in Berlin stoppte ein Karussell in der Luft. 14 Menschen mussten 45 Minuten kopfüber ausharren. Wie sicher sind solche Fahrgeschäfte?

Christoph Stollowsky Juliane Schäuble
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Nach dem Vorfall auf dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest untersuchen Tüv-Experten das Karussell "Stargate". Auch die...Foto: Mauritius

BerlinHöher, schneller und immer sensationeller. Die Entwickler moderner High-Tech-Karussells und Fahrgeschäfte setzen auf Nervenkitzel ohne Grenzen. Das schürt neben der Vergnügungssucht aber auch Ängste, weshalb die bundesdeutschen Schausteller um Vertrauen in ihre Sicherheitsvorkehrungen werben. „Mit Sicherheit mehr Vergnügen!“ lautet ihr Slogan. Die 14 Fahrgäste, die am Samstagabend auf dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest in Berlin-Zehlendorf wie berichtet wegen eines Defektes mehr als eine halbe Stunde lang kopfüber in den Gondeln des „Stargate“- Karussells ausharren mussten, erlebten jedoch statt Spaß einen Albtraum.

Was war die Ursache des Defektes?

Nach ersten Erkenntnissen waren „Bremsen heißgelaufen“, sagte der Veranstalter des Deutsch-Amerikanischen Volksfestes, Richard Simmons, am Sonntag. Dadurch sei das Karussell, das sich mit hohem Tempo dreht und auf dem Höhepunkt der Fahrt Überschläge macht, plötzlich gestoppt worden. Weshalb es dem Stargate-Betreiber erst nach einer schier endlosen Zeit gelang, die Gondeln manuell zu Boden zu bringen, blieb weiter unklar. Das sei ihm erst gelungen, als er in höchster Not die Bremsschläuche durchschnitt, sagte Simmons.

Wer prüft die Sicherheit der Karussells?

Zuständig sind die drei großen Technischen Überwachungsvereine in Deutschland, Tüv Süd, Tüv Nord und Tüv Rheinland. Auf Berlins Rummelplätzen ist der Tüv Rheinland mit seiner Spezialabteilung für „fliegende Bauten“ im Einsatz. So nennen die Experten Karussells und andere fahrende Attraktionen. Das Stargate-Karussell in Zehlendorf wurde Sonntagfrüh vom Tüv erstmals untersucht. Da der Betreiber aus Bayern stammt und dort die Erstabnahme erfolgt, reisen Sachverständige des dort zuständigen Überwachungsvereines an, um weitere Untersuchungen vorzunehmen. Bis zu deren Abschluss bleibt das Fahrgeschäft gesperrt.

Welche Sicherheitsvorschriften gelten?


„Deutschland hat weltweit die höchsten Sicherheitsvorkehrungen“, versichern Tüv-Techniker und der Chef des Berliner Schaustellerverbandes, Harry Wollenschläger. Die Sicherheitschecks sind wie bei Kraftfahrzeugen eindeutig geregelt. Schon beim Erwerb des Fahrgeschäftes bekommt der Inhaber ein Prüfbuch, in das er alle Inspektionen eintragen muss. Grundsätzlich ist für Fahrgeschäfte einmal im Jahr eine Generaluntersuchung vorgeschrieben,
bei der alle Bauteile auf Verschleiß und andere mögliche Fehler hin untersucht werden. Auch muss ein Fahrgeschäft nach jedem Neuaufbau auf einem Rummelplatz vom Tüv abgenommen werden. Dazu gehören die Kontrolle der Papiere, Testfahrten und Technik- Checks. „Die heutigen Fahrattraktionen sind hochkompliziert“, sagt Wollenschläger. „Fliehkräfte und Drehmomente, alles ist exakt berechnet.“ Da müsse man ständig mit Checklisten herumlaufen, Bolzen abschmieren, und auch als Betreiber jeden Morgen, bevor das Karussell anfahren wird, einen Sicherheitstest durchführen.“ Er besitzt selbst ein auf Nervenkitzel ausgelegtes Mega-Karussell – den „Ikarus“, der gleichfalls auf dem Volksfest in Zehlendorf in Betrieb ist.

Was muss beim Ab- und Aufbau beachtet werden?

Der Aufbau dauert bis zu zwei Tage. Oft sind Kräne und Seilwinden im Einsatz. „Geschultes Personal ist unverzichtbar“, sagen Insider. Bei jedem Aufbau würden minutiös Sicherheits-Checklisten durchgegangen. Eine anerkannte Ausbildung kann man dafür allerdings nicht absolvieren. Es gibt aber zahlreiche Qualifizierungsangebote von Schaustellerverbänden und Berufsgenossenschaften.

Wohin geht die Entwicklung?

Die scheinbar ungebremste Sucht nach dem ultimativen Kick und der harte Wettbewerb auf Rummelplätzen treiben die Konstrukteure zu immer abenteuerlicheren Erfindungen an. Im Vergleich zu manchen Attraktionen in Freizeitparks ist das Stargate-Karussell vom Hüttenweg geradezu eine müde Nummer. Im „Europa- Park“ in Rust bei Freiburg gilt der „Silver Star“, die größte Achterbahn Europas, als Highlight. Mit 130 Kilometern pro Stunde stürzt man aus 73 Metern Höhe in die Tiefe. Im „Hansapark“ an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste heißt der neueste Gag „Der Fluch von Nowgorod“. Bei diesem Mix aus Achter- und Geisterbahn wird man in den Gondeln innerhalb von 1,4 Sekunden von null auf 100 Stundenkilometer katapultiert und dann im Stockdunkeln auf dem Rücken liegend fast 40 Meter in die Höhe gezogen, um danach im Winkel von 97 Grad wieder hinabzustürzen. Und auf dem kommenden Münchner Oktoberfest sollen auch das „Flip Fly“ und die „Hex’n Wipp’n“ dabei sein. Ersteres ist eine Rundum-Überkopf-Schaukel in 24 Metern Höhe, der Hexenritt erfolgt auf einer Riesenwippe, in der sich die Welt scheinbar überschlägt.

Dieser Action-Hype stoße allerdings „an die Grenzen menschlicher Belastbarkeit“, heißt es selbst in Schaustellerkreisen. Bald sei ein Astronautentraining nötig, bevor man in die Gondel steigt, sagt etwa Wollenschläger. Auch die erforderliche Logistik – vom Kran bis zum Fernlaster – sei inzwischen belastend und teuer. Dies könne man durch die Ticketpreise kaum mehr auffangen, zumal die neuen Karussells schon bei der Anschaffung meist mehr als eine Million Euro kosten. Allerdings komme der Wettlauf um Sensationen „Gott sei Dank“ langsam zum Stillstand: „Die Rummelbesucher fragen wieder nach der guten alten Schiffschaukel.“

Welche ähnlichen Unfälle gab es bisher?

„Das Unglücksrisiko bewegt sich in Promillegrößen“, heißt es in Schaustellerkreisen. Wer mit dem Auto zum Jahrmarkt komme, habe den gefährlichsten Teil des Tages schon hinter sich gebracht. Dennoch: Vorfälle gibt es immer wieder. Die Organisatoren des Oktoberfestes haben damit Erfahrung. Vergleichsweise glimpflich kamen die Insassen des Olympia-Loopings auf der vergangenen Wies’n davon. Als der Motor einer Gondel durchbrannte, blieben die Waggons stehen – in 30 Metern Höhe. Die 24 Insassen kamen mit dem Schrecken davon und konnten über die Nottreppe sowie eine Rettungsbühne befreit werden. Zwei Stunden später fuhr die Bahn bereits wieder, dem Oktoberfest blieb ein ähnlicher Schock wie zwölf Jahre zuvor erspart. Damals waren bei einem Achterbahnunglück 26 Menschen verletzt worden, als zwei Gondeln des „Euro-Star“ in vier Metern Höhe zusammenprallten. Ein Jahr zuvor war auf dem weltgrößten Volksfest bereits ein Mann aus der Riesenschaukel „Roll-Over“ geschleudert worden.

Am Maifeiertag 2001 wurden bei einem Großbrand auf einer Achterbahn im „Phantasialand“ 63 Menschen verletzt. Der Kölner Regierungspräsident erklärte damals, der Freizeitpark in Brühl sei „an einer Katastrophe vorbeigeschrammt“. Knapp 14 Monate später erwischte es Kirmesbesucher in Mönchengladbach-Rheydt. Zwei Gondeln der „Katz- und Maus“-Bahn krachten zusammen, sieben Menschen wurden schwer verletzt.

Im August 2004 verunglückte ein 35-Jähriger im „Space Wave“ auf dem Elmshorner Rummel. Der Mann stürzte aus vier Metern Höhe auf den Boden. Einen Monat zuvor waren während des Jahrmarkts in Heide bereits drei Menschen schwer verletzt worden, als sie aus dem Space Wave herausgeschleudert wurden.

Tödlich endete 2004 auch die Fahrt einer 14-Jährigen mit der „Bungee-Kugel“ auf der Kirmes im rheinland-pfälzischen Daun. Die Schülerin stürzte aus 65 Metern Höhe hinab, sie war nicht angeschnallt worden.

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