Zeitung Heute : Sie bauen auf Gott

Die religiösen Siedler wollen in keinem Fall aufgeben. Denn aus ihrer Sicht zerstört ein Rückzug aus den Palästinensergebieten das ewige Heil

Martin Gehlen

Mit dem Bau jüdischer Siedlungen in den Palästinensergebieten hat Israel nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967 begonnen. Heute leben im Westjordanland und im Gazastreifen 231 000 Israelis, die sich auf 145 Siedlungen sowie etwa 150 kleinere Außenposten verteilen. Beim Abschluss der Osloverträge 1993 waren es nur 116 000 Siedler. Obwohl die zwischen Israel und der PLO geschlossenen Verträge ausdrücklich vorsahen, dass keine der beiden Seiten die Situation einseitig zu seinen Gunsten verändern darf, baute Israel die Siedlungen nach Kräften weiter aus und verdoppelte seither die Zahl der Siedler. Damit sind heute etwa 10 Prozent der 2,1 Millionen Bewohner in der Westbank jüdischer Herkunft. Im Gazastreifen leben etwa 7800 Israelis schwer bewacht unter 1,2 Million Palästinensern.

Die Motive der Siedler lassen sich in zwei Gruppen einteilen – religiöse und ökonomische. Die religiösen Siedlungen liegen entweder in der Nähe von biblisch erwähnten Orten oder sie sind bewusst an exponierten Stellen tief in der Westbank platziert. Die Siedlungen mit Bewohnern, die primär wirtschaftliche Motive haben, liegen zwar auf palästinensischem Gebiet, aber überwiegend nahe der grünen Grenze.

Den fanatischen Kern der Siedler bilden die religiösen Zionisten der Bewegung Gush Emunim. Ihr geistlicher Inspirator war Rabbi Zvi Jehuda Kook. Seine Anhänger sind überzeugt, dass das messianische Zeitalter bereits begonnen hat und die göttliche Erlösung Israels Voraussetzung ist für die Erlösung der ganzen Welt. Darum ist es ihr Ziel, das ganze Territorium des biblischen Israel wieder in jüdische Hand zu bekommen. Umgekehrt sind sie überzeugt, dass die Aufgabe von Siedlungen in Samaria und Judäa, dem heutigen Westjordanland, gleichbedeutend ist mit dem Ende der menschlichen Hoffnung auf das Kommen der göttlichen Endzeit. Die israelische Regierung schätzt, dass etwa 10 Prozent der insgesamt 30 000 religiös-zionistische Siedler bereit sind, im Konfliktfalle zur Waffe zu greifen.

Lediglich zwei größere Siedlungen mit 25 000 Einwohnern sind von Ultra-Orthodoxen bewohnt. Sie stehen theologisch jeglicher Landnahme in Israel ablehnend gegenüber, weil sie dies als einen menschlichen Eingriff in den göttlichen Heilsplan verstehen – und darum als Gotteslästerung. Die meisten Ultra-Orthodoxen leben in Israel in geschlossenen Wohnvierteln, Mea Scharim in Jerusalem sowie in Bnai Brak in Tel Aviv.

Etwa zwei Drittel aller Siedler haben primär ökonomische Motive. Dazu gehören kinderreiche Familien oder sozial Schwache, die sich den Kauf einer eigenen Wohnung nur in den staatlich hochsubventionierten Siedlungen leisten können. Ihnen gewährt die Regierung außerordentlich zinsgünstige Darlehen. Die meisten von ihnen fahren morgens über die gut ausgebauten, nur für Israelis zugelassenen Umgehungsstraßen von der Westbank nach Israel zur Arbeit.

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