Zeitung Heute : Sie haben einen Versuch

Roland Knauer

Die Raumfähre Discovery hat ihren Rückflug zur Erde angetreten. Was müssen die Astronauten in der Phase vor dem gefährlichen Eintreten in die Atmosphäre noch beachten?

„Die Räder stehen, Discovery!“ Auf diesen einen Satz vom Kontrollzentrum in Houston warten die Verantwortlichen der Nasa, die Weltöffentlichkeit und vor allem die sieben Astronauten an Bord der Discovery. Erst nach einer so bestätigten erfolgreichen Landung auf der fast 4600 Meter langen Landepiste im Kennedy Space Center in Florida dürfte die gewaltige Anspannung abfallen, die auf allen Beteiligten seit Tagen lastet.

Genau wie bei einem herkömmlichen Verkehrsflugzeug gilt die Landung als gefährlichster Teil eines jeden Raumfährenfluges. Wenn die Discovery sicher auf der Landebahn aufgesetzt hat, dann haben die Astronauten und die Nasa also bewiesen, dass „sie es noch können“. Andernfalls dürften die USA wohl in den nächsten sieben bis zehn Jahren keine Astronauten mehr ins All schicken und auch die Zukunft der Raumstation ISS stünde in den Sternen.

Während der Landung wird der ohnehin enorme Druck auf die Astronauten daher noch steigen. Ein wenig verschwindet die Anspannung allerdings unter der Routine der Vorbereitungen, die an den Anflug eines Langstreckenjets erinnern. Kommandantin Eileen Collins und Pilot Jim Kelly checken mit Hilfe von Bord-Ingenieur Steve Robinson noch einmal alle Systeme, die Crew an Bord verstaut währenddessen die verbliebene Ladung. Bereits am Sonntag meldeten die Astronauten nach Houston, alle Triebwerke, das Hauptruder, die gesamte Hydraulik und sämtliche Instrumente im Cockpit der Discovery würden hervorragend funktionieren.

Damit wäre alles klar für die geplante Landung am Montagvormittag, 10.34 Uhr deutscher Zeit. Zumindest wenn das Wetter in Florida gut ist – andernfalls würde sich die Landung um 95 Minuten nach hinten verschieben. Eileen Collins dürfte dann den Befehl für die Einleitung der gefährlichsten Phase des Fluges geben. Die Oberseite der Raumfähre zeigt zu diesem Zeitpunkt noch zur Erde, der Shuttle steht praktisch Kopf. Drei Minuten und zwölf Sekunden lang feuert das Haupttriebwerk in Flugrichtung. Damit bremst die Kommandantin die Raumfähre von einem Tempo von rund 28000 Kilometern in der Stunde um eher gering erscheinende 350 Stundenkilometer ab. Das genügt, langsam neigt sich die Discovery aus rund 350 Kilometern Höhe der Erde entgegen.

Das Bremsmanöver hat die Fähre um ihre eigene Achse gedreht, jetzt zeigt der Bauch mit den Hitzeschutz-Kacheln aus gutem Grund nach vorne: Die eigentliche Vollbremsung besorgt die Atmosphäre, die mit sinkender Flughöhe immer dichter wird. Die Discovery prallt gegen die Luft und wird dabei langsamer, heizt sich aber gleichzeitig gewaltig auf. Bis zu 1600 Grad Celsius müssen die Kacheln am Bauch der Raumfähre aushalten, um Discovery und Besatzung vor dem Hitzetod zu schützen. Genau das ging bei der Columbia vor 30 Monaten schief. Daran wird wohl auch die Discovery-Crew denken, wenn die Vollbremsung die Raumfähre bei ihrem nächtlichen Flug über den Pazifik, Zentralamerika und den Golf von Mexiko in ein rötliches Glühen hüllt und sie gewaltig durchschüttelt.

Erst über Florida wird die Schallgeschwindigkeit unterschritten. Dann schaltet die Kommandantin den Antrieb aus und mit höchstens 345 Stundenkilometern setzt die Discovery als Gleitflugzeug zur Landung an. Ein Durchstarten gibt es nicht, Eileen Collins hat nur diesen einen Versuch, um der Nasa die nächsten Jahre bemannter Raumfahrt zu retten.

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