Zeitung Heute : Sie blamieren unsere Arbeitsgruppe

Daniel Shechtmans damaliger Chef im Jahr 1982 Tatsächlich machte Daniel Shechtman eine bahnbrechende Entdeckung. 29 Jahre später erhielt er dafür den Nobelpreis.

Nobelpreis-Muster. Daniel Shechtman entdeckte zuerst Quasikristalle (im Bild ihre Symmetrien) in synthetischen Proben.
Nobelpreis-Muster. Daniel Shechtman entdeckte zuerst Quasikristalle (im Bild ihre Symmetrien) in synthetischen Proben.Foto: US Department of Energy

Das ist unmöglich!“, sagte er zu sich selbst. Dabei konnte er es deutlich sehen. Auf dem Bildschirm des Elektronenmikroskops leuchteten zehn helle Punkte, die zusammen einen Kreis bildeten. Wie Kirschen auf einer Schwarzwälder Torte. Vier Punkte wären in Ordnung gewesen, auch sechs. Aber zehn, das konnte nicht sein.

Daniel Shechtman war für einen Forschungsaufenthalt aus Israel an das U.S. National Bureau of Standards nach Gaithersburg (Maryland) gekommen. Er wollte besonders robuste Aluminiumlegierungen entwickeln. Wesentlich ist dabei, ob sich die Atome zu regelmäßigen Mustern anordnen. Um das zu überprüfen, beschoss Shechtman die Materialproben mit Elektronen. Je nachdem, welche Kristallformen vorliegen, zeigen sich auf dem Bildschirm verschieden viele leuchtende Punkte. Zehn Punkte, das stand fest, waren unmöglich. Eine solche Kristallform gab es nicht.

Shechtman lief aufgeregt in den Flur. Das mussten die Kollegen sehen! Doch er traf keinen an. Shechtman nahm sein Notizbuch, in das er am Morgen auf einer neuen Seite „April 8, 82“ geschrieben und für jede Bestrahlung seine Beobachtungen eingetragen hatte. „10-fach???“ notierte er in der aktuellen Zeile.

29 Jahre später, am 10. Dezember 2011, wurde ihm der Chemienobelpreis verliehen. Für die Entdeckung von „Quasikristallen“. Sie sind eine bis dato unbekannte Mischform zwischen den regelmäßigen Atomanordnungen in reinen Kristallen und dem wirren Durcheinander wie es etwa in Glas zu finden ist.

Als Shechtman anderen Forschern von seiner Analyse berichtete, wurde er bestenfalls mit einem Kopfschütteln bedacht. Er beharrte darauf, etwas Neues entdeckt zu haben, auch als ihn der Forschungsleiter aufforderte, die Gruppe zu verlassen, wie Shechtman später der Zeitung „Haaretz“ erzählte. Der Vorwurf: Er blamiere das Team.

Es dauerte zwei Jahre, bis er sich traute – gemeinsam mit einem Kollegen – die Beobachtungen in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen. Das erste Journal sagte postwendend ab. Das zweite nahm den Artikel, der einschlug wie eine Bombe. Kollegen bestätigten die Entdeckung. Mancher hatte bereits selbst solche Strukturen gesehen, den „unmöglichen“ Befund aber als Messfehler abgetan.

Die neue Kristallform und ihr Entdecker hatten es dennoch schwer im Kreis der etablierten Forscher. Linus Pauling zum Beispiel, der sowohl den Friedens- als auch den Chemienobelpreis erhalten hatte und der Star vieler amerikanischer Chemiker war, verhöhnte ihn. „Danny Shechtman erzählt Nonsens“, ließ er hunderte Forscher auf einem Kongress wissen. „Es gibt keine Quasikristalle, nur Quasi-Wissenschaftler“, zitiert Shechtman seinen schärfsten Kritiker.

Erst nach dessen Tod 1994 wendete sich die Stimmung. „Danny“ wurde zunehmend als der anerkannt, der er war: ein großer Entdecker und vor allem ein großer Durchhalter. Ralf Nestler

Daniel Shechtman ist Materialwissenschaftler. Der 70-Jährige forschte die längste Zeit seines Lebens am Technion in Haifa, dem Israelischen Zentrum für Technologie.

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