Zeitung Heute : Sie drohen mit Waffen

Ruth Ciesinger

Nordkorea will die Sechsergespräche, an denen auch die USA teilnehmen, beenden. Ist das wieder nur ein Detail im ewigen Hin und Her von Abbruch und Aufnahme der Verhandlungen oder könnte die Ankündigung neue Qualität haben, wenn das Land wirklich nukleare Waffen hat?

Zwei Merkmale der komplizierten Beziehungen zu Nordkorea sind: Erstens, nur ganz wenige Informationen über das Innenleben des stalinistischen Systems sind wirklich gesichert. Zweitens sind dafür die meisten Meldungen, die das Regime in Pjöngjang offiziell verbreiten lässt, eher interessens- denn wahrheitsgeleitet. In diesem Zusammenhang ist auch das so genannte Eingeständnis des nordkoreanischen Außenministeriums zu sehen, Pjöngjang verfüge über einsatzfähige Atombomben. Ob das stimmt, weiß auch nach diesem Donnerstag niemand. Manche Experten bezweifeln sogar, dass Nordkorea überhaupt funktionsfähige Atomwaffen herstellen kann. Sicher ist aber, Pjöngjang eröffnet eine weitere Runde im Atompoker mit den USA.

Begonnen hat diese andauernde Krise vor drei Jahren, als Präsident George W. Bush Nordkorea gemeinsam mit dem Irak und Iran auf der Achse des Bösen verortete. Im Oktober desselben Jahres warf der US-Sondergesandte James Kelly dem Regime bei einem Besuch in Pjöngjang vor, heimlich Uran anzureichern. Die Nordkoreaner sollen dies bestätigt haben und kündigten dann kurz hintereinander die Wiederaufnahme ihres seit 1994 eingefrorenen Atomprogramms an sowie den Rücktritt vom Atomwaffensperrvertrag. Seitdem wurde in drei so genannten Sechsergesprächen unter Beteiligung von China, Japan, Südkorea, Russland, den USA und Nordkorea eine Lösung für die verfahrene Situation gesucht. Erfolglos unter anderem deshalb, weil Nordkorea auf einem bilateralen Nichtangriffspakt mit den USA besteht, die Falken in Washington aber den Diktator Kim Jong Il am liebsten stürzen sehen würden.

Zwar findet Bush selbst nach seinem zweiten Wahlsieg deutlich moderatere Worte für Nordkorea als beispielsweise für Iran. Er wolle „Nordkorea überzeugen, von seinen nuklearen Ambitionen abzulassen“, sagt der Präsident. Doch Außenministerin Condoleezza Rice hält hier offenbar wenig von diplomatischer Zurückhaltung und nannte kürzlich Nordkorea einen „Vorposten der Tyrannei“. Mit der Behauptung, Atomwaffen zu besitzen, und der Suspendierung der Sechsergespräche hat Pjöngjang jetzt reagiert.

Das bitterarme Nordkorea dürfte dies sogar aus einer gefühlten Stärke heraus tun: Ein amerikanischer Militärschlag gegen Pjöngjang ist so gut wie ausgeschlossen. Dagegen sprechen sämtliche politischen und wirtschaftlichen Interessen der USA in der Region, der anhaltende Einsatz der US-Armee im Irak, ebenso wie die hohe konventionelle Streitkraft des nordkoreanischen Militärs. Wahrscheinlich ist deshalb, dass Pjöngjang mit den Äußerungen vom Donnerstag künftige Verhandlungen nicht ausschließen, sondern seine Position für weitere Gespräche stärken will, vermutet der Nordkoreaexperte Eberhard Sandschneider von der FU in Berlin.

Sandschneider hält die Nordkoreapolitik der Regierung Bush denn auch für „gescheitert“. Das Regime habe lange genug bewiesen, dass es auf Druck nicht reagiert, sagt er, im Gegenteil. Und wenn sich beide Parteien mit gegenseitigen Drohungen weiter hochschaukeln – wer weiß, vielleicht will man in Pjöngjang doch einmal wirklich Stärke beweisen und schlägt los. „Das ist ein irres System in einer instabilen Lage“, sagt Sandschneider. „Da müssen sie auch mit einer irren Politik rechnen.“

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