Zeitung Heute : Sie hatten die Wahl

Wie ist die Abstimmung verlaufen, was waren die Probleme? Erste Fragen und Antworten

Malte Lehming[Washington]

Wie verlief die Wahl? Was ist der Gesamteindruck?

Manchmal sind selbst abgebrühte Menschen ergriffen. Wer am Dienstag in ganz Amerika die Wählerschlangen gesehen hat, die sich seit den frühen Morgenstunden vor vielen Wahllokalen bildeten, den befiel ein Gefühl des Respekts. Ob bei Regen, Wind oder Sonne, ob Alt oder Jung, Mann oder Frau, stehend oder auf einem Klappstuhl sitzend: Keine Mühsal schien zu groß, um die wichtigste Tat zu vollziehen, die es in einer Demokratie gibt – die Stimme abzugeben. Geduldig, würdevoll, zivil ging es überwiegend zu. Ein Kommentator rang sich gar zum Wort „majestätisch“ durch. „Das ist die Demokratie, Amerikas größtes Geschenk an die Welt.“

Die Wahlbeteiligung war sehr hoch. Wie war das bei vergangenen US-Wahlen?

Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen US- Präsident George W. Bush und seinem Herausforderer John Kerry hat offenbar die meisten Wähler seit 40 Jahren an die Wahlurnen getrieben. Schätzungsweise 117,5 bis 121 Millionen Menschen wollten ihre Stimme am Dienstag abgeben, eine Quote von 58 bis 60 Prozent der Wahlberechtigten. Damit würde die Wahlbeteiligung an den Rekord von 1960 heranreichen, als John F. Kennedy Amtsinhaber Richard Nixon aus dem Weißen Haus verdrängen konnte.

Am Dienstag zeichnete sich eine deutlich höhere Beteiligung ab als vor vier Jahren. Für George W. Bush und seinen damaligen demokratischen Herausforderer Al Gore gaben insgesamt 105,4 Millionen Menschen ihre Stimmen ab; eine Beteiligung von 51 Prozent. Bei der Wiederwahl von Bill Clinton 1996 gingen nur 49 Prozent zur Wahl. 1960 wurde die Höchstmarke der jüngeren Geschichte erreicht, wie Curtis Gans vom Komitee für die Studie der amerikanischen Wahlen erklärt. Damals gaben 65 Prozent der Wahlberichtigten ihre Stimme ab. Der neue Einfluss des Fernsehens trug in den 60er Jahren zum Interesse der Bevölkerung bei.

Für etwa drei Viertel der Amerikaner war diese Wahl die wichtigste in ihrem Leben. Es war die erste seit den Anschlägen vom 11. September 2001, die erste seit Afghanistan- und Irakkrieg, Patriot Act, Rekordverschuldung, Steuersenkungen, Guantanamo, Folteraffäre. Ruhig konnten die vergangenen vier Jahre niemanden lassen. Die Wahl sollte ein Zeichen setzen und diente gleichzeitig als Ventil.

Was haben die Kandidaten versucht, um die Amerikaner an die Urnen zu bekommen?

Beide Parteien mobilisierten ein Heer von Freiwilligen, die am Wahltag alles taten, um eine Stimmabgabe ihrer jeweiligen Anhänger zu ermöglichen. Sie boten Babysitting an, holten Senioren und Behinderte ab, hielten Regenschirme, Ponchos und Getränke bereit - je nach Wetterlage kalte oder warme. Es gab Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern einen Tag bezahlten Urlaub gewährten, damit diese an die Urnen gehen konnten. Professoren vergaben Sonderpunkte an Studenten, die wählten.

Demokraten wie Republikaner sagten, sie hätten jeweils eine Million Freiwillige im Einsatz gehabt. Ob das stimmt, weiß keiner. Viele davon waren Tausende von Meilen gereist, um in jenen Staaten zu helfen, die als knapp galten, den so genannten "Swing States". An die Wähler wurden Kekse, Tacos und T-Shirts verteilt. In Amerika sind Wahltage oft mehr als politische Pflichtübungen. Sie sind Happenings. Dieses war besonders beliebt. Vor vier Jahren wählten 106 Millionen Amerikaner. Schon das war ein Rekord. Jetzt könnten es bis zu 20 Millionen mehr gewesen sein.

Ist von Problemen bei der Abstimmung die Rede?

Vier Jahre nach dem Wahlchaos in den USA sind auch am Dienstag bereits zu Abstimmungsbeginn zahlreiche Beschwerden und Anfragen eingegangen. Eine von unabhängigen Wahlbeobachtern geschaltete Hotline verzeichnete innerhalb von vier Stunden nach Öffnung der Wahllokale an der Ostküste etwa 20000 Anrufe. In den meisten Fällen ging es um Fragen der Wählerregistrierung oder um das richtige Stimmlokal.

Einige Wähler in New York, Pennsylvania und Ohio beschwerten sich über eine verspätete Öffnung von Wahllokalen oder über Probleme mit Wahlmaschinen.

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