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Seit 1185 Tagen wartet er auf seine Frau. Wie Politik und Gewalt das Leben einer kolumbianischen Familie zerstört.

Lars Borchert

Ein kleines Flugzeug dreht über dem kolumbianischen Dschungel seine Runden. Die Sicht ist schlecht, es ist stark bewölkt. An Bord ist – neben dem Piloten, einem Kameramann und einer Fotografin – Juan Carlos Lecompte. Er hat 7000 Fotos dabei, die er nach und nach über dem Regenwald abwirft. Auf allen Fotos ist das Geschwisterpaar Melanie und Lorenzo zu sehen, am oberen Rand der Bilder steht „Für Ingrid Betancourt von Juan Carlos“.

Lecompte ist der Ehemann der am 23.Februar 2002 von der Farc-Guerilla entführten Grünen-Politikerin Ingrid Betancourt. Mit dem Flug hat er ein Versprechen eingelöst, das er einige Monate zuvor gemacht hatte. Acht Stunden dauert die Aktion. „Die Sicht war so schlecht, dass wir Angst hatten, mit dem Flugzeug gegen die Berge zu prallen. Zumindest haben uns die Wolken vor den Schüssen der Guerilla bewahrt“, erzählt Lecompte später. Aber das Gefühl, das ihn während des Fluges am meisten bewegte, war Zufriedenheit. „Ich war sehr stolz, mein Versprechen so schnell eingelöst zu haben. Ingrid hat ein Recht darauf zu sehen, wie ihre Kinder erwachsen werden.“

Die Serranía del Chiribiquete ist ein Bergland mit vielen Höhlen, das mitten im feucht-heißen Regenwald liegt. Dort vermutet Lecompte den Ort, an dem die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, oder Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc), seine Frau gefangen halten. Ingrid Betancourt ist, wenn sie noch lebt, heute 43 Jahre alt. Vor einigen Jahren veröffentlichte die Gründerin und Chefin der Grünen-Partei „Oxígeno Verde“ das Buch „Die Wut in meinem Herzen“, in dem sie Korruption, soziale Missstände und Umweltverschmutzung in ihrem Land anprangert. 2002 kandidierte sie dann für die Präsidentschaft. Am Tag ihrer Entführung war sie auf Wahlkampftour. Trotz unmissverständlicher Warnungen der Guerilla fuhr sie auch nach San Vicente del Caguan, einer Stadt im Süden, in einer Gegend, die von der Farc kontrolliert wird. „Ingrid sollte eigentlich mit einem Hubschrauber nach San Vicente fliegen“, erklärt Lecompte. Erst im letzten Augenblick habe der damalige Präsident Pastrana entschieden, nur Medienleute mit an Bord zu nehmen. Warum ist sie trotzdem gefahren? „Sie wollte den Bewohnern zeigen, dass sie in solch schwierigen Zeiten zu ihnen steht.“ So kam es, dass die Farc die Ex-Senatorin zusammen mit der Anwärterin für die Vizepräsidentschaft, Clara Rojas, verschleppten. Seitdem sind beide Frauen Teil einer Gruppe von 61 Politikern, Soldaten und Polizisten sowie Vertragssöldnern aus den USA, mit denen die Farc versucht, 500 ihrer Leute aus Gefängnissen freizupressen.

Niemand weiß mit Gewissheit, wie viele Menschen sich zurzeit in Kolumbien in Geiselhaft befinden. Die Zahlen bewegen sich in einer Grauzone zwischen 3000 und 4200. Manche sind einige Wochen gefangen, andere mehrere Jahre. Offiziere, Politiker, Polizisten, Zivilisten. Ein Ex-Gouverneur soll schon seit mehr als sieben Jahren Geisel der Guerilla sein. Die jüngsten unter ihnen sind nicht einmal volljährig. Nach dem Drogenhandel ist Entführung die zweitgrößte Einnahmequelle der illegalen Gruppen. Rund 1600 Geiseln sollen sich allein in der Gewalt der Farc befinden. Der Rest wurde von der anderen großen Guerilla-Gruppe ELN (Nationale Befreiungsarmee), den Paramilitärs oder aber ganz gewöhnlichen Kriminellen verschleppt. Menschenraub ist zu einer besonders makaberen Form von Geldbeschaffung geworden. Mit Ingrid Betancourt haben diese Geiseln ein Gesicht bekommen. In Kolumbien selbst erregt ihr Fall weniger Aufsehen: „Machen wir uns nichts vor“, sagt Lecompte. „Bei uns geschehen noch viel tragischere Dinge: Massaker an der Zivilbevölkerung. Und fast drei Millionen Menschen wurden entweder von der Guerilla oder den Paramilitärs vertrieben. Sie sind nun obdachlos.“

Juan Carlos Lecompte ist ein Mann Mitte 40, mit dichtem braunem Haar, gut gekleidet. Genau drei Jahre und drei Monate ist es her, seitdem er seine Frau zum letzten Mal gesehen hat. Seit 1185 Tagen und Nächten wartet er darauf, dass Ingrid aus ihrem grünen Gefängnis zurückkommt. Juanqui, wie ihn seine Mutter noch heute liebevoll nennt, stammt aus dem Norden des Landes, von der Karibikküste. Den Menschen dort sagt man nach, dass sie besonders lebenslustig seien. Über sich selbst sagt Lecompte, er sei früher ein Bonvivant gewesen. Ein Weltenbummler, der fast alle Kontinente bereist hat. Mittlerweile lebt er seit knapp 20 Jahren in Bogotá, ist von Beruf Publizist, und hat vor allem durch das Vorbild seiner Frau begonnen, sich politisch zu engagieren – „auch schon vor ihrer Entführung“ an jenem 23.Februar. Seitdem hat er kein eigenständiges Leben mehr: „Mein Fühlen und Handeln ist nur auf die Befreiung meiner Frau ausgerichtet.“ Dass die Farc jeden Kontakt zu Ingrid verhindert, macht alles noch schlimmer. Sein Leben ist aus den Fugen geraten. Anfangs durchlebte er noch euphorische Höhen, wenn es Gerüchte über eine bevorstehende Befreiung Ingrids gab. Derart leichtsinnige Freuden gestattet er sich nicht mehr.

Mittlerweile schreibt Lecompte ausschließlich über die Entführungen und die politische Situation in seinem Land. Vor allem über die Verschleppung Ingrids. Zugleich kämpft er auch mit Angehörigen anderer Geiseln für deren Austausch gegen die inhaftierten Farc-Mitglieder. Die Regierung unter Präsident Alvaro Uribe, der weit mehr als 70 Prozent der Bevölkerung hinter sich hat, lehnt den angebotenen Gefangenenaustausch ab. Er kategorisiert sie als Terroristen und akzeptiert nur die militärische Befreiung. „Aber die ist bislang fast immer gescheitert“, sagt Lecompte. Deshalb will er von einer Militäraktion nichts wissen.

Das letzte Lebenszeichen seiner Frau hat Juan Carlos Lecompte im August 2003 bekommen – ein Video, das im Mai desselben Jahres gedreht worden sein soll. Darin versichert Ingrid ihrer Familie, dass es ihr den Umständen entsprechend gut gehe: „Alles, worum ich Gott bitte, ist, dass er mir hilft, jeden Tag einen Fuß vor den anderen zu setzen, um mich aufrecht zu halten.“ Seitdem kein Lebenszeichen mehr. Die einzige Möglichkeit, mit ihr in Kontakt zu treten, ist die Radiosendung „Las Voces del Secuestro“ (Die Stimmen der Entführung). Samstagnachts sprechen die Angehörigen der Verschleppten hier zu ihren Liebsten – ohne je eine Antwort zu erhalten. „Es ist schon absurd, in diese Leere hinein zu sprechen. Praktisch das ganze Land hört zu, aber du weißt nicht, ob dich die Person hören kann, um die es dir geht.“ Warum er es trotzdem versucht? „Ich will für ein paar Minuten die vielen Kilometer zu Ingrid überbrücken. Um mich wenigstens etwas weniger einsam zu fühlen.“

In seiner Verzweiflung hat er sich der Guerilla sogar schon als Geisel angeboten – zum Austausch gegen Ingrid. Vergeblich. Auch der Versuch, Ingrid und Clara durch die Hilfe Dritter freizubekommen, ist gescheitert. Als die katholische Kirche vor knapp zwei Jahren in geheimen Verhandlungen zwischen Regierung und Guerilleros vermittelte, lehnte Uribe plötzlich alle bis dahin erzielten Einigungen ab, sagt Lecompte. Das gleiche passierte im Juli 2003, als ein Vermittler aus der Schweiz eingeschaltet wurde. Ein Ersuchen ganz anderer Art hat der Schriftsteller Gabriel García Márquez verweigert, der Mitte der 90er Jahre in dem Buch „Nachricht von einer Entführung“ ein Geiseldrama rekonstruierte. „Ingrids und meine Mutter wollten ihn bitten, als Vermittler aufzutreten“, erzählt Lecompte. „Trotz der Freundschaft zu Jugendzeiten hat er sie aber nicht einmal empfangen.“ Er ist enttäuscht: „Wenigstens eine öffentliche Stellungnahme zu ihren Gunsten hätte Márquez abgeben können.“ Zugleich sagt Lecompte aber, dass ihm auch viel Gutes widerfahren sei. Viel Unterstützung aus dem Ausland und von Menschen, die genauso wie er Tag und Nacht hoffen, dass ihre Angehörigen wieder nach Hause kommen.

Um seine Situation besser bewältigen zu können, hat Juan Carlos Lecompte ein Buch geschrieben: „Buscando a Ingrid“ (Auf der Suche nach Ingrid). 230 Seiten, in denen er seine Einsamkeit, Angst und Verzweiflung aufarbeitet: Er berichtet von Ingrids Verschleppung und den Morddrohungen gegen ihn. Zugleich schildert er den Konflikt in seinem Land. Acht Monate hat er dafür gebraucht, um es dann pünktlich zum dritten Jahrestag der Entführung zu veröffentlichen. In dem letzten Kapitel gibt er Ingrid das Versprechen, mit den ersten Einnahmen aus dessen Verkauf jenen Flieger zu chartern, mit dem er vergangenen Freitag über die Serranía del Chiribiquete geflogen ist.

Nach der erfolgreichen Aktion versucht Lecompte wie schon so oft, bei „Las Voces del Secuestro“ durchzukommen. Samstagnacht um drei Uhr ist es soweit: Er bittet die Guerilla, seiner Frau eines der Fotos zu überbringen. Danach Schweigen.

Mitarbeit: Henning Gloystein

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