Zeitung Heute : Sie arbeiten dran

Der Ausbildungspakt hat sein Ziel bisher nicht erreicht – aber die Wirtschaft will jetzt zulegen

Cordula Eubel

Nach vorläufigen Schätzungen fehlen noch etwa 30 000 bis 40 000 Lehrstellen. Wie funktioniert der Ausbildungspakt zwischen der Bundesregierung und der Wirtschaft?

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt ist seit Jahren nicht mehr rosig. Die Lehrstellenlücke lag zum Beginn des letzten Ausbildungsjahres am 30. September 2003 bei 20 000 Plätzen. Diese Lücke gibt die rechnerische Differenz zwischen unversorgten Bewerbern und nicht besetzten Ausbildungsplätzen an. Für dieses Jahr sehen die Prognosen noch düsterer aus: Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet damit, dass unter normalen Umständen 30 000 bis 40 000 Lehrstellen fehlen werden.

Aber nur unter normalen Umständen. Mitte Juni haben Bundesregierung und die vier großen Wirtschaftsverbände für drei Jahre einen „Nationalen Pakt für Ausbildung“ abgeschlossen. Darin verpflichten sich die Partner, „allen ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen jungen Menschen ein Angebot auf Ausbildung zu machen“. Ein Angebot – das kann eine ganz normale Lehrstelle im Betrieb sein, aber auch ein Förderkurs, der für mehrere Monate von der Bundesagentur für Arbeit finanziert wird („berufsvorbereitende Maßnahme“) – oder aber ein Einstiegspraktikum in einem Betrieb.

Die Wirtschaft verpflichtet sich in dem Pakt, 30 000 neue Ausbildungsplätze einzuwerben. Wohlgemerkt: neue, nicht zusätzliche Ausbildungsplätze. Zum einen sollen Unternehmen, die bisher nicht ausgebildet haben, nun dazu bewegt werden. Zum anderen sollen Ausbildungsbetriebe überzeugt werden, Lehrstellen auszubauen. Mit den neuen Ausbildungsplätzen sollen die kompensiert werden, die wegfallen – etwa weil ein Unternehmen Konkurs anmeldet. Ziel sei es, die Zahl der Ausbildungsplätze „möglichst zu erhöhen“, heißt es in dem Pakt. Auch die Bundesregierung hat zugesagt, 20 Prozent mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen.

Darüber hinaus sagt die Wirtschaft zu, in den Betrieben 25 000 Plätze für „Einstiegsqualifikationen“ zu schaffen. Diese sollen jungen Leuten mit „eingeschränkten Vermittlungsperspektiven“ für sechs bis zwölf Monate zur Ausbildungsvorbereitung dienen – gegen ein Taschengeld. Außerdem soll das Bund-Länder-Ausbildungsprogramm Ost mit 14 000 Plätzen weitergeführt werden.

Wie erfolgreich der Pakt tatsächlich war, wird sich erst zum Ende des Jahres zeigen. Dann erst wird klar, ob die Lehrstellenlücke weitgehend geschlossen werden konnte. Im Juni konnten Industrie- und Handelskammern (IHK) sowie das Handwerk immerhin 3,9 Prozent mehr neu abgeschlossene Lehrverträge als im Juni 2003 melden. Diese Zahlen sind allerdings noch nicht sehr aussagekräftig – der Pakt wurde schließlich erst Mitte Juni abgeschlossen. In einer Woche legt der DIHK Juli-Zahlen vor.

Der positive Trend wird sich voraussichtlich fortsetzen. Allerdings hängt das auch damit zusammen, dass zahlreiche Unternehmen in diesem Jahr ihre Stellen wegen des Ausbildungspakts früher melden. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) mahnt daher, ein bisschen Geduld zu haben. Es sei „Unsinn“, vorzeitig von einem Scheitern des Pakts zu reden.

Vor Ort läuft die Arbeit auf „Hochtouren“, versichern Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt und seine Kollegen vom Handwerk und vom DIHK. Die Kammern setzen in den Regionen zusätzliches Personal ein, um in den Firmen Ausbildungsplätze einzuwerben. Mehrere hundert Personen sind im Einsatz.

Ein Indiz stimmt Günter Lambertz, beim DIHK für den Ausbildungspakt zuständig, optimistisch. Bei größeren Unternehmen, die in den letzten Jahren eher die Ausbildung zurückgefahren haben, sei ein „Schub“ zu beobachten. Das belegt auch eine aktuelle Umfrage. Rund ein Drittel der 30 im Deutschen Aktienindex notierten Unternehmen hätten „konkrete Pläne zur Ausweitung des Lehrstellenangebots“, berichtete das „Handelsblatt“. Lambertz hat dafür eine Erklärung: „Die Betriebe haben ausgerechnet, wie viel sie für die Ausbildungsplatzabgabe hätten zahlen müssen.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben