Zeitung Heute : "Sie haben Post" klingt wie bei AOL

KURT SAGATZ

Angesichts der Sorgen um Computerprobleme zum Jahrtausendwechsel sollte eigentlich angenommen werden, daß die Jahreszahl 2000 aus Marketing-Sicht nicht den besten Ruf genießt.Doch nicht nur das neue Office-Paket von Microsoft setzt auf die magische Zahl, die bereits in den siebziger und achtziger Jahre so manche Waschmaschine und so manchen Videorekorder zierte. Auch CompuServe, der seit 1969 bestehende und seit kurzem zu AOL gehörende älteste Online-Dienst der Welt, verspricht sich von der neuen Zugangssoftware mit dem Titel "CompuServe 2000" offensichtlich das durch die aufpolierte Optik angedeutete frische Image eines auf Internet-Techniken setzenden Online-Angebotes mit zukunftsweisender Technologie.Bis alle Kunden von CompuServe die Vorteile der neuen Software nutzen können, wird freilich noch etwas Zeit vergehen. Derzeit wird das neue Programm nur einigen Computer-Zeitschriften beigelegt, die Versendung an die rund 200 000 Kunden des Dienstes steht nach Aussage von Pressesprecher Stephan Naundorf erst im Herbst an. Was sich das Unternehmen davon verspricht, bleibt das Geheimnis von CompuServe.Kein Geheimnis ist hingegen, daß die neue Software vor allem das Resultat der Übernahme durch AOL ist. So wurde das Programm gemeinsam mit dem großen Schwesterunternehmen entwickelt, selbst Ereignisklänge wie "Sie haben Post" kennen AOL-Kunden von ihrer Zugangssoftware. Auch andere Features wie die fünf E-Mail-Adressen und die fünf Homepages zu je zwei Megabyte sind von AOL seit langem bekannt und die Nutzung des Internet Explorers von Microsoft zur Darstellung der webbasierten Inhalte wurde bereits von Amercia Online erfolgreich vorexerziert. Für den Nutzer muß das nicht von Nachteil sein, denn nichts spricht dagegen, bewährte Techniken zu nutzen. Zudem hat sich CompuServe im Gegensatz zu AOL bereits mit der Vorgängerversion 3.0 zum großen Teil von der Nutzung eigener Technologien zugunsten von HTML und anderen Internet-Techniken gelöst.In diese Richtung geht nun der Dienst mit "CompuServe 2000" zielgerichtet weiter. So wird nun die Möglichkeit angeboten, die Inhalte von Compu-Serve über eine normale Internet-Verbindung eines x-beliebigen Providers oder eben über ein Firmennetzwerk und den CompuServe-Browser zu nutzen. Der Vorteil vor allem für Nutzer innerhalb großer Unternehmen, deren Arbeitsplatzrechner zumeist fest mit dem Internet verbunden sind, liegt auf der Hand, und so würde es nicht verwundern, wenn sich CompuServe und vielleicht auch AOL langfristig vom Zugangsgeschäft verabschiedeten und sich ausschließlich auf die Bereitstellung von geldwerten Inhalten konzentrierten.Bei den inhaltlichen Angeboten hält CompuServe an den alten Stärken fest. Hierzu gehören vor allem die 900 Foren. Ihre Nische sehen Online-Dienste wie AOL und CompuServe in der Selektion und Aufbereitung von Inhalten sowie in der Bereitstellung von Informationen für geschlossene Benutzergruppen.Während AOL in diesem Zuge Stück für Stück die Kompetenz im Unterhaltungssektor ausgebaut hat, profiliert sich CompuServe weiter in Richtung internationale Profi-User aus den Bereichen Technik und Wirtschaft. Zahlreiche neue Foren und unzählige Archive belegen dies eindrucksvoll. Der große Vorteil für die Anbieter der Informationen liegt darin, daß CompuServe auch die Abrechnung der nicht selten recht teuren Angebote übernimmt. So kostet beispielsweise ein im Executive News Service angebotener Beitrag aus einer Fachzeitschrift oder einer Zeitung 6,50 DM (auch CompuServe rechnet inzwischen in DM ab, früher geschah dies stets über den Dollar). Da ist es schon ganz angenehm, wenn der Kunde weniger anonym ist, als dies im Internet der Fall ist.Eine neue Optik, die Nutzung allgemeiner Internet-Techniken, das Jahr 2000 im Titel und eine Verbreitung des Inhaltsbereichs sind somit die vier Säulen, mit denen CompuServe ins nächste Jahrtausend gerettet werden soll. America Online und Bertelsmann wird es jedoch aber einige Anstrengungen kosten, den Nutzerstamm zu erweitern. Denn nicht nur die mehrmonatige Arbeit an der neuen Software muß finanziert werden, sondern auch der weitere Betrieb. Es dürfte somit spannend werden, mit welchen Mitteln CompuServe im Herbst den neuen Auftritt des Dienstes verkauft.

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