Zeitung Heute : „Sie können hier arbeiten – aber erst Mal umsonst“

Für manchen Chef sind sie nur kostenlose Arbeitstiere. Ein Verein unterstützt Praktikanten, die sich ausgebeutet fühlen

Alexander Visser

Für viele Branchen gilt: Ohne vorheriges Praktikum keine Festanstellung. Aber viele Absolventen machen die Erfahrung: Auch mit Praktikum gibt es oft keine Chance auf einen Job. Es häufen sich Berichte von hoch qualifizierten Bewerbern, die ein unbezahltes Praktikum nach dem anderen machen und trotzdem keinen dauerhaften Arbeitsvertrag bekommen: Von der ausgebeuteten „Generation Praktikum“ ist die Rede. Der Verein „Fairwork“ kämpft für die Rechte der freiwilligen Mitarbeiter.

Die Vereinsvorsitzende Bettina Richter kennt den Umgang mit Praktikanten aus erster Hand. Drei Hospitanzen hatte die BWL-Absolventin schon hinter sich, als sie sich im vergangenen Jahr auf eine Stelle als Marketing-Assistentin bei der Senioren Service Gesellschaft mbH in Berlin bewarb, einer Tochterfirma der Caritas. Nachdem sie zwei Interviews und einen Einstellungstest erfolgreich bestanden hatte, rückte der Arbeitgeber mit einer weiteren Bedingung heraus: Vor Antritt der Stelle müsse sie ein einmonatiges Praktikum absolvieren – unbezahlt.

Weil Bettina Richter schon lange auf Jobsuche war, machte sie zähneknirschend mit. Doch statt als Praktikantin eine Kollegin zu unterstützen, „sollte ich vom ersten Tag an selbstständig arbeiten“, sagt Richter. Einen Monat später trat sie die versprochene Stelle an. Doch als sie ein halbes Jahr darauf einen neuen Arbeitsplatz findet, reicht sie eine Klage gegen ihren früheren Arbeitgeber ein, um den entgangenen Monatslohn nachträglich ausbezahlt zu bekommen. Der Arbeitgeber bestritt, dass sie selbstständig gearbeitet habe, war jedoch nach einer Güteverhandlung bereit, 1000 Euro nachzuzahlen. „Es hat sich nicht nur wegen des Geldes gelohnt, ich fühle mich jetzt auch viel besser“, sagt Richter.

Um Praktikanten in ähnlichen Situationen zu unterstützen, hat sie mit anderen Absolventen den Verein Fairwork gegründet. Die Homepage www.fairwork-verein.de bietet eine Übersicht zu Praktikantenrechten, Gerichtsurteilen und eine Erfahrungsdatenbank. Wer dringend Hilfe braucht, kann sich auch persönlich beraten lassen. „Wir ermutigen Praktikanten, die wirklich ausgebeutet wurden, sich vor Gericht wenigstens den entgangenen Lohn zu erklagen“, sagt Richter. Viele Betroffene würden ihre Rechte gar nicht kennen. „Wenige wissen zum Beispiel, dass ein Arbeitsgerichtsverfahren den Klagenden bis zur Güteverhandlung keinen Cent kostet.“

Auch die Gewerkschaften haben die Praktikanten entdeckt. „Wir hören täglich von Beispielen krasser Ausbeutung“, sagte DGB-Jugendsekretär Christian Kühbauch am vergangenen Donnerstag auf einer gemeinsamen Diskussionsveranstaltung mit dem Verein Fairwork. „Hochschulabsolventen sollen im Praktikum zum Beispiel das Büro putzen.“ Gerade im Medienbereich würden manche Unternehmen über die Hälfte der Stellen mit Praktikanten besetzen.

Gemeinsam will man nun die Politik für das Thema gewinnen. Derzeit wird über mögliche Strategien diskutiert: Die Gewerkschaft kann sich die Einführung eines Mindestlohns für Praktikanten vorstellen oder eine Zertifizierung von Betrieben, die Praktika anbieten. „Es gibt aber jetzt schon viele Wege, sich gegen Ausbeutung zu wehren“, sagt Kühbauch. „Leider nutzen zu wenige Betroffene ihre Möglichkeiten.“

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