Zeitung Heute : Sie horchen nicht

Nächste Woche streiken Tausende von Klinikärzten – vor allem junge Mediziner fühlen sich ausgebeutet und unterbezahlt

Rainer Woratschka

Nächste Woche wollen die Klinikärzte an deutschen Universitätskliniken streiken. Worum geht es bei diesem Konflikt und was sind mögliche Folgen für die Patienten?

Streikende Klinikärzte – bisher hat es das bundesweit nur Anfang der 70er Jahre in Deutschland gegeben. Damals erstritten sich die Mediziner etwas, was ihnen bis 1970 vorenthalten wurde: die Bezahlung ihrer Bereitschaftsdienste.

Wenn die Krankenhausärzte in dieser Woche erneut den Aufstand proben, geht es ihnen wieder um Geld und Arbeitszeit. Aber diesmal wollen sie sich nichts wegnehmen lassen. Auf 15 Prozent ihres Einkommens müssten diejenigen verzichten, die man in Sonntagsreden so gern als wissenschaftliche Elite hofiere, sagt der Chef des Klinikärzteverbands Marburger Bund, Frank Ulrich Montgomery, und spricht von „bodenlosem Zynismus“. Gemeint sind die Mediziner in den Uni-Kliniken, denen die Bundesländer die Tarifverträge gekündigt haben. Wer neu eingestellt wird oder seinen Vertrag verlängert, muss dann wieder bis zu 42 Stunden in der Woche arbeiten und ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld auskommen

Für Montgomery ist das „staatlicher Lohnraub“. Hessens Ministerpräsident Roland Koch habe „den starken Max markieren“ wollen, die anderen Länder hätten nachgezogen. In den Uni-Kliniken müssten nun Ärzte nebeneinander für unterschiedlichen Lohn arbeiten. Und es bestehe die Gefahr, dass die Vorgaben als „Leitwährung“ über kurz oder lang auch in den kommunalen Krankenhäusern übernommen würden.

Laut Marburger Bund leisten die rund 146000 deutschen Klinikärzte jährlich rund 50 Millionen Überstunden, die nur selten vergütet werden. „Wir müssen ein deutliches Zeichen gegen überlange Arbeitszeiten, zu geringe Vergütung, massenhaft unvergütete Überstunden, kurzzeitig befristete Arbeitsverträge und zu viel Bürokratie setzen“, so Montgomery. Ab Montag treten Klinikärzte in Hessen und Baden-Württemberg in den Ausstand. Auch in Bayern sind „Nadelstichaktionen“ geplant. Münden soll all dies am Freitag in einer Großkundgebung in Berlin. An der dortigen Charite sind die Ärzte am Freitag ebenfalls zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen.

Für die Patienten bedeuten die Proteste längere Wartezeiten. Planbare Operationen würden verschoben, und wer sich den Arm breche, müsse in der Ambulanz schon mal so lange sitzen wie sonst am Wochenende, sagt Montgomery. Die Notfallversorgung sei aber sichergestellt, „das ist uns extrem wichtig“. Den Vorwurf der hessischen Staatsregierung, die Patienten für Standesinteressen in „Geiselhaft“ zu nehmen, weist der Funktionär zurück. „Patienten sind unsere stärksten Unterstützer“, sagt er. „Die merken doch auch, dass ihre Ärzte übernächtigt und ausgelaugt sind.“

Assistenzärzte in Deutschland verdienten tatsächlich zu wenig, bestätigt der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach. Das Problem sei aber nicht eine generell schlechte Bezahlung, sondern die ungerechte Verteilung. Chef- und Oberärzte, die privat abrechnen dürften, verdienten „sehr häufig“ mehr als eine Million Euro im Jahr. Es ärgere ihn, dass sich Montgomery als Anwalt der Assistenzärzte geriere, dieses System aber nicht in Frage stelle, so der Regierungsberater. International falle Deutschland durch zweierlei auf: große Organisationsmängel im Klinikmanagement und hohe Einkommensunterschiede. In den USA etwa werde kein Unterschied gemacht zwischen der Behandlung privat und gesetzlich Versicherter. Das habe auch Vorteile für die Patienten. „Renommierte Ärzte konzentrieren sich nicht nur auf Privatpatienten, sondern auf die wirklich schweren Fälle.“

Montgomery hingegen argumentiert pauschal: Im Vergleich bewegten sich die Gehälter hier zu Lande auf „erbärmlichem Niveau". Schon jetzt könnten 6000 offene Stellen nicht besetzt werden. Just 6000 Mediziner seien aber als Klinikärzte im Ausland tätig. „Solange französische, britische und amerikanische Kollegen zwei bis dreimal so viel verdienen, wird sich hier zu Lande an der Ärzteflucht ins Ausland und am Ärztemangel nichts ändern.“

Deshalb plädiert der Marburger Bund auch für eine eigene Ärztetarifordnung. Mit allen anderen im öffentlichen Dienst über einen Kamm geschoren zu werden, habe sich nicht bewährt, sagt Montgomery – und sieht darin nicht etwa einen Ausdruck von Standesdünkel. „Vom Baggerfahrer in der Lausitz bis zum Chefarzt in Berlin – das kriegen Sie einfach nicht alles in einen Tarifsack rein.“

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